Manager Die geschmähte Elite

Der Fall Zumwinkel hat den Ruf der deutschen Wirtschaftselite im eigenen Land endgültig ruiniert. Die Kluft zwischen den Managern und dem Rest der Gesellschaft ist größer denn je. Sind Deutschlands Wirtschaftsführer wirklich so schlecht und verkommen, wie Politiker und Medien sie darstellen?
Von Wolfgang Kaden

Hamburg - Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft verharren in Schockstarre. Sie können nicht fassen, was sich da um sie herum abspielt. Seit Klaus Zumwinkel vor den Augen der Fernsehöffentlichkeit im Polizei-Mercedes abgeholt wurde, kennt dieses Land in der Verurteilung ihrer wirtschaftlichen Führungskaste keine verbalen Grenzen mehr.

"Abschaum" sind Leute wie der einst auch von der Politik gefeierte ehemalige Post-Chef für den ehemaligen SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter. "Asoziale" sind er und seinesgleichen für seinen Chef Kurt Beck.

"Die Elite verrät das Volk" überschreibt Frank Plasberg seine Diskussionsrunde in "Hart aber fair". Keine Talkshow, kein Magazintitel mehr ohne das Thema. "Elite ohne Moral – wie die Reichen unsere Gesellschaft untergraben" lesen wir auf der Frontseite des "Stern" und sehen einen von Herzen lachenden Zumwinkel, der die rechte Hand mit zerknüllten 100-Euro-Scheinen hochhält.

Willkommen also in der Bananenrepublik Deutschland. Tiefer, als von den Medien in der abgelaufenen Woche vermittelt, kann ein Land kaum sinken. Dass ihre politische Elite unfähig, gierig und korrupt ist, das gehört schon seit jeher zum Überzeugungsschatz vieler Deutscher. Nun kommen die Manager endgültig in den gleichen Sack. Nur eins verrät uns keiner: Wer denn zukünftig dieses Land und seine Wirtschaft führen soll.

Es ist an der Zeit, tiefer zu hängen, viel tiefer, und endlich diese nicht mehr zu steigernde Empörungsrhetorik zu beenden. Vielleicht ist es ganz hilfreich, an ein paar Tatsachen zu erinnern. Nicht um Zumwinkels Steuervergehen zu relativieren; sondern nur, um bei der Bewertung unserer Manager nicht vollends die Orientierung zu verlieren.

Die Wirtschaft dieses Landes wird von Menschen geführt, die sich weltweit durchaus hoher Anerkennung erfreuen. Die jetzt amtierende Generation von Topmanagern hat Ende des vorigen/Anfang dieses Jahrzehnts eine Unternehmensszene vorgefunden, in der die Anpassung an die neuen Bedingungen des Weltmarkts verschlafen worden war.

Der Umbau musste schnell gehen, um den Anschluss an viele Wettbewerber nicht zu verlieren. Es bedurfte zum Teil radikaler Schnitte, um die Unternehmen neu aufzustellen – Schnitte, deren Erfolg keineswegs garantiert war und die den Belegschaften viel zugemutet haben. Kein Wunder, dass das Vertrauen in die Marktwirtschaft schwindet. "Zerstört der Superkapitalismus die Demokratie?", fragt das manager magazin in der Titelgeschichte seiner aktuellen Ausgabe 3/2008.

Manager haben es schwer in Deutschland

Manager haben es schwer in Deutschland

Dass Deutschland, beginnend mit dem Jahr 2005, wieder Kontakt gefunden hat zur Wachstumsentwicklung in der Welt, dass es wieder so etwas wie einen Aufschwung gegeben hat und die Realeinkommen nicht immer weiter abrutschen, dass die öffentlichen Haushalte endlich mal wieder deftige Zuwachsraten bei ihren Einnahmen zu verzeichnen haben – das ist nicht nur, aber doch zu einem durchaus bemerkenswerten Teil der Leistung dieser Elite zuzuschreiben.

In der deutschen Medienöffentlichkeit wird dieser Kraftakt selten gewürdigt, allenfalls einmal in homöopathischer Dosierung. Das Institut Carma International registriert in allen großen Industriestaaten, wie die Medien über ihre heimische Wirtschaft berichten. Kaum irgendwo anders, so die Forscher, haben es Manager vergleichbar schwer wie in Deutschland, mit ihren Aussagen in den Medien zitiert zu werden.

Fazit einer Studie über das abgelaufene Jahr: Deutschland hat derzeit "das härteste Medienumfeld für Businessmanager".

Der Blick von draußen bestätigt den Verdacht, dass die deutsche Gesellschaft ihre Manager nicht wirklich mag. Das war schon so, bevor bei Siemens  der Korruptionsskandal aufflog, bevor Landesbanken reihenweise fallierten, bevor Klaus Zumwinkel ertappt wurde. Seit dem tiefen Fall des ehemaligen Post-Chefs allerdings hat die Bewertung jedes Maß verloren, der Kaste schlägt pure Verachtung entgegen.

