Schwellenländer Angriff aus der zweiten Reihe

Tata, Mittal und Co. waren nur der Anfang: Konzerne aus Schwellenländern sind trotz der Finanzkrise weiter auf dem Vormarsch, zeigen zwei aktuelle Studien. Mit ungewöhnlichen Geschäftsideen macht eine zweite Generation von Aufsteigern den etablierten Konzernen Druck - und setzt zum Sprung in den Westen an.

Hamburg - Auf die Idee seines Lebens kam Jason Jiang, als er in einer überfüllten Bürohauslobby auf einen notorisch langsamen Fahrstuhl wartete. Wie wäre es, schoss ihm durch den Kopf, wenn hier und in anderen Empfangshallen Chinas auf Bildschirmen bunte Werbespots die Aufmerksamkeit der Geschäftsleute auf sich ziehen würden?

Fünf Jahre später hat Jiangs Firma Focus Media 130.000 Bildschirme im ganzen Land verteilt und sich in diesem Werbemarkt einen Anteil von 95 Prozent gesichert. Das jährliche Umsatzwachstum beträgt 170 Prozent, die westlichen Wettbewerber Clear Channel (USA) und JC Decaux haben das Nachsehen, wie die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in ihrer Studie "50 Local Dynamos" herausstellt. Darin untersuchen die Autoren Platzhirsche aus den Schwellenländern, die die westlichen Konzerne das Fürchten lehren.

Doch nicht nur, dass Lokalmatadore wie die chinesische Suchmaschine Baidu, der indische Uhrenhersteller Titan oder eben Focus Media oft besser wissen, wie sie bei sich zu Hause die westliche Konkurrenz auf Distanz halten. Längst werden vielen jüngeren Konzernen aus Schwellenländern die Heimatmärkte zu klein und die Kassen zu prall. Baidu etwa startete in diesem Jahr eine Suchmaschine für den japanischen Markt, Titan ist bereits in 26 Ländern außerhalb Indiens aktiv.

"Manche stehen nach Jahren des Wachstums vor der Frage: Suchen wir uns hier ein weiteres Geschäftsfeld, oder expandieren wir auf internationale Märkte", sagt Bernd Waltermann, Senior Partner von BCG in Singapur, zu Fällen wie Focus Media. Die jungen Wilden hätten zum Teil in den USA ausgebildete Topmanager in ihren Reihen mit dem Willen, fremde Märkte zu erobern. "Sie haben ihre Qualitäten zu Hause unter Beweis gestellt. Dem Sprung auf andere Märkte sollte nichts entgegenstehen", sagt Waltermann.

Die Angreifer wachsen schneller

Die Angreifer wachsen schneller

Nach Tata Motors , Mittal , Embraer und all den anderen Konzernen aus den Aufsteigernationen, die bereits mit Übernahmen im Westen für Furore gesorgt haben, läuft sich die nächste Generation von Angreifern warm.

Ihre Umsätze wuchsen 2006 mit durchschnittlich 52 Prozent deutlich schneller als die der westlichen Konkurrenz: Die im Standard-&-Poor's-Index gelisteten 500 Firmen kamen nur auf 10 Prozent. Die erzielten Umsatzrenditen stechen mit 20 Prozent die Wettbewerber aus vielen entwickelten Ländern ebenfalls aus (S&P 500: 14 Prozent, Dax: 7 Prozent).

Das sind beste Voraussetzungen für einen weiteren Siegeszug der Schwellenländerkonzerne im Westen, der sich verstärkt auch in Akquisitionen niederschlägt. "Die jeweiligen lokalen Marktführer kommen zu uns rüber", sagt Jürgen Rothenbücher, Leiter des Bereichs Mergers & Acquisitions der Managementberatung A. T. Kearney.

Die Entwicklung stoppen seiner Ansicht nach auch Finanzkrise und Rezessionsängste nicht, obwohl es in den vergangenen sechs Monaten weniger Übernahmen gab.

"An dem generell wachsenden Einfluss der Schwellenländer ändert das nichts. Es gibt keinen Grund, warum dieser Trend nicht anhalten sollte", sagt Rothenbücher. Der Einfluss der größten Staatsfonds nimmt in der Krise demnach sogar umso stärker zu - sie haben die nötige Liquidität, wittern günstige Einstiegskurse und erwarten keine astronomischen Renditen.

In den vergangenen Jahren haben Unternehmen aus Staaten wie Indien, China, Russland und Brasilien immer häufiger auf den etablierten Märkten zugeschlagen. Um durchschnittlich 26 Prozent pro Jahr ist die Zahl der Firmenkäufe durch Konzerne aus Schwellenländern von 2002 bis 2007 gestiegen, hat eine A.T.-Kearney-Untersuchung ergeben. Die Gesamtzahl der Zukäufe hat im selben Zeitraum nur um 6 Prozent zugenommen.

Westliche Konzerne in Bedrängnis

Westliche Konzerne in Bedrängnis

"Die Käufer aus den Schwellenländern streben zumeist nach Zugang zu Technologien, Märkten und innovativen Produkten", heißt es in der Studie. Die neuen Angreifer gehen deshalb anders vor als Westunternehmen. "Wenn ein Konzern aus einem Schwellenland sich im Westen einkauft, wirft er die dort bestehenden Strukturen selten über den Haufen", sagt Joachim von Hoyningen-Huene, Leiter der Studie. Das Ziel: auf den neuen Märkten Schritt für Schritt lernen und Produkte günstiger anbieten.

