Siemens-Affäre Warum Investoren nervös werden

Lange schien es, als nehme die Börse die Korruptionsaffäre bei Siemens kaum zur Kenntnis. Doch der Skandal zieht weitere Kreise, womöglich bis in die alte Konzernspitze um Heinrich von Pierer - und die Rechnung könnte für das Münchener Unternehmen höher ausfallen als erwartet.

Hamburg - Selbst Daytrader interessieren sich inzwischen für Korruption. "Guten Morgen, auch heute wieder neue Verdächtige im Schmiergeldskandal von Siemens", begrüßte die Redaktion des Newsletters "Trade of the Day" vergangene Woche ihre Abonnenten, um sogleich vor neuen Millionenklagen gegen den Konzern zu warnen und das Kursziel zu reduzieren.

In einem derart plakativen Vorgehen sehen Analysten zwar eher hektischen Aktionismus. Dennoch interessieren sich Investoren zunehmend für die stetig neuen Schockwellen, die der Schmiergeldskandal von München aus in die Welt sendet. Bis in die alte Konzernspitze um Heinrich von Pierer sehen sich immer mehr Manager dem Verdacht ausgesetzt, von illegalen Zahlungen an Auftraggeber gewusst zu haben oder diese sogar angewiesen zu haben.

Pierers Anwalt suchte auch am Montag wieder Kontakt zur Münchener Staatsanwaltschaft und überreichte den Ermittlern einen umfangreichen Schriftsatz. Ein persönliches Treffen hatte von Pierer kurzfristig abgesagt. Ob der Ex-Konzernvorstand inzwischen als Beschuldigter geführt wird, sagte die Staatsanwaltschaft nicht. Zunächst müsse das neue Material ausgewertet werden.

Von Pierer hat alle Vorwürfe bisher zurückgewiesen, doch viele Anleger fürchten, neue Erkenntnisse könnten die mit der Affäre verbundenen Kosten weiter deutlich in die Höhe treiben. Von der US-amerikanischen Börsenaufsicht SEC drohen Milliardenstrafen, deren Höhe auch vom weiteren Verlauf der Aufklärung des Skandals abhängig sein dürfte. "Die Strafe könnte ein ganzes Jahresergebnis des Konzerns fressen", sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) gegenüber manager-magazin.de.

Die "Risiken durch mögliche Strafen der SEC infolge der Korruptionsaffäre" sind für die Analysten von Independent Research ein Grund, weshalb Siemens-Papiere  derzeit "kein Kurspotenzial" mehr hätten. Auch "angesichts der weiter andauernden Ermittlungen dürfte es jedoch nicht zu einer überdurchschnittlichen Entwicklung der Siemens-Aktie auf Basis der Quartalszahlen kommen", urteilen die Experten von UBS  mit Blick auf den Quartalsbericht, den Siemens am 30. April vorlegt. Es dürften weiterhin hohe Kosten für externe Berater anfallen, begründen die Kollegen von M.M. Warburg zurückhaltende Ergebnisprognosen bei Siemens.

Übernahmegespenst macht die Runde

Übernahmegespenst macht die Runde

Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen bereits eine knappe halbe Milliarde Euro für die Dienste der amerikanischen Kanzlei Debevoise & Plimpton bezahlt. Insgesamt betrügen die Kosten bisher 1,1 Milliarden Euro, darunter 200 Millionen Euro Bußgeld für Schmiergeldzahlungen in der Sparte Com und die 420-Millionen-Kartellstrafe durch die EU wegen Preisabsprachen.

"Die Anleger und der Markt haben die Vorfälle lange recht gelassen hingenommen. Das hat sich inzwischen geändert", sagt Lothar Gries von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) gegenüber manager-magazin.de. Anlass ist auch das zuletzt unterdurchschnittliche Abschneiden der Siemens-Papiere. Hatte der Kurs nach der Razzia in der Siemens-Zentrale im November 2006 noch unbeeindruckt um gut 50 Prozent zugelegt, ging es seit Anfang dieses Jahres um ein Drittel nach unten und damit deutlich heftiger als der Dax. Der Marktwert von Siemens reduzierte sich von knapp 100 Milliarden auf aktuell 65,8 Milliarden Euro. Konkurrent General Electric  legte im selben Zeitraum leicht zu.

