Backstage-Einblicke Wall Street durchs Schlüsselloch

Die aktuelle Finanzkrise belegt es erneut: Die New Yorker Wall Street ist das Herzstück des Kapitalismus. Ein neuer Bildband zeigt nun Backstage-Einblicke, stellt die Tischler vor, die das Parkett in Schuss halten, und die Friseure, die den Brokern gepflegtes Styling verpassen. Ein faszinierender Ausflug in eine sehr eigene Welt.
Von Alexandra Sillgitt

Hamburg - Sie setzen dem harten Ahorn tagtäglich zu, bohren Dellen in sein Holz und lassen ihn pockennarbig zurück: Stöckelschuhe. Die Tischler der New Yorker Aktienbörse erkennen genau, wo weibliche Broker auf dem Börsenparkett arbeiten. Abends, wenn die Schlussglocke das Ende des Handelstages eingeläutet hat, beginnt ihre Arbeit - dann kommen sie aus dem Keller nach oben und rücken den 2100 Quadratmetern Holzboden mit ihrem Werkzeug zu Leibe.

Geschichten wie diese erzählt TV-Börsenmoderator Markus Koch in seinem Bildband "Backstage Wall Street". Er porträtiert nicht nur die Menschen auf dem Parkett, die Broker und Trader, sondern auch die Menschen hinter den Milliarden: Jerry, den Friseur, Martin, den Schreiner, und Harry, den Bartender. Zusammen bilden sie für den Autor eine "Familie von Sonderlingen".

Vor zwei Jahren tat sich Koch mit dem Fotografen Dirk Eusterbrock zusammen, um die Menschen der Wall Street in Wort und Bild festzuhalten. "Eine Familie, die sich drastisch verändert. An Stelle der Menschen treten Maschinen. Es war mir wichtig, diesen einmaligen Moment festzuhalten", sagt Koch.

Momente wie den Einzug des ersten weiblichen Brokers: Muriel Siebert gelang es als erster Frau, einen Händlersitz an der New Yorker Börse zu erwerben. Am 28. Dezember 1967 trat sie ihren Dienst an. Allein unter 1365 männlichen Brokern mischte Siebert den "Old Boys Club" auf - in Chanel und High Heels.

Der Bildband lebt von seinen Anekdoten. Anekdoten, wie sie zum Beispiel James Rutledge erzählt: Der ehemalige Börsianer berichtet, wie Frischlinge auf dem Parkett an ihrem ersten Börsentag auf Herz und Humor getestet werden. Hören sie den Satz "Es schneit in New York", ist es für die Schuhe der Neulinge schon zu spät: Es legt sich ein feiner Nebel aus Babypuder über poliertes Leder. Einer, der das Rutledge zufolge gar nicht lustig fand, war der Schauspieler Kirk Douglas, der die Börse besuchte. Wild soll er mit den Füßen aufgestampft haben, um das Puder von seinen brandneuen Cowboystiefeln aus Krokodilleder zu trampeln.

Einmalige Einblicke

"In 'Backstage Wall Street' zeigen wir Orte und Szenen, die bisher nur Insidern vorbehalten waren", sagt Koch. Ein mittlerweile seltener Einblick, "zumal die Sicherheitsvorkehrungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 deutlich verschärft und der Zuschauerbalkon geschlossen wurde".

1996 betrat der Wirtschaftsexperte zum ersten Mal das Parkett. Die "Ehrfurcht", die er eigenem Bekunden nach in diesem Moment empfand, merkt man dem Band in nahezu jedem Satz an. Gleich zu Beginn tauscht Koch die Rolle des Börsenberichterstatters mit der des Märchenonkels: "Es war einmal vor einer langen, langen Zeit." Wer diesen Einstieg nicht als totalen Rausschmeißer empfindet und sich nicht allzu sehr an Kochs pathetischer und verspielter Sprache stört, für den ist "Backstage Wall Street" ein Gewinn.

Der Bildband besticht schon allein wegen der wunderbaren Fotografien: von der großen Panorama-Aufnahme des Börsenparketts, hin zur Detailaufnahme des sabbernden Bombenspürhundes.

Ein bislang einmaliger Einblick in die Welt der Milliardenumsätze.

Wall Street: Blick hinter die Kulissen

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