Für die lange erfolgsverwöhnten Westkonzerne wird die Lage indes immer unübersichtlicher. Weltweite Expansionen im Stile von Coca-Cola  oder McDonald's  und ein gleichzeitig sicheres Geschäft daheim werden wohl die Ausnahme werden. Auf allen Märkten tummeln sich verstärkt die hungrigen Herausforderer.

Schwaches Wachstum zu Hause lässt sich nicht mehr so leicht durch eine Offensive in einem vermeintlich sicheren Wachstumsmarkt ausgleichen. Das zeigt nicht zuletzt Googles  verzweifelter Angriff auf Chinas Suchmaschinenmarktführer Baidu, der in seiner Heimat einen Marktanteil von fast zwei Dritteln hat.

"Manche Konzernstrategen im Westen denken, die Schwellenländer hinken einfach nur ein paar Jahre hinterher - das ist der Hauptfehler", sagt Waltermann. "Die Produkte an die Gewohnheiten der Kunden in Schwellenländern anzupassen, reicht oft nicht mehr. Wer breite Schichten erreichen will, muss das ganze Geschäftsmodell anpassen." Als Erfolgsbeispiel nennt Waltermann Unilever - das Unternehmen werde in Indien und China schon als asiatischer Konzern wahrgenommen.

Ein Umdenken wird für viele etablierte Firmen höchste Zeit - denn mit der nächsten Angreifergeneration aus den Schwellenländern kommt daheim vermutlich frischer Wind in Branchen, die bisher eher sicher vor den Emporkömmlingen waren. Zuletzt spielten vor allem Rohstoff- und Industriekonzerne ihre Macht im Westen aus. "Mittlerweile sind Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe bei Übernahmen besonders aktiv", sagt von Hoyningen-Huene, "und es ist denkbar, dass sich künftig zunehmend Dienstleister aus Schwellenländern in etablierten Märkten einkaufen".

Die Dienstleister kommen

Die Dienstleister kommen

Da passt ins Bild, dass 30 der von der Boston Consulting Group ermittelten 50 "Local Dynamos" im Servicesektor tätig sind, immerhin zehn in der IT-Branche. Zwar wird nicht jedes dieser Unternehmen mit seinem Geschäftsmodell etwa in Europa Erfolg haben. So erscheint schwer vorstellbar, dass der mexikanische Händler und Finanzdienstleister Grupo Elektra wie daheim Tausende Außendienstler mit dem Motorrad zu den Kunden schickt, um sich vor Ort ein Bild über deren Bonität zu machen.

Doch wenn einer der oft als Konglomerat organisierten Schwellenländerkonzerne eine Sparte gezielt herauspickt und für den Weltmarkt ausstattet, könnte er den Sprung schaffen. "Wer nicht nur billig ist, sondern zudem eine weitere herausragende Fähigkeit entwickelt, hat gute Chancen", sagt BCG-Experte Waltermann.

In Deutschland versucht dies seit jüngstem die indische ICICI-Bank, größtes privates Geldinstitut des Subkontinents. Ob sie bei der allseits beschworenen Konsolidierung der deutschen Bankenlandschaft mitmischen will, hat sie zwar noch nicht verkündet. Zunächst haben zehn Mitarbeiter im März ihre Büros an der Mainzer Landstraße bezogen und locken deutsche Sparer mit 4,75 Prozent Zinsen aufs Tagesgeld.

Mit kleinen Summen wollen sich die Inder bei ihrer Expansion nicht aufhalten. Im Gegensatz zu manch anderer ausländischen Bank hat sich ICICI dem Einlagensicherungsfonds angeschlossen. So können die Inder bis zu 1,5 Millionen Euro je Kunde absichern, der sich ihnen anvertraut.

Die wichtigsten Neulinge (1)

Die wichtigsten Neulinge (1)

Die wichtigsten Neulinge (2)

Die wichtigsten Neulinge (2)

Mächtige Firmen, reiche Staatsfonds

Mächtige Firmen und reiche Staatsfonds

Angreifer: Die 15 größten Konzerne aus den Schwellenländern

Unternehmen Land Rang (weltweit) Umsatz (Mrd. US-Dollar) Gewinn (Mrd. US-Dollar)
Sinopec China 17 132 4
China National Petroleum China 24 111 13
State Grid China 29 107 2
Pemex Mexiko 34 97 4
Gazprom Russland 52 81 20
Petrobras Brasilien 65 72 13
Lukoil Russland 110 55 7
Petronas Malaysia 121 51 13
Indian Oil Indien 135 45 2
Industrial and Commercial Bank of China China 170 37 6
China Mobile Communications China 180 36 6
Koç Holding Türkei 190 34 0,4
China Life Insurance China 192 34 0,2
PTT Thailand 207 32 3
Bank of China China 215 31 5
Stand: 2007
Quelle: A.T. Kearney

Gefüllte Kassen: Die größten Staatsfonds

Land Staatsfond Anlagevolumen in Millarden US-Dollar Startjahr
Vereinigte Arabische Emirate Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) 875 1976
Norwegen Government Pension Fund of Norway (GPF) 380 1990
Singapur Government of Singapore Investment Corporation (GIC) 330 1981
Kuwait Kuwait Investment Authority 250 1953
China China Investment Corporation (CIC) 200 2007
China (Hongkong) Hongkong Monetary Authority Investment Portfolio 163 1998
Singapur Temasek Holdings 159 1974
Russland Stabilization Fund of the Russian Federation** 157 2004
Australien Australian Future Fund 61 2004
Katar Qatar Investment Authority 50 2000
Libyen Libyan Arab Foreign Investment Company 50 1981
Algerien Revenue Regulation Fund 43 2000
Stand 2008
Quelle: Sovereign Wealth Fund Institute
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