Siemens "Für manche Mitarbeiter ein Schock"

Bei der Aufklärung der Korruptionsaffäre macht Siemens Fortschritte. "Wir räumen konsequent auf", sagt Peter Solmssen. Im Interview mit manager-magazin.de äußert sich der Compliance-Vorstand und Chefjustiziar, wie die ermittelnden US-Behörden den Fall Siemens einschätzen könnten.

mm.de: Herr Solmssen, Sie waren jahrelang Chefjustiziar in verschiedenen Bereichen des US-Konzerns General Electric . Seit knapp fünf Monaten sind Sie nun Vorstand für Recht und Compliance bei Siemens  in München. War das eine kulturelle Umstellung für Sie?

Solmssen: Ja. Siemens hat eine andere Kultur, eine sehr positive und konsensorientierte Kultur. Es ist fast ein bisschen wie in einem Familienbetrieb. General Electric ist stärker leistungsorientiert. Manche Prozesse waren bei Siemens vielleicht etwas langsam und kompliziert. Aber auch wir werden mit unserer neuen Struktur schneller und effizienter agieren können.

mm.de: Bei Siemens hat in früheren Jahren die Führungskultur versagt, kritisierte Konzernchef Peter Löscher. Wie krempelt man einen 160 Jahre alten deutschen Traditionskonzern um, in dem die Zahlung von Schmiergeldern offenbar zur Geschäftspraxis gehörte?

Solmssen: Effizienz, Schnelligkeit und gute Ergebnisse kommen durch klar definierte Verantwortlichkeiten. Unsere neue Struktur sieht vor, dass es einen Chief Executive Officer (CEO) für jede einzelne Geschäftssparte gibt. Dieser ist für die Führungskultur in seinem Bereich zuständig. Diese Klarheit in der Verantwortung wird uns voranbringen. Außerdem soll es auf allen Ebenen Chief Financial Officers (CFOs) geben: Eine wichtige und international hoch angesehene Position, die bislang an manchen Stellen zu wenig Bedeutung hatte. Das gilt auch für die Funktion des General Counsels, also des Chefjustiziars.

mm.de: Stoßen Sie mit Reformen und Ermittlungen auf Widerstände im Unternehmen?

Solmssen: Von Widerständen würde ich nicht sprechen, eher von Neugier, aber auch Unsicherheiten und teilweise Ängsten. Das ist in Zeiten des Wandels nicht überraschend. Daraus ziehe ich den Schluss: You can never communicate enough! Wir Vorstände müssen intern unbedingt noch mehr kommunizieren.

"Sehr wertvolle Informationen"

mm.de: Haben Sie Kontakt zu den Mitarbeitern?

Solmssen: Selbstverständlich. Das ist mir sehr wichtig. Ich war zum Beispiel neulich in Südamerika und habe dort insgesamt vier Gesprächsrunden geführt, jeweils mit 150 bis 200 Mitarbeitern. Es gab rege Diskussionen, die zu viel Aufklärung geführt haben. So etwas müssen wir beibehalten.

mm.de: Aus dem Unternehmen hört man, dass einige Mitarbeiter von den umfassenden Ermittlungen genervt sind. Woran liegt das?

Solssen: Ein wichtiger Bestandteil unserer Ermittlungen ist, dass teilweise auch E-Mails überprüft werden. Dazu müssen die Computer von Mitarbeitern vorübergehend konfisziert werden, um Kopien von den Festplatten machen zu können. Das ist für manche Mitarbeiter ein Schock, weil sie auch private Dinge auf ihrem Computer gespeichert haben. Es kann auch vorkommen, dass wir plötzlich alle Verträge brauchen, die mit einem bestimmten Projekt zu tun haben. Dann müssen Mitarbeiter die entsprechenden Papiere heraussuchen und Kopien machen - da fühlen sich einige von ihrer täglichen Arbeit abgelenkt. Es kamen sogar Gerüchte auf, Geschäftsgeheimnisse würden an die Konkurrenz weitergereicht werden. Das ist natürlich absoluter Unsinn.

Leider können wir den betroffenen Mitarbeitern nicht immer konkret erklären, warum die jeweilige Maßnahme gerade notwendig ist. Das könnte die laufenden Ermittlungen behindern. Wir können allerdings versichern, dass Akten bei uns absolut sicher sind und wir natürlich Datenschutzbestimmungen einhalten und Persönlichkeitsrechte wahren. Nur einige wenige autorisierte Personen haben Zugang zu den Akten.

mm.de: Seit Anfang November läuft ein Amnestieprogramm für reuige Mitarbeiter. Wie viele Mitarbeiter haben inzwischen ausgesagt und Straffreiheit erbeten?

Solmssen: Knapp 90 Mitarbeiter. Das Programm läuft noch bis Ende Februar.

mm.de: Wie wertvoll waren diese Informationen?

Solmssen: Sehr wertvoll. Ich kann natürlich nicht über Einzelheiten reden. Aber das Amnestieprogramm hat die Untersuchungen sicherlich sehr beschleunigt.

