Montag, 23. September 2019

Ratingagenturen "Wir haben alle Fehler gemacht"

Im Zuge der Finanzkrise haben Ratingagenturen wie Moody's und Standard & Poor's massiv an Ansehen verloren. Sie hätten die Schieflagen früher benennen müssen, sagen Kritiker. Finanzprofessorin Christina Bannier erklärt im Interview, warum neben den Bewertungsfabriken auch die Investoren Schuld am eigenen Absturz haben.

mm.de: Frau Bannier, Sie beschäftigen sich mit Kreditratingagenturen und der Frage, ob sie in Krisen stabilisierend oder verstärkend wirken. Welche Rolle spielen die Bewertungshäuser aktuell?

Bannier: Das hängt davon ab, welche Rolle der Markt den Ratingagenturen zuspricht. Sie können stabilisierend wirken, sie können negative Entwicklungen aber auch verstärken. Ratings sind ein Hilfsmittel für Investitionsentscheidungen. Wenn sich der Markt jedoch zu sehr auf sie verlässt und bei schlechten Nachrichten überreagiert, dann werden Agenturen zum Krisenverstärker. Daher ist es unerlässlich, sich als Anleger eine eigene Meinung zu bilden, indem man sich zusätzlich eigene Informationen beschafft.

mm.de: Wie verstehen die Ratingagenturen selbst ihre Rolle?

Selbst schuld: Anleger sollten sich nicht von guten Ratings einschläfern lassen, meint Finanzprofessorin Bannier
Bannier: Ich glaube, dass an dieser Stelle gerade ein Lernprozess im Gange ist. Ratingagenturen mussten sich erst bewusst werden, dass sie auch eine destabilisierende Rolle spielen können. Dieser Prozess hat im vergangenen Herbst eingesetzt. Seitdem weisen Ratingagenturen zunehmend darauf hin, dass ihre Aufgabe nur die Bonitätsmessung sei. Auch sie mussten erst lernen, dass sie sehr wohl Einfluss auf die Liquidität des Marktes haben.

mm.de: Können Sie nachvollziehen, dass Anleger sich von den Ratingagenturen verprellt fühlen?

Bannier: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Ratingagenturen versprechen gute Informationen. Allerdings sind Informationen nicht immer gleich Informationen. Wie sie wirken hängt davon ab, wer welche Kenntnisse hat und wer sich wie stark auf welche Informationen verlässt. Schließlich können auch präzise Aussagen über die Bonität eines Unternehmens negative Effekte nach sich ziehen, wie wir gesehen haben.

mm.de: Ist es nicht eine billige Ausrede, wenn Ratingagenturen jetzt sagen, sie müssten halt auch noch etwas dazulernen?

Bannier: Die Korrektur der Ratings im Zuge der Finanzmarktkrise hat die Agenturen Reputation gekostet. Der Markt für Ratings ist momentan deswegen in Bewegung, weil die großen Agenturen nicht länger als allwissende Halbgötter wahrgenommen werden. Wenn überhaupt, dann besteht jetzt für neue Agenturen die Möglichkeit, am Markt Fuß zu fassen.

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