Ratingagenturen "Wir haben alle Fehler gemacht"

Im Zuge der Finanzkrise haben Ratingagenturen wie Moody's und Standard & Poor's massiv an Ansehen verloren. Sie hätten die Schieflagen früher benennen müssen, sagen Kritiker. Finanzprofessorin Christina Bannier erklärt im Interview, warum neben den Bewertungsfabriken auch die Investoren Schuld am eigenen Absturz haben.
Von Grit Beecken und Jochen Eversmeier

mm.de: Frau Bannier, Sie beschäftigen sich mit Kreditratingagenturen und der Frage, ob sie in Krisen stabilisierend oder verstärkend wirken. Welche Rolle spielen die Bewertungshäuser aktuell?

Bannier: Das hängt davon ab, welche Rolle der Markt den Ratingagenturen zuspricht. Sie können stabilisierend wirken, sie können negative Entwicklungen aber auch verstärken. Ratings sind ein Hilfsmittel für Investitionsentscheidungen. Wenn sich der Markt jedoch zu sehr auf sie verlässt und bei schlechten Nachrichten überreagiert, dann werden Agenturen zum Krisenverstärker. Daher ist es unerlässlich, sich als Anleger eine eigene Meinung zu bilden, indem man sich zusätzlich eigene Informationen beschafft.

mm.de: Wie verstehen die Ratingagenturen selbst ihre Rolle?

Bannier: Ich glaube, dass an dieser Stelle gerade ein Lernprozess im Gange ist. Ratingagenturen mussten sich erst bewusst werden, dass sie auch eine destabilisierende Rolle spielen können. Dieser Prozess hat im vergangenen Herbst eingesetzt. Seitdem weisen Ratingagenturen zunehmend darauf hin, dass ihre Aufgabe nur die Bonitätsmessung sei. Auch sie mussten erst lernen, dass sie sehr wohl Einfluss auf die Liquidität des Marktes haben.

mm.de: Können Sie nachvollziehen, dass Anleger sich von den Ratingagenturen verprellt fühlen?

Bannier: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Ratingagenturen versprechen gute Informationen. Allerdings sind Informationen nicht immer gleich Informationen. Wie sie wirken hängt davon ab, wer welche Kenntnisse hat und wer sich wie stark auf welche Informationen verlässt. Schließlich können auch präzise Aussagen über die Bonität eines Unternehmens negative Effekte nach sich ziehen, wie wir gesehen haben.

mm.de: Ist es nicht eine billige Ausrede, wenn Ratingagenturen jetzt sagen, sie müssten halt auch noch etwas dazulernen?

Bannier: Die Korrektur der Ratings im Zuge der Finanzmarktkrise hat die Agenturen Reputation gekostet. Der Markt für Ratings ist momentan deswegen in Bewegung, weil die großen Agenturen nicht länger als allwissende Halbgötter wahrgenommen werden. Wenn überhaupt, dann besteht jetzt für neue Agenturen die Möglichkeit, am Markt Fuß zu fassen.

"Rating ist nicht gleich Rating"

mm.de: War es ein Fehler, die neuen Finanzinstrumente wie Collateralised Debt Obligations (CDOs) - also extrem verschachtelte Finanzkonstrukte, die Millionen einzelner Kreditrisiken enthalten konnten - nach dem gleichen Raster zu benoten wie Unternehmensanleihen?

Bannier: Ja, das ist mit Sicherheit ein wichtiger Punkt. AAA ist nicht gleich AAA. Und das Rating eines strukturierten Produkts ist etwas anderes als das Rating einer Unternehmensanleihe. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Agenturen dessen bewusst waren. Man hätte wahrscheinlich besser gleich andere Bezeichnungen wählen sollen.

mm.de: Der President und COO von Moody's Investors Service, Brian Clarkson, sagte kürzlich im manager-magazin-Interview: "Wir haben uns darauf verlassen, dass die Informationen korrekt waren, die wir von den verschiedenen Banken über die unterschiedlichen Kreditportfolios bekamen". Was halten Sie von einer solchen Aussage, die wenig Hoffnung auf Besserung macht?

Bannier: Informationen sind nur ein Bestandteil von Ratings, die Verknüpfung und Modellierung dieser Informationen der andere. Ratingagenturen sehen gerade in letzterem ihre Expertise.

Offensichtlich akzeptiert der Markt aber solche Äußerungen. Denn auch nach der Enron-Pleite sagten die Agenturen, sie hätten sich auf die Informationen des Unternehmens verlassen - und ihr Ruf hat darunter kaum gelitten.

