Führung "Zetsche hat es begriffen"

Die Steueraffäre um Klaus Zumwinkel bringt Konzernchefs in Verruf. Die Machtelite schottet sich immer weiter von Gesellschaft und Moral ab, kritisiert Managementtrainer Daniel Pinnow. Doch einige Dax-Kapitäne haben seiner Ansicht nach verstanden, was gute Unternehmensführung ausmacht.

mm.de: Herr Pinnow, nach der Steueraffäre um den ausgeschiedenen Post-Chef Klaus Zumwinkel stehen Deutschlands Eliten am Pranger. Warum eigentlich? Experten sagen, Steuerhinterziehung sei ein Volkssport, den gewiss nicht nur Topmanager betreiben.

Pinnow: Das ist richtig. In Deutschland haben die Wenigsten ein Problem damit, Steuergesetze zum eigenen Vorteil zu umgehen. Das liegt auch am Steuersystem. Es ist nicht gerade motivierend, wenn Leistungsträger 42 Prozent des Gehalts - oder mehr - an den Staat abgeben müssen

Doch das Grundproblem ist komplexer. Wir erleben eine Wirtschafts- und Machtelite, die sich immer stärker abkoppelt, auch von Moralvorstellungen der Gesellschaft. Dazu gehört nicht nur Zumwinkel, sondern beispielsweise auch Jürgen Schrempp. Trotz Erfolglosigkeit bei DaimlerChrysler erhielt er Aktienoptionen im zweistelligen Millionenwert, die ihm der Aufsichtsrat gewährt hat. So etwas ist nur innerhalb geschlossener Zirkel möglich. Das gilt auch für den Fall des EnBW-Chefs Utz Claassen, der sich im Alter von 44 Jahren ein Ruhegeld von jährlich 400.000 Euro zusichern ließ. Immerhin will der Energiekonzern solche Extremfälle künftig vermeiden.

mm.de: Was meinen Sie mit geschlossenen Zirkeln?

Pinnow: Elite bedeutet auch, verantwortungsbewusst zu handeln. Ein Teil der deutschen Managerklasse übernimmt aber keine Verantwortung mehr. Innerhalb ihres Zirkels nutzen diese Manager ihre Macht schamlos aus, um sich selbst zu bereichern. Das Urteil der Öffentlichkeit ist ihnen dabei völlig gleichgültig. Bemerkenswert ist auch, dass geschasste Konzernchefs nie tief fallen. Denn ihr elitäres Netzwerk fängt sie auf. Sie bekommen immer einen neuen Job, ob als Unternehmenslenker oder als Berater. Die Sorge vor Restriktionen und Konsequenzen geht dabei verloren. Dies führt zu einer zynischen Gleichgültigkeit.

"Verblendung der Manager"

mm.de: Sie vergessen Dax-Konzernchefs, die ihr Amt mit Umsicht und Erfolg ausüben. Sind Schrempp und Co. nicht Einzelfälle?

Pinnow: Natürlich gibt es auch vorbildliche Manager wie Linde-Chef Wolfgang Reitzle, Siemens-Vormann Peter Löscher oder Daimler-Lenker Dieter Zetsche. Gerade Zetsche hat begriffen, wie wichtig es ist, die Menschen im Konzern zu begeistern. Doch ich bleibe dabei: Grundsätzlich besteht ein geschlossenes Machtsystem von Führungseliten, in das man von außen kaum eindringen kann.

Dies führt zu einer Verblendung, weil sich viele Manager für perfekt, ja geradezu unfehlbar halten. Sie definieren sich nicht über Leistung, sondern vielmehr über den Stallgeruch. Nur wer dem Großbürgertum angehört, sich entsprechend kleidet und verhält, kann dazu gehören. Solche geschlossenen Systeme verleiten immer zu Mauscheleien, moralisch fragwürdigen Verhaltensweisen oder gar Gesetzesübertretungen. Mittelständische Unternehmer würde ich von solchem Verhalten eher ausnehmen.

mm.de: Wieso sind Sie sich der Integrität der Mittelständler so sicher? Wie man so hört, zittern auch viele Kleinunternehmer in diesen Tagen vor dem Steuerfahnder.

Pinnow: Auch hier gibt es natürlich Unterschiede. Generell nehme ich jedoch einen ganz massiven Unterschieden zwischen mittelständischen Unternehmenskapitänen und Managern von Großkonzernen wahr. Ein Konzernmanager muss im Prinzip keine Verantwortung übernehmen. Das schlimmste, was ihm passieren kann, ist ein Jobverlust mit dicker Abfindung. Ein Familienunternehmer haftet dagegen mit seinem Kapital - also mit allem, was er hat. Er denkt langfristig, nicht in Fünfjahresschritten. Außerdem kann der Unternehmer seinen Betrieb, der 500 bis 5000 Mitarbeiter hat, auch wirklich führen. Er kann viel stärker durch sein Vorbild wirken und Kontakt zu den Menschen im Unternehmen pflegