Samstag, 25. Mai 2019

Siemens "Für manche Mitarbeiter ein Schock"

4. Teil: "Wir können uns leisten, nein zu sagen"

mm.de: Wie lässt sich das Null-Toleranz-Gebot gegen Korruption umsetzen, ohne dem Auslandsgeschäft zu schaden - gerade in problematischen Ländern wie beispielsweise Russland oder Indonesien?

Konzern im Korruptionssumpf: Um die Affäre aufklären zu können, benötigt Siemens Informationen von seinen Mitarbeitern
Solmssen: Wir müssen Verkäufern und Vertriebsleitern, die nein sagen und Korruptionszahlungen ablehnen, den Rücken stärken. Unsere Erkenntnis ist: Man muss keine Schmiergelder bezahlen, um einen lukrativen Auftrag zu bekommen. In einigen Geschäftsbereichen haben wir nur zwei bis drei große Konkurrenten. Ein Kunde kommt meistens wieder, auch wenn man zu Korruption ganz klar nein sagt.

mm.de: Herr Solmssen, Sie sind Chefjustiziar mit Vorstandsrang. Das ist bei Dax-Konzernen die seltene Ausnahme, bisher zumindest. Glauben Sie, dass die Zukunft deutscher Vorstandsetagen anders aussieht - und keine unternehmerische Entscheidung mehr ohne den General Counsel gefällt wird?

Solmssen: Es gibt außer mir auch andere Chefjuristen, die in den Vorstand gekommen sind - beispielsweise Reiner Runte bei Fresenius Medical Care Börsen-Chart zeigen. Gerhard Cromme war ebenfalls Anwalt bei Krupp, ehe er dort in den Vorstand kam.

Ohne Frage werden Rechtsfragen künftig ein immer größerer Bestandteil der Geschäftspolitik werden. Auf der ganzen Welt gibt es immer mehr Regularien, die es zu beachten gilt. Je komplizierter das Geschäft wird, desto wichtiger ist eine Strategie, die Vorschriften und Spielregeln in Betracht zieht. Die Anwälte, die dann eingeschaltet werden, sind eher kreativ als blockierend. Kreative Anwälte - auf Deutsch hört sich das ein bisschen komisch an. In den USA ist es aber längst schon gang und gäbe, dass Anwälte gestaltend im Geschäft tätig werden.

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