Die Investoren scheinen es sich jedoch ebenfalls bequem zu machen und besorgen sich ihre Informationen nicht selbst. Das ist die Lehre aus der Finanzmarktkrise: Wir haben alle Fehler gemacht, den Schuldigen gibt es nicht. Auch der einzelne Kleinanleger hätte sagen müssen: Ich verstehe die Produkte nicht so ganz, da ist es nicht so klug, sich auf eine einzelne Meinung zu verlassen.

mm.de: Welche Auswege gibt es aus dem Dilemma, was kann man künftig besser machen?

Bannier: Wir können lernen, dass in neuen, komplexen Finanzprodukten grundsätzlich auch Gefahren stecken. Man muss dafür sorgen, dass Investoren auf einer möglichst breiten Informationsbasis entscheiden. Sie müssen also in der Lage und bereit sein, sich zusätzliche Informationen zu beschaffen. Das setzt natürlich Transparenz seitens der Unternehmen voraus.

mm.de: Was sind die drei wichtigsten Punkte, die es zu verbessern gilt?

Bannier: Wir müssen erstens alle Investoren darauf hinweisen, dass es nicht ausreicht, sich an einer einzigen Information - dem Rating - zu orientieren. Die Unternehmen müssen die relevanten Daten natürlich auch zugänglich machen. Zweitens gilt es, endogene Risiken zu minimieren. Denn mit jeder Reaktion verändern die Marktteilnehmer das System.

"Markt gleicht der Millennium Bridge"

mm.de: Das heißt?

Bannier: Als die Millennium Bridge (eine Fußgängerbrücke über die Themse in London, Anm. der Redaktion) im Jahr 2000 in Betrieb ging, da wurde sie nur zwei Tage später wieder geschlossen. Sie hatte so stark zu schwanken begonnen, dass die Leute stürzten. Das ist ein endogenes Risiko.

Natürlich hatten die Ingenieure Tests durchgeführt, ob die Brücke den Wind aushält, und wie viele Menschen sie tragen kann. Dann weht der Wind leicht gegen die Brücke, und alle Leute versuchten gleichzeitig, ihr Gleichgewicht zu halten. Sie verfielen in einen Gleichschritt, und das hat die Brücke noch stärker zum Schwanken gebracht. Genau dieses Risiko haben wir derzeit am Markt.

Die Investoren, die strukturierte Papiere kauften, wussten genau: Wenn andere auch nicht mehr in diese Papiere investieren, dann bricht der ganze Markt zusammen. Obwohl sie wussten, dass die Papiere nicht alle wertlos waren. Die Subprime-Anleihen sind ja nicht komplett ausgefallen, die Hypotheken werden noch zurückgezahlt. Im Moment sind jedoch alle misstrauisch, und keiner investiert mehr. Dieses Liquiditätsrisiko ist ein endogenes Risiko. Dem kann man nur auf strategischer Ebene begegnen.

mm.de: Und wie?

Bannier: Risikomanagement muss dieses Verhalten berücksichtigen und durchkalkulieren. Man muss kreativ überlegen, was alles passieren kann.

mm.de: Aber keiner will zu früh aus dem Markt aussteigen, auch in dieser Finanzkrise. Denn es gibt ja spätestens seit 2006 Warnungen.

Bannier: Da spielt die Fristigkeit der Gewinnerzielung eine Rolle. Viele Anleger versuchen, kurzfristig Erträge mitzunehmen, anstatt sich Gedanken über die langfristige Entwicklung zu machen. Die Deutsche Bank scheint das dennoch getan zu haben und ist recht früh aus dem Markt ausgestiegen.

mm.de: Das waren zwei Punkte. Was ist der dritte?

Bannier: Ratingagenturen müssen sich bewusst werden, wie sie mit den Unterschieden zwischen Ratings für Unternehmensanleihen auf der einen Seite und strukturierten Produkten auf der anderen Seite umgehen. Sie sollten auch unterschiedliche Bezeichnungen für die Ratings wählen.

mm.de: Zum Schluss erneut gefragt: Welche Rolle haben die Ratingagenturen in der aktuellen Krise gespielt?

Bannier: Im Bereich der Unternehmensanleihen war die Wirkung von Ratingagenturen bisher weitgehend stabilisierend. Im Bereich der neuen Produkte war ihre Rolle in der jüngeren Vergangenheit eher krisenverstärkend. Ich hoffe aber, dass die Agenturen - nach einem entsprechenden Lernprozess - künftig auch in diesem Bereich stabilisierend wirken werden.

Richter und Alchemisten: Ratingagenturen in der Kritik

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