Hugo Boss "Vita lässt uns im Stich"

Der Modehersteller Hugo Boss verliert seinen Chefkontrolleur Giuseppe Vita und damit den dritten Spitzenfunktionär innerhalb weniger Wochen. Im Gespräch mit manager-magazin.de äußert sich Vize-Aufsichtsratschef Antonio Simina zum Konflikt mit dem Finanzinvestor Permira - und zur saftigen Sonderdividende für den Großaktionär.

mm.de: Herr Simina, seit vergangenem Sommer gehört Hugo Boss  zu 88 Prozent dem britischen Finanzinvestor Permira. Private Equity und Mode, Profitorientierung und schwäbische Tradition - wie passt das zusammen?

Simina: Das müssten Sie eigentlich unseren früheren Eigentümer fragen, das Modeunternehmen Marzotto. Die Italiener haben Hugo Boss an Permira verkauft und eine Menge Geld daran verdient. Die Frage, ob das gut zusammen passt, war da wohl eher zweitrangig. Und der Einfluss von Seiten der Arbeitnehmervertreter auf solche Transaktionen ist sehr gering. Wir müssen das jetzt so hinnehmen, wie es gekommen ist.

Grundsätzlich erkenne ich die Bereitschaft der Permira-Leute zur Zusammenarbeit - auch mit dem Betriebsrat. Aber jetzt müssen sie sich beweisen. Ich kann nichts dafür, dass der Ruf von Permira in der Öffentlichkeit nicht allzu positiv ist. Unser Großaktionär muss sein Image selbst verbessern, diese PR-Arbeit können wir für ihn nicht erledigen. Wenn es den Permira-Vertretern gelingt, mir meine Skepsis zu nehmen, werde ich ihnen genauso viel Vertrauen entgegenbringen wie den früheren Eignern auch.

mm.de: Bislang hapert es jedoch mit der Selbst-PR von Permira. Vergangene Woche hat der Investor bei Hugo Boss eine Sonderdividende von insgesamt rund 350 Millionen Euro durchgesetzt - offenbar gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter.

Simina: Man muss fairerweise sagen, dass man mit Permira durchaus reden kann. Wir haben viele ordentliche Gespräche geführt. Aber ich weiß, dass ich mir davon nichts kaufen kann. Ich hoffe, dass die Gespräche künftig stärker in unserem Sinne laufen, und dass Permira uns in Ruhe arbeiten lässt. Permira hatte schon länger angekündigt, eine Sonderdividende erhalten zu wollen - ursprünglich sogar eine wesentlich höhere Summe.

Angst vor zweiter Sonderdividende

mm.de: Wie hoch war diese ursprünglich geplante Summe?

Simina: Im Raum stand die Zahl von rund 850 Millionen Euro, die aber letztlich nicht zur Diskussion stand. Auch 350 Millionen Euro sind viel Geld. Eine solche Einmalzahlung bringt uns aber gewiss nicht um. Unser Geschäft läuft gut, wir sind gut kapitalisiert. Unsere Eigenkapitalquote sinkt jetzt zwar ab ...

mm.de: ... von 53 auf rund 20 Prozent ...

Simina: ... aber wenn Sie unsere Dreijahresplanung ansehen, können wir die frühere Quote locker wieder erreichen. Das ist nicht das Problem. Gefährlich wird es jedoch, wenn Permira nächstes Jahr wieder kommt und erneut eine Sonderdividende fordert. Unsere Sorge ist, dass wir dann finanziell nicht mehr flexibel genug wären. In der Modebranche kann es immer passieren, dass eine Saison mal nicht so gut läuft. Dann braucht man eine stabile finanzielle Basis. Diese Basis zu schwächen kann aber gewiss nicht im Interesse von Permira liegen. Damit würde sich unser Großaktionär selbst schaden. Permira hat einen ordentlichen Batzen Geld für Hugo Boss bezahlt. Das kann man nicht mit ein oder zwei Sonderdividenden wieder hereinholen.

mm.de: Befürchten Sie dennoch, dass Permira weitere Sonderausschüttungen einfordern könnte?

Simina: Ja, diese Gefahr sehe ich. Zumindest hat Permira sich diese Möglichkeit offen gelassen. Wir haben versucht, im Aufsichtsrat ein Gesamtpaket zu schnüren, doch leider konnten wir nur die Hälfte davon umsetzen. Eine Standort- und Arbeitsplatzsicherung für die nächsten fünf Jahre haben wir unter Dach und Fach gebracht - genauso wie die Zusicherung, dass die bisherigen Leistungen an die Beschäftigten weiterhin erbracht werden. Das hat die Mitarbeiter erst einmal beruhigt. Wir Arbeitnehmervertreter hätten jedoch auch gerne gesehen, dass eine weitere Super-Dividende in nächster Zeit ausgeschlossen wird. Das ist uns leider nicht gelungen.

mm.de: Gestern hat Aufsichtsratschef Giuseppe Vita offiziell seinen Rücktritt zum 30. Juni angekündigt. Wie halten Sie von diesem Schritt?

Simina: Das hat mich nicht überrascht. Für mich war Herr Vita als Aufsichtsratsvorsitzender keine große Hilfe. Wenn jemand seine Position derart ausnutzt und dann zurücktritt, halte ich das nicht für korrekt.

mm.de: Sie sprechen die Tatsache an, dass Herr Vita von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch gemacht hat, um das Arbeitnehmerlager zu überstimmen?

Simina: Über den Ablauf der Abstimmung kann ich mich nicht äußern. Jedenfalls ist die Haltung nicht in Ordnung. Herr Vita ist Aufsichtsratsvorsitzender der Hugo Boss AG, nicht von Permira.

"Es ist ihm wohl zu heiß geworden"

mm.de: Warum ist Vita zurückgetreten?

Simina: Über seine genauen Motive möchte ich gar nicht nachdenken. Es ist es ihm wohl zu heiß geworden. Ich finde den Zeitpunkt schlecht. Er lässt uns jetzt im Stich. Als stellvertretender Aufsichtsratschef war ich mit der Zusammenarbeit mit Herrn Vita nicht zufrieden. Ich habe bereits vier Vorsitzende miterlebt und habe ein Gespür für Kooperation. Vita hat sich jedoch nicht um einen guten Kontakt zu mir bemüht.

mm.de: Das heißt, Sie bedauern seinen Rücktritt nicht besonders?

Simina: Nicht besonders - das ist sehr milde ausgedrückt. Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Vita schon vor der Entscheidung im Aufsichtsrat zurücktritt. Aber das muss er letztendlich selber wissen.

mm.de: In den vergangenen Wochen sind bereits Vorstandschef Bruno Sälzer und Produktionsvorstand Werner Lackas zurückgetreten. Wie kam es dazu?

Simina: Was zwischen Permira und Herrn Sälzer genau vorgefallen ist, weiß ich nicht. Sälzer hat immer gesagt: Ich mache das alles nicht mit. Damit hat er vermutlich auch die Sonderdividende gemeint, die ja ursprünglich höher ausfallen sollte. Klar ist, dass Sälzer und Lackas grundsätzlich nicht bereit waren, mit Permira zusammenzuarbeiten.

mm.de: Wann bekommt Hugo Boss endlich wieder einen Vorstandschef?

Simina: Ich hoffe, dass uns bald ein neuer Chef präsentiert wird, aber das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Unsere Bitte an Permira war: Lasst euch Zeit und sucht einen namhaften Manager, der wirklich zu uns passt. Wir wollen jemanden vom Fach, der nach innen und außen akzeptiert wird. Permira hat Bereitschaft gezeigt, diesem Wunsch Folge zu leisten.

mm.de: Herr Simina, Sie sind seit 32 Jahren bei Hugo Boss. Haben Sie in diesen turbulenten Zeiten auch schon einmal an Rückzug gedacht?

Simina: Nein, überhaupt nicht. Meine Stärke ist das Durchhaltevermögen. Ich habe schon vier Eigentümer und 24 Vorstände miterlebt. Als wir an die Japaner verkauft worden sind, wusste keiner, wie es weitergeht. Später sind wir an die Italiener weitergereicht worden. Das war für uns auch nicht so toll, aber immerhin wussten wir: Marzotto ist vom Fach.

Turbulenzen machen uns jedenfalls nichts mehr aus. Und das Unternehmen ist viel zu schön, um einfach zu gehen. Das wird auch Bruno Sälzer bemerken: Einen so jungen und dynamischen Arbeitgeber wie Hugo Boss wird er nicht mehr finden.

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