Telekom-Prozess Finanzchef Eick stützt Ron Sommer

Als erster aktiver Telekom-Vorstand hat im Frankfurter Prozess Finanzchef Karl-Gerhard Eick ausgesagt. Er stützte ebenso wie der ehemalige Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus die Version des früheren Konzernchefs Ron Sommer. Die T-Aktionäre seien nicht über das Risiko der Voicestream-Übernahme getäuscht worden.

Frankfurt am Main - Wie zuvor schon Winkhaus stützte Eick am Dienstag die Darstellung Ron Sommers, dass die Übernahme des US-Mobilfunkers Voicestream innerhalb weniger Tage im Juli 2000 abgewickelt worden sei. Die Kläger vermuten hingegen, dass der letztlich rund 39 Milliarden Euro schwere Deal bereits während des im Juni abgeschlossenen dritten Börsengangs der Deutschen Telekom  verabredet und rechtswidrig nicht bekanntgegeben worden sei.

Eick, der vor dem Oberlandesgericht Frankfurt nicht als Zeuge sondern als Parteivertreter befragt wurde, schilderte "sehr harte Gespräche" zwischen Sommer und Voicestream-Chef John Stanton vom 13. bis 16. Juli 2000 im Urlaubsort Sun Valley im US-Staat Idaho. "Beide Seiten mussten schließlich die Interessen ihrer Aktionäre schützen."

Eick - der damals wesentlich am Zustandekommen des Geschäfts beteiligt war - erläuterte, die Telekom habe im ersten Halbjahr 2000 nach möglichen Übernahmekandidaten Ausschau gehalten. Ende Juni habe der Vorstand den Aufsichtsrat über den Findungsprozess informiert, dabei sei es unter anderem um Qwest  und Voicestream gegangen. Im Anschluss habe es eine Diskussion über die Prioritätensetzung und Wunschkandidaten gegeben. "Dann bin ich in Urlaub gefahren", erläuterte Eick. Eine Akquisition habe also nicht unmittelbar bevorgestanden. Am 10. oder 11. Juli sei er dann angerufen worden, weil sich konkrete Gespräche mit Voicestream abgezeichnet hätten.

Nach der grundsätzlichen Einigung habe man alle Kräfte auf die Verwirklichung des Geschäfts konzentriert, das bereits eine Woche später abgeschlossen wurde. Seit Jahresbeginn habe ein Telekom-Team weltweit nach Übernahmekandidaten gesucht und umfangreiche Vorarbeiten geleistet.

Ex-Aufsichtsratschef Winkhaus zufolge lagen dem Kontrollgremium bei seiner Entscheidung am 23. Juli die Übernahmeverträge nicht schriftlich vor. Kein Mitglied des Gremiums habe in der vierstündigen "finalen Sitzung" danach gefragt, weil dies nicht üblich gewesen sei. Vielmehr habe man sich auf den Vortrag des Vorstands verlassen. Im Aufsichtsrat habe es Bedenken wegen des sehr hohen Kaufpreises gegeben, sagte der damalige Aufsichtsratschef. Letztendlich sei die strategische Entscheidung einstimmig gefällt worden. Hintergrund seien die starken Wachstumserwartungen auf dem Mobilfunkmarkt in den USA gewesen.

Auch Winkhaus wies Vorwürfe von Anlegern zurück, die Telekom habe zu spät über den Kauf von Voicestream informiert. Er räumte jedoch ein, dass es bereits früher ein unverbindliches Angebot an Voicestream gegeben habe, um die Chancen gegenüber Wettbewerbern zu erhöhen. Die milliardenschwere Akquisition ist einer der wichtigsten Streitpunkte in einem Mammutprozess, mit dem 16.000 T-Aktionäre rund 80 Millionen Euro Schadensersatz für erlittene Kursverluste erstreiten wollen. Sie werfen der Telekom  vor, die Akquisition im Börsenprospekt verschwiegen zu haben, obwohl die Entscheidung zum Zeitpunkt der dritten Aktienplatzierung nach ihrer Auffassung am 19. Juni 2000 bereits gefallen war.

