Merck Von Traumrenditen und Absurditäten

Merck hat turbulente Zeiten hinter sich: Die gescheiterte Schering-Übernahme, der Verkauf der Generikasparte und der Kauf des Serono-Konzerns für zehn Milliarden Euro. Nun setzt Vorstandschef Karl-Ludwig Kley auf Innovationen - und baut dabei auf die hohen Erträge aus dem Geschäft mit Flüssigkristallen.

Hamburg - Karl-Ludwig Kley ist Fußballfan. Der Vorstandschef des Chemie- und Pharmakonzerns Merck  hält zum 1. FC Köln, dort ist er auch Vorsitzender des Aufsichtsrats. Kein Wunder also, dass sich Kley während seines Vortrags vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten (CHW)  die Fußballergebnisse des Abends auf einem kleinen Zettel reichen lässt.

Was er dort las, hellte seine Miene auf. Nur wenige Hundert Meter von der Hanse Lounge entfernt hatte gerade der FC St. Pauli mit 3:1 gegen Hoffenheim gewonnen - damit bleiben Kleys Geißböcke auf dem zweiten Rang der Zweitligatabelle, denn der finanzstarke Aufstiegskonkurrent aus dem Rhein-Neckar-Kreis konnte nicht an den Kölnern vorbeiziehen.

Rosige Aussichten also nicht nur für Kleys Verein, sondern auch für das ihm anvertraute Darmstädter Unternehmen Merck. Anvertraut vom einem mächtigen Clan, denn 70 Prozent des Konzerns befinden sich im Familienbesitz. "Und obwohl nur 30 Prozent der Anteile an der Börse notiert sind, befinden wir uns seit fast einem Jahr im Dax", so der Chef von mehr als 30.000 Mitarbeitern weltweit.

Besonders stolz scheint er darauf allerdings nicht zu sein: "Dieser Index war nie ein Unternehmensziel, wir hätten auf Quartalsberichte verzichten können, um die Aufnahme zu verhindern, doch das wollten wir dann doch nicht." Merck scheint also der etwas andere Dax-Konzern zu sein, man weigert sich in Darmstadt auch, die Gehälter der Vorstände zu veröffentlichen.

Das bringt Kley und seinen Kollegen natürlich Kritik wegen mangelnder Transparenz ein. "Wenn das Gesetz die Möglichkeit gibt, nicht jeden Unsinn mitzumachen, sollte man das ausnutzen", verteidigt sich der ehemalige Lufthansa-Finanzchef, indem er auf ein Schlupfloch verweist: Die Verweigerung der Gehälteroffenlegung ist erlaubt, wenn 75 Prozent der Eigentümer dagegen stimmen. "Zu diesem Beschluss stehen wir - ganz besonders, da es sowieso keine Korrelation zwischen Vertrauen und Veröffentlichung von Gehältern gibt", so Kley.

Erbschaftsteuer bereitet Probleme

Erbschaftsteuer bereitet Probleme

Im Unterschied zu vielen anderen Konzernlenkern ist Kley allerdings auch persönlich haftender Gesellschafter der Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) - diese Rechtsform findet sich in der ersten deutschen Börsenliga außer bei Merck nur noch bei Henkel  und Fresenius Medical Care . "Doch das macht uns als Vorstand besonders risikobewusst", sagt Kley und verweist auf die Unternehmensstrategie "Bewahren, verändern, wachsen".

Bewegend waren die vergangenen zwei Jahre bei Deutschlands ältestem pharmazeutisch-chemischen Unternehmen. Nach dem gescheiterten Griff nach Schering - die Niederlage gegen den Weißen Ritter Bayer  war noch vor Kleys Amtszeit - verkaufte Merck seine Generikasparte für knapp fünf Milliarden Euro und holte dann den Schweizer Biotechkonzern Serono ins Boot - für über zehn Milliarden Euro.

Die Bilanz für 2007 ist dabei beeindruckend: Bei einem Umsatz von 7,1 Milliarden Euro lag der Gewinn nach Steuern bei 3,5 Milliarden Euro - laut Kley "das stärkste Jahr der Geschichte". Die Zahlen für das erste Quartal 2008 folgen am 23. April. Doch schon wird bei Merck - neben der Verarbeitung der großen Transaktionen - wieder nach vorn geschaut, die Schritte werden dabei naturgemäß allerdings kleiner ausfallen.

Weitere Zukäufe schließt Kley nicht aus, für Deutschland sieht er jedoch "in absehbarer Zeit keinen Versuch einer erneuten feindlichen Übernahme". Im Ausland sei das möglich, aber aktuell nicht geplant. Vorstellbar sei vielmehr der Erwerb von weiteren Produktlizenzen. Ein hohes Wachstum erwartet Merck darüber hinaus vor allem auf dem japanischen Markt für verschreibungspflichtige Medikamente - 300 Millionen Euro sind hier angepeilt.

Zum Standort Deutschland, hier arbeitet etwa ein Drittel der Merck-Belegschaft, bekennt sich Kley: "Wir finden hier eine hohe wissenschaftliche Qualität und eine gute Infrastruktur". Die Erbschaftsteuer bereite dem Konzern allerdings gewaltige Bauchschmerzen - kein Wunder bei etwa 150 Mitgliedern der weit verzweigten Merck-Familie. Kley spricht in diesem Zusammenhang von "Absurditäten der deutschen Steuergesetzgebung" - an der Rechtsform oder dem Standort solle jedoch nichts geändert werden.

"Der Markt wuchs in uns rein"

"Der Markt wuchs in uns rein"

Auch wenn die Zahl der Stellen in Deutschland weiter behutsam ausgebaut werden soll, verschweigt Kley nicht, dass das Hauptwachstum im Ausland stattfindet. Zum Beispiel in den USA - dem größten Pharmamarkt der Welt. "Davon dürfen wir uns nicht abkoppeln", sagt Kley und liefert damit zugleich die Begründung für die 50-Millionen-Dollar-Investition in ein Forschungszentrum bei Boston. 100 Mitarbeiter werden hier ab 2010 auf den Gebieten Onkologie und Fruchtbarkeit forschen.

Innovationen spielen natürlich bei einem Unternehmen wie Merck eine entscheidende Rolle für den Unternehmenserfolg in der Zukunft: Sei es bei der Entwicklung von Arzneimitteln oder neuer Chemikalien. Im Pharmabereich sieht Kley die Forschungsschwerpunkte auf Therapien gegen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

In der Chemiesparte boomt das Geschäft mit den Flüssigkristallen, die Traumrendite liegt hier derzeit bei 53 Prozent. Bei den Flüssigkristallen für Flachbildschirme und Handydisplays hat Merck einen weltweiten Marktanteil von deutlich über 60 Prozent. "Und hier können wir beruhigt in die Zukunft sehen, da wir, was die Patente angeht, hervorragend aufgestellt sind, und uns auch die Anwendungstechnik Sicherheit gibt."

Kley führt diesen Bereich als Beispiel dafür an, dass man nicht immer nur kurzfristig denken darf: "Die Technologie war schon lange da - und plötzlich wuchs der Markt in uns rein". Das globale Wachstumspotenzial ist weiterhin groß, auch wenn Kley zugeben muss, dass die Rendite in den nächsten Jahren wohl leicht sinken werde, zunächst auf einen immer noch sehr hohen Bereich zwischen 47 und 52 Prozent.

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