Gutachten Robustes Wachstum in Deutschland

Die Wirtschaftsinstitute trauen Deutschland trotz der weltweiten Finanzkrise, des starken Euro und der hohen Preise 2008 und 2009 ein robustes Wachstum zu. Der Außenhandelsverband glaubt sogar, dass der Titel des Exportweltmeisters gegen China verteidigt wird.

Berlin - "Die deutschen Unternehmen behaupten sich hervorragend auf den Weltmärkten", sagte Prof. Joachim Scheide (Kiel) am Donnerstag bei der Vorlage des Frühjahrsgutachtens der führenden Ökonomen in Berlin. Die Bundesregierung müsse aber unbedingt auf Reformkurs bleiben.

Ein Milliardenprogramm zur Stützung der Konjunktur sei ebenso falsch wie bundesweite Mindestlöhne. Für die Verbraucher gebe es nach den Preisschocks bei Heizöl, Benzin oder Lebensmitteln Hoffnung: Spätestens im nächsten Jahr könnte die Teuerungswelle deutlich nachlassen, glauben die Institute. Deshalb dürften die Gewerkschaften bei den bevorstehenden Tarifrunden den Bogen nicht überspannen.

Die im Moment explodierenden Verbraucherpreise seien kein Grund für hohe Lohnforderungen. "3 Prozent ist nicht das, was zur Verteilung ansteht", sagte Scheide. Die Inflation werde im Gesamtjahr bei 2,6 Prozent, im nächsten Jahr nur noch bei 1,8 Prozent liegen. Im März war die Teuerungsrate auf 3,1 Prozent geklettert. Beim Wachstum erwarten die Experten in diesem Jahr ein Plus von 1,8 Prozent, im nächsten Jahr von 1,4 Prozent.

Die Forscher wiesen den Eindruck zurück, der Aufschwung komme bei vielen Bürgern nicht an. Durch die jüngsten Tarifabschlüsse hätten viele Beschäftigte netto wieder mehr Geld im Portemonnaie. Auch seien in drei Jahren mehr als 1,5 Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit herausgeholt worden. 2008 werde die Arbeitslosenzahl um 560.000 auf 3,2 Millionen sinken. 2009 würden dann weniger als drei Millionen Deutsche arbeitslos sein - das gab es zuletzt 1992.

Die Experten warnten die Regierung davor, nach dem Vorbild von US-Präsident George W. Bush ein Milliarden-Programm zur Stützung der Konjunktur aufzulegen. Neben dem strikten Sparkurs könnte der Staat aber mehr in Straßen, Schienen, Bildung und Forschung investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln. Diesen Vorschlag begrüßte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB): Die Politik dürfe Wachstums- und Beschäftigungsspielräume jetzt nicht fahrlässig verschenken. Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt forderte dagegen einen eisernen Sparwillen: "Ich warne die Bundesregierung davor, die robuste Wirtschaftsentwicklung durch eine lasche und populistische Politik zu gefährden."

Die Mehrheit der Institute lehnt Mindestlöhne klar ab. Gesetzliche Lohnuntergrenzen könnten viele Arbeitsplätze vernichten. Das Argument von SPD, Gewerkschaften und der Linken, von einem niedrigen Stundenlohn könne man nicht leben, greife zu kurz, sagte Scheide. Der Staat helfe Betroffenen mit Hartz IV oder dem Arbeitslosengeld II. Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle sagte dagegen, ein niedriger Mindestlohn könne sinnvoll sein.

Ende der Finanzkrise nicht abzusehen

Ende der Finanzkrise nicht abzusehen

Die weltweite Finanzmarktkrise ist nach Ansicht der Institute noch lange nicht ausgestanden. "Es ist kaum abzusehen, wie weit die Immobilienpreise und Aktienkurse noch fallen und wann sie ihren Tiefpunkt erreichen werden", sagte Klaus-Jürgen Gern (Kiel). Die deutsche Wirtschaft und die Banken hätten die Probleme bislang aber gut weggesteckt. Die Gefahr einer Rezession sei gering - anders als in den USA.

Die Bundesregierung legt in der nächsten Woche ihre neue Prognose vor. Bislang geht sie für 2008 von einem Wachstum von 1,7 Prozent aus. Die Frühjahrs- und Herbstgutachten der Institute werden seit 1950 im Auftrag der Regierung vorgelegt. Neuerdings sind auch ausländische Ökonomen beteiligt. Das aktuelle Frühjahrsgutachten wurde von den acht Instituten IfW (Kiel), Ifo (München), IWH (Halle), RWI (Essen), IMK (Düsseldorf), KOF (Zürich), Wifo und IHS (beide Wien) erstellt.

Im Rennen um den Titel des Exportweltmeisters hat Deutschland aus Sicht des Branchenverbandes weiter die Nase vorn. "Wir werden 2008 auch Weltmeister und ich wage die Prognose: auch noch 2009", sagte Verbandschef Anton Börner am Donnerstag dem Saarländischen Rundfunk. Grund für den Optimismus sei, dass dem Konkurrenten China die Dollarschwäche stärker zu schaffen mache als den deutschen Unternehmen. Die Ausfuhren aus dem Reich der Mitte in die USA fielen drastisch zurück. "Und das gibt uns natürlich Aufschwung", sagte Börner.

Im Februar hatte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos gesagt, Deutschland werde noch in diesem Jahr als Exportweltmeister von China entthront. 2007 hatte Deutschland seine Spitzenstellung erneut verteidigt und China auf Platz zwei verwiesen. Die Bundesrepublik und die Volksrepublik rangeln in einem sich abschwächenden konjunkturellen Umfeld um die Exportkrone: Laut Welthandelsorganisation (WTO) wird sich das globale Wachstum 2008 auf 4,5 von 5,5 Prozent im vorigen Jahr abkühlen.

manager-magazin.de mit Material von dpa-afx und reuters

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.