Kläger können nicht punkten

Kläger können nicht punkten

Nach der Aussage Sommers von Montag soll der Deal innerhalb einer guten Woche über die Bühne gebracht worden sein. Sommer hatte erklärt, die Entscheidung für intensive Gespräche mit Voicestream sei erst gefallen, als Mitte Juli Verhandlungen mit dem US-Unternehmen Qwest gescheitert waren. Auch er hatte vorherige Gespräche eingeräumt. Die Anwälte der Kläger bezweifeln jedoch, dass die Telekom den Vertrag mit Voicestream innerhalb einer Woche verhandelt und abgeschlossen habe. Sie wollen daher weitere Zeugen laden lassen, darunter den damaligen Voicestream-Chef John Stanton.

Der schnelle Vertragsabschluss warf Zweifel auf: Andreas Tilp, einer der Kläger in dem Prospekthaftungs-Prozess, sprach von einem "Hau-Ruck-Verfahren". Aus seiner Sicht ist eine Transaktion in der Größenordnung nicht in der kurzen Zeit zu stemmen. Eine entscheidende Frage: Sollte die Entscheidung pro Voicestream schon früher gefallen sein, dann hätte die Telekom ihre Aktionäre im Prospekt für die am 19. Juni 2000 erfolgte dritte Aktienplatzierung nicht richtig informiert.

Klägeranwalt will Kapitalanlagebetrug nachweisen

Die Kläger konnten in dem Verfahren bisher nicht punkten. Zu Beginn des Musterverfahrens schon hatten sie einen Rückschlag hinnehmen müssen. Nach Ansicht des Vorsitzenden Richters Christian Dittrich war die Immobilienbewertung der Telekom nicht zu beanstanden. Anfang 2001 hatte die Telekom den Wert ihrer Grundstücke und Gebäude rückwirkend für 2000 um zwei Milliarden Euro nach unten korrigiert.

Rechtsanwalt Tilp versucht nun, der Telekom nicht mehr nur Fehler im Börsenprospekt nachzuweisen, sondern auch Kapitalanlagebetrug. Die Kanzlei habe durchgesetzt, dass sie Einblick in die Akten der Staatsanwaltschaft Bonn erhält. Tilp will die Telekom mit einem Antrag auch zwingen, ihre Unterlagen für einen Anlegerprozess in den USA auch in Deutschland vorzulegen. Dort hatte sich die Telekom mit den Klägern verglichen.

Die Übernahme von Voicestream ist ein großer Einschnitt in der Geschichte der Telekom. Nach dem Kauf war es mit dem zügellosen Akquisitionsfieber vorbei: Sommer-Nachfolger Kai-Uwe Ricke musste sich ab 2002 um den Abbau der drückenden Schulden bemühen, die auch durch den milliardenschweren Erwerb der UMTS-Lizenzen angeschwollen waren. Wichtige Auslandsbeteiligungen wie die an dem russischen Mobilfunker MTS wurden verkauft, die heute als Wachstumstreiber fehlen.

Auch wenn die Bilanz der Bonner nun wieder größeren Spielraum zulässt, so kann die neue Führung unter Vorstandschef René Obermann nicht befreit aufspielen. Einige Investoren warnen immer wieder vor teuren Akquisitionen. In neue, zukunftsträchtige Märkte wie Indien oder Afrika kann sich die Telekom nicht vortasten. In den Köpfen einiger Anleger taucht dann sofort wieder das Bild "Voicestream" auf. Nicht unbegründet, denn Zukäufe in diesen Regionen sind auch teuer, wie der Einstieg von Vodafone  bei der indischen Hutchison Essar für 13 Milliarden Dollar zeigte.

manager-magazin.de mit Material von reuters und dpa

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