Schon macht das Gespenst einer Übernahme des Siemens-Konzerns die Runde, wie schon vor einem Jahr als der Kurs zwischenzeitlich abgesackt war. Die Münchener gelten als klassisches Beispiel für ein Unternehmen, das ins Visier von Finanzinvestoren gerät. Denn manche Sparte wie die profitable Medizintechnik macht es für eine Zerschlagung attraktiv. "Dass Siemens billiger ist als vor einem Jahr, macht eine Übernahme zunächst wahrscheinlicher", sagt DSW-Geschäftsführer Carsten Heise. Wegen der Finanzkrise sei allerdings das Geld womöglich knapper.

Für den Kursrutsch bei Siemens machen Analysten zwar hauptsächlich das operative Geschäft verantwortlich. So musste der Konzern seine Gewinnprognose für 2007/2008 wegen diverser Probleme bei Großprojekten unlängst um 900 Millionen Euro nach unten revidieren, eine weitere Korrektur wird für Ende April erwartet.

"Es hat den Kurs aber schon belastet, dass Siemens bereits Strafen zahlen musste", sagt SEB-Analyst Aleksander Kuntz. "Wahrscheinlich wäre der Kurs nicht so schnell gefallen", sagt Stefan Schöppner von der Dresdner Bank. Der Analyst betont zugleich jedoch die Chancen durch einen "scharfen Bruch" mit der Vergangenheit im Konzern, wie ihn die neue Führungsriege um Vorstandschef Peter Löscher eingeleitet habe. Daher werde sich der bleibende Schaden in Grenzen halten.

Skandal könnte Geschäft belasten

Skandal könnte Geschäft belasten

"Vor allem die zu erwartenden Strafzahlungen an die SEC belasten die Aktionäre", sagt Anlegeranwalt Andreas Tilp, der derzeit die Musterkläger im Telekom-Prozess vertritt, gegenüber manager-magazin.de. "Zudem drohen Rückabwicklungen bei Geschäften, die durch die Schmiergeldzahlungen belastet sind."

Der Konzern selbst weist die Vermutung zurück, die jüngsten Millionenabschreibungen seien auch erfolgt, weil zuletzt eben kein Schmiergeld mehr geflossen sei. Es sei aber denkbar, dass sich die Affäre negativ auf Teile des operativen Geschäfts auswirke, falls der Skandal zwei bis drei Jahre "auf hoher Flamme kocht", sagt ein Unternehmenssprecher.

Wie sehr die Aktionäre tatsächlich von der Schmiergeldaffäre belastet sind oder noch werden, lässt sich kaum exakt beziffern. Um 2,50 Euro dürfte der Gewinn pro Aktie geringer ausfallen, wenn die Strafe bei etwa 2,5 bis drei Milliarden Euro liegt, errechnet Analyst Roland Pitz von der HypoVereinsbank . Ein Bußgeld von ein bis zwei Milliarden Euro dürfte in der aktuellen Bewertung dabei schon eingepreist sein, vermutet Schöppner. "Es müsste schon eine dramatische Strafe von der SEC geben, damit das den Markt erschreckt."

Trotz aller Milliardenkosten im Zusammenhang mit der Affäre dürfte ein konkreter Kursschaden jedoch kaum nachzuweisen sein, erwarten Anlegerschützer. Deshalb rufen sie noch nicht nach einer Entschädigung. "Es ist Sache des Unternehmens, Schadensersatz von den alten Vorständen oder dem Aufsichtsrat zu verlangen, sofern diese von den Vorgängen wussten", sagt DSW-Vertreterin Bergdolt.

Manch ein Altaktionär hätte von dem Skandal unter dem Strich sogar profitiert, sagt ein Analyst. Denn manche Gewinne der vergangenen Jahre wären ohne Schmiergeld wohl um einiges geringer ausgefallen.

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