Müllers Welt Der Super-Euro

Der Euro eilt von einem Rekord zum nächsten. Warum? Weil der Rest der Welt Europa neu bewertet. Darauf können wir mit Recht stolz sein. Aber taugen wir deshalb als Vorbild für den Rest der Welt?

Vor einigen Monaten machten wir bei einer manager-magazin-Veranstaltung eine anonyme Umfrage unter den Gästen, allesamt Topleute aus Wirtschaft und Verwaltung: Was erwartet ihr, so fragten wir, wie wird sich der Außenwert des Euro in den kommenden zwölf Monaten entwickeln?

Das war im Herbst 2007, der Kurs stand bei 1,45 Dollar pro Euro .

Das Ergebnis: Im Durchschnitt erwarteten die Teilnehmer den aktuellen Tageskurs von 1,45. Eine Antwort, die interessanterweise im Einklang mit der ökonomischen Forschung steht: Die meisten Ökonomen gehen immer noch davon aus, dass die beste Prognose für den Wechselkurs von morgen der Wechselkurs von heute ist (zuzüglich eines stochastischen Störterms mit dem Erwartungswert Null). Mit anderen Worten: Nichts Genaues weiß man nicht.

Und doch steigt der Euro immer weiter, bricht alle Rekorde, ist stärker als es die D-Mark jemals war. Wie weit? Meine ganz persönliche Erwartung lautet: You ain't seen nothing yet. Vorigen Herbst tippte ich auf 1,80 Dollar pro Euro Ende 2008. Dabei bleibe ich bis auf Weiteres.

Hinter diesen Preisverschiebungen steckt eine schleichende Revolution. Der Super-Euro verändert Europa, ökonomisch und politisch. Er wirft ein neues Licht auf die Alte Welt, er verschiebt ihre Selbstwahrnehmung - und ihre Fremdwahrnehmung durch den Rest der Welt.

Kurz: Der Euro verändert Europas Marktwert.

Zu Marktkursen ist die Euroland-Ökonomie jetzt die größte Volkswirtschaft der Welt. Oberhalb von 1,56 Dollar pro Euro, haben Brüsseler Beamte berechnet, ist unser Bruttoinlandsprodukt größer als das der USA, größer als Chinas sowieso.

Erstaunlich. Schließlich handelt es sich um Länder, die der Rest der Welt noch vor gar nicht so langer Zeit abgehakt hatte. Und viele Europäer selbst auch.

Amerikas Reize verwelken

Geldanlagen in Old Europe

Deutschland und Italien zählen zu den ältesten Gesellschaften weltweit, Frankreich steht sich mit seiner Staatsfixierung selbst im Weg - und diese drei Volkswirtschaften machen knapp zwei Drittel des gemeinsamen Euro-BIP aus. Die übrigen zwölf Staaten (sorry, Österreich) spielen nur am Rand eine Rolle.

Der teure Euro veranlasst nun den Rest der Welt, sich mit Geldanlagen in Old Europe zu befassen. Wer irgendwo auf dem Globus in eine stabile internationale Währung mit liquiden Märkten investieren will, dem bleibt nun nichts anderes übrig, als die Euro-Märkte in Betracht zu ziehen.

Anders gewendet: Durch die immer stärkere Währung steigt Europas Gravitationskraft.

Entsprechend wird Europa auch als ökonomisches Modell differenzierter gesehen. Noch vor kurzem galt es als abstruser Anachronismus. Doch inzwischen, angesichts all der abrupten Wechselfälle der Globalisierung - Bankenkrise, Rohstoffpreisexplosion, Immobiliencrashs -, erscheint der Kontinent geradezu als vorbildlich.

Amerikas Reize verwelken

Sowohl in den USA als auch in China wird ernsthaft über einen Ausbau des Sozialstaats nachgedacht. Freie Märkte und individuelle Eigenverantwortung haben an Popularität verloren. Sogar der Chairman der US-Notenbank, Ben Bernanke, spricht sich dafür aus, die Verlierer der Entwicklung effektiver zu unterstützen. Also mehr Sozialstaat zu wagen.

Hinzu kommt, dass die Reize des amerikanischen Gegenmodells unübersehbar verwelkt sind.

Das Platzen der Immobilien- und der Kreditblase macht deutlich, wie sehr die USA in den vergangenen Jahren über ihre Verhältnisse gelebt haben. Die statistisch gemessenen Wohlstandszuwächse waren geborgt und deshalb nicht nachhaltig.

Lasst Euch nicht einlullen

Lasst Euch nicht einlullen

Die Euroland-Volkswirtschaft steht im Gegensatz dazu ziemlich solide da. Zwar gibt es auch hier in einigen Regionen Immobilienblasen, aber als Ganzes ist Europa derzeit ein Hort der Ruhe und der Stabilität.

Insgesamt erleben die Europäer derzeit eine Aufwertung ihres Ansehens, die sie mit Stolz erfüllt. Zu Recht.

Aber wir dürfen uns vom Super-Euro nicht einlullen lassen. Gerade die bullenstarke Währung schafft einen enormen Reformbedarf. Nämlich: Eine internationale Währung ist schwer kalkulierbaren Wechselkursschwankungen ausgesetzt; entsprechend flexibel müssen insbesondere die Arbeitsmärkte sein, um Verwerfungen rasch zu verdauen. Da ist noch einiges zu tun, auch wenn die Märkte bereits flexibler geworden sind.

Wechselkursschwankungen führen zu asymmetrischen Entwicklungen innerhalb des Euro-Raums. Man sieht das aktuell: Während die deutsche Wirtschaft die Verteuerung ihrer Exporte bislang gut verkraftet, steht Italien am Rand einer Rezession. Und Spanien steht am Ende eines furiosen Baubooms, wodurch das Land auf Jahre belastet wird. Aber: Alle 15 Mitgliedstaaten haben den gleichen Außenwert und das gleiche Zinsniveau.

Konsolidierung ist Pflicht

Abfedern muss diese divergierenden Entwicklungen vor allem die nationale Finanzpolitik in den einzelnen Euro-Staaten. Aber die immer noch hochverschuldeten Mitgliedstaaten haben kaum Spielraum für konjunkturbedingtes Gegensteuern - weitere Haushaltskonsolidierung über den Konjunkturzyklus hinweg ist deshalb Pflicht.

Schließlich müssen auch Europas Sozialstaaten umgebaut werden: weg von der beitragsfinanzierten Lebensstandardsicherung der Arbeiter und Angestellten - hin zur steuerfinanzierten Grundsicherung für alle. Auch Schulen und Hochschulen sind reformbedürftig. Nur mit derlei Renovierungsarbeiten lässt sich die Beschäftigung weiter steigern und der Wachstumskurs beibehalten.

Kann sein, dass der Super-Euro derlei Veränderungen anstößt. Wir sollten dran glauben.

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