Siemens Neuer Verdacht gegen von Pierer

In der Siemens-Schmiergeldaffäre gerät Heinrich von Pierer erneut unter Druck. Nach Informationen des SPIEGEL belasten bisher unbekannte Unterlagen des Konzerns aus dem Jahr 2004 den früheren Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratschef.

München - Vermerke des ehemaligen Leiters der Compliance-Abteilung, Albrecht Schäfer, wiesen darauf hin, dass Pierer und andere Vorstände schon damals über mögliche systematische Korruptionspraktiken im Konzern informiert waren, schreibt der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe.

Dabei handle es sich um einen Bericht Schäfers, in dem dieser am 3. Mai 2004 Pierer und weitere Mitglieder des Zentralvorstands über den Beschluss eines Mailänder Ermittlungsrichters in Kenntnis gesetzt habe. Vor dem Hintergrund eines Bestechungsskandals in Italien, bei dem Siemens  mit Schmiergeld den Verkauf von Turbinen an den Stromerzeuger Enel sichergestellt haben sollte, zitierte der Compliance-Chef laut SPIEGEL aus einer Anordnung des Ermittlungsrichters.

Darin heiße es, "insbesondere die ... Existenz schwarzer Kassen bei Siemens zeigt, dass die von Siemens praktizierte Aufsicht völlig ineffizient war und das Unternehmen Schmiergeldzahlungen zumindest als mögliche Unternehmensstrategie ansah". Der Vermerk führe im Verteiler nach der Formulierung "zur Kenntnis" auch den Namen Pierer auf.

In einem weiteren Vermerk vom 29. April 2004, der ebenfalls an Pierer und andere Vorstände gerichtet gewesen sei, referierte der Anti-Korruptionsexperte über die Gefahr, dass die amerikanische Börsenaufsicht SEC wegen des Enel-Falls eingreifen könne, schreibt das Magazin weiter.

Nach Angaben der Anwältin des Ex-Compliance-Chefs hatte ihr Mandant bereits Anfang 2007 umfassend den internen Siemens- Ermittlern sein Wissen eröffnen wollen. Allerdings habe noch in der ersten Jahreshälfte 2007 "kein Interesse an seinen Aussagen" bestanden.

War Pierer selbst an Bestechung beteiligt?

War Pierer selbst an Bestechung beteiligt?

Zudem liegen laut SPIEGEL weitere Unterlagen vor, die sich mit einer möglichen Verwicklung Pierers in die Zahlung von Provisionen bei dem mutmaßlich größten Schmiergeldgeschäft in der Geschichte des Siemens-Konzerns beschäftigen.

Beim Bau zweier Kernkraftwerke im iranischen Buschehr für insgesamt acht Milliarden Mark in den siebziger Jahren sollte Siemens 400 Millionen Mark an einen iranischen Geschäftspartner mit Verbindungen zum damaligen Schah von Persien zahlen. In den Folgejahren flossen davon über 266 Millionen Mark, bis es zur Einstellung der Zahlungen 1987 kam.

Pierer war zunächst als Hausjurist, später als Kaufmann der Siemens-Tochter KWU direkt für das Projekt mitverantwortlich. In einem Brief an Pierer wirft der heute in Genf lebende Geschäftsmann ihm vor, vor Jahrzehnten selbst beim Buschehr-Projekt korruptives Fehlverhalten "orchestriert" und von Kickbacks an andere Siemens-Mitarbeiter gewusst zu haben. Dem Perser zufolge sei Pierer bei der Übergabe eines Provisionsabschlags im Jahr 1982 in Genf an ihn selbst persönlich zugegen gewesen.

Im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München sind inzwischen auch Belege aufgetaucht, aus denen hervorgeht, dass mit Geld aus schwarzen Kassen der COM-Sparte in einem Fall eine Berliner Detektei bezahlt wurde. Diese hatte nach Angaben des mutmaßlichen Organisators der schwarzen Kassen, Reinhard S., die Aufgabe, zwei unbequeme Betriebsräte der IG Metall auszuforschen. Siemens äußerte sich zu dem Vorgang auf Anfrage nicht.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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