Keine Frage, es gibt gravierende Fehlentwicklungen, für die allein die Manager die Verantwortung tragen. Es waren vor allem die Gehaltsexzesse vieler Dax-Vorstände, die das Ansehen der Führungskräfte nachhaltig beschädigt haben. In einem unbegreiflichen Egotrip, alle Mahnungen von außerhalb mit Nichtachtung strafend, haben sich die angestellten Unternehmenschefs wechselseitig die Bezüge in atemberaubenden Sprüngen erhöht. Und das in einer Zeit, in der die Masseneinkommen bestenfalls stagnierten, oft aber in Kaufkraft gemessen rückläufig waren.

Ungleichheit ist keine deutsche Spezialität

Ungleichheit ist keine deutsche Spezialität

Dieses unanständige Verhalten hat fraglos dazu beigetragen, dass sich bei vielen Menschen das Gefühl verfestigte, es gehe nicht "gerecht" zu in diesem Land. Aus diesem Umstand allerdings zu schlussfolgern, die Manager allein seien für den Zulauf zu den Linken haftbar zu machen, wie dies beispielsweise Hans-Ulrich Jörges im "Stern" tut ("Die Linke macht sich nicht, sie wird gemacht. Von den Managern des Kapitalismus"), ist abwegig.

Zum einen darf daran erinnert werden, dass nach wie vor die Hauptsteuerlast von den Beziehern der Spitzeneinkommen getragen wird. Auf jene 10 Prozent der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen entfallen 50 Prozent der Einnahmen aus der Lohn- und Einkommensteuer. Auch Managereinkommen werden an der Quelle versteuert, die Ausweichmöglichkeiten hat der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren radikal verkürzt.

Und zum anderen, wichtiger noch: Zweifellos hat sich die Verteilung des Volkseinkommens zulasten der unteren Einkommensschichten verschoben, und zwar gravierend. Doch diese neue Ungleichheit ist keine deutsche Spezialität, sie lässt sich in allen Ländern mit entwickelten Volkswirtschaften beobachten.

Der Produktionsfaktor Arbeit ist leichter ersetzbar geworden, das drückt auf dessen Bewertung. Diese Entwicklung aber haben nicht raffgierige deutsche Manager ausgelöst, sie ist Folge der weltweiten Vernetzung, des Entstehens neuer, attraktiver Standorte, kurz: der Globalisierung. Die deutschen Unternehmensführer haben nur auf diesen Umbruch reagiert; hätten sie es nicht getan, dann hätten sie in ihren Jobs wirklich versagt, und Deutschlands Wirtschaft hätte den Anschluss endgültig verloren.

Politiker dreschen mit Wonne

Politiker dreschen mit Wonne auf Manager ein

Der radikale Umbau der Wirtschaft, für den das Topmanagement verantwortlich zeichnet, hat zweifellos den Eindruck verstärkt, dass es sich bei "denen da oben" um eine Kaste handelt, die jedwede Bodenhaftung verloren hat. Eine Parallelgesellschaft am wohlhabenden Ende der sozialen Skala quasi.

Aber auch dieser Eindruck einer vom Rest der Welt abgekapselten Kaste gehört relativiert. Natürlich verkehrt man im deutschen Topmanagement am liebsten untereinander, wie das in allen Gruppen üblich ist. Aber verglichen mit den Führungszirkeln in anderen Ländern ist Deutschlands Managerkaste bemerkenswert durchlässig.

Wer sich das Profil der Dax-Vorstände ansieht, wird zu dem Schluss gelangen, dass soziale Herkunft kein Auswahlkriterium sein kann. Anders als in Frankreich, als in England oder den USA spielt auch das im Studium gestrickte Netzwerk beim Aufstieg an die Spitze kaum eine Rolle. Eine abgehobene Wirtschaftselite sieht anders aus als die deutsche.

Nichtsdestotrotz ist unbestreitbar, dass die Kluft, die sich zwischen dem Topmanagement und dem Rest der Gesellschaft auftut, in den vergangenen Jahren größer geworden ist. Sie darf nicht größer werden. Und das zu erreichen, ist eine Aufgabe für beide Seiten.

Die Manager, die sich mental zum Teil ins globale Nirgendwo verabschiedet haben, müssen daran erinnert werden, dass sie in die deutsche Kultur und Werteordnung eingebunden sind. Und die erfordert nun einmal, beispielsweise, viel Feingefühl beim Umbau der Unternehmen, mehr Rücksicht auf die Folgen für die Belegschaft. Vor allem aber: endlich Mäßigung bei der Festlegung der eigenen Bezüge. Die Orientierung an amerikanischen Verhältnissen bei der Gehaltszumessung entfernt diese Gruppe immer weiter vom heimischen Umfeld.

Die Gesellschaft – hier vor allem ihre Sprachrohre, die Politiker und die Journalisten – muss wieder zum Grundsatz der Fairness in der Bewertung ihrer wirtschaftlichen Führungskräfte zurückfinden. Es ist ja verständlich, dass die Politiker mit besonderer Wonne auf die Manager eindreschen: Endlich sind sie es mal nicht, die für alle Unbill dieser Welt verantwortlich gemacht werden. Doch eine Managerbeschimpfung, wie wir sie in den vergangenen Tagen verfolgen durften, wird nicht dazu beitragen, die Wirtschaftselite wieder näher an die Gesellschaft heranzuführen, sondern das Gegenteil provozieren.

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