"Präzedenzfall für die SEC"

mm.de: In der Siemens-Korruptionsaffäre ermitteln auch die US-Börsenaufsicht SEC und das Justizministerium (Department of Justice, DoJ). Siemens strebt einen "umfassenden und fairen Vergleich" mit den US-Behörden an, hieß es auf der Hauptversammlung im Januar. Schon im Februar könnten entsprechende Verhandlungen beginnen. Wie ist der aktuelle Stand?

Solmssen: Die Gespräche werden auf verschiedenen Ebenen fortgeführt, genau nach Plan. Wie auf der Hauptversammlung bereits erwähnt, haben wir den US-Behörden die verschiedenen Maßnahmen aufgezeigt, um die Unternehmensführung und Compliance zu verbessern. Von den US-Behörden haben wir die Rückmeldung erhalten, dass dies sehr positive Entwicklungen seien und dass wir auf dem richtigen Weg seien. Deshalb hat sich die Behörde bereit erklärt, in die nächste Phase zu treten, in der wir über einen Vergleich sprechen können. Wir kommen voran.

mm.de: Steht auch der Siemens-Vorstand im Kontakt zu den US-Behörden?

Solmssen: Herr Löscher, Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und ich haben uns bereits im Dezember mit den amerikanischen Behörden getroffen. Es wäre jetzt etwas früh für Herrn Cromme oder Herrn Löscher, schon wieder dorthin zu reisen. Nun müssen wir erst einmal auf Arbeitsebene die Vorarbeit erledigen. Für die Behörden ist es sehr wichtig, dass sie Maßnahmen sehen, mit denen systematische Korruption in Zukunft vermieden werden kann.

mm.de: Bis wann ist mit einem Abschluss der Verhandlungen zu rechnen?

Solmssen: Das kann ich nicht sagen, denn der Fall ist sehr komplex. Es ist ein Präzedenzfall für SEC und DoJ.

mm.de: Sehen Sie die Gefahr, dass die US-Behörden an Siemens ein Exempel statuieren wollen? Experten befürchten Strafen in Milliardenhöhe - und einen möglichen Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in den USA.

Solmssen: Ich kann natürlich nicht für SEC und DoJ sprechen und hierüber nicht spekulieren. Hierzu aber einige grundlegende Hinweise. Die Behörden werden aus meiner Sicht darauf achten, dass wir erstens ein nachhaltiges und konsequentes Compliance-System einführen. Zweitens muss es einen Abschreckungseffekt geben: Es darf sich nicht rechnen, Schmiergelder zu bezahlen. In diesem Zusammenhang sollte man beachten, wie viel wir für unsere Maßnahmen schon ausgegeben haben. Drittens wollen die US-Behörden wahrscheinlich auch signalisieren, dass es belohnt wird, wenn man so konsequent und erfolgreich aufräumt wie wir.

"Wir können uns leisten, nein zu sagen"

mm.de: Wie lässt sich das Null-Toleranz-Gebot gegen Korruption umsetzen, ohne dem Auslandsgeschäft zu schaden - gerade in problematischen Ländern wie beispielsweise Russland oder Indonesien?

Solmssen: Wir müssen Verkäufern und Vertriebsleitern, die nein sagen und Korruptionszahlungen ablehnen, den Rücken stärken. Unsere Erkenntnis ist: Man muss keine Schmiergelder bezahlen, um einen lukrativen Auftrag zu bekommen. In einigen Geschäftsbereichen haben wir nur zwei bis drei große Konkurrenten. Ein Kunde kommt meistens wieder, auch wenn man zu Korruption ganz klar nein sagt.

mm.de: Herr Solmssen, Sie sind Chefjustiziar mit Vorstandsrang. Das ist bei Dax-Konzernen die seltene Ausnahme, bisher zumindest. Glauben Sie, dass die Zukunft deutscher Vorstandsetagen anders aussieht - und keine unternehmerische Entscheidung mehr ohne den General Counsel gefällt wird?

Solmssen: Es gibt außer mir auch andere Chefjuristen, die in den Vorstand gekommen sind - beispielsweise Reiner Runte bei Fresenius Medical Care . Gerhard Cromme war ebenfalls Anwalt bei Krupp, ehe er dort in den Vorstand kam.

Ohne Frage werden Rechtsfragen künftig ein immer größerer Bestandteil der Geschäftspolitik werden. Auf der ganzen Welt gibt es immer mehr Regularien, die es zu beachten gilt. Je komplizierter das Geschäft wird, desto wichtiger ist eine Strategie, die Vorschriften und Spielregeln in Betracht zieht. Die Anwälte, die dann eingeschaltet werden, sind eher kreativ als blockierend. Kreative Anwälte - auf Deutsch hört sich das ein bisschen komisch an. In den USA ist es aber längst schon gang und gäbe, dass Anwälte gestaltend im Geschäft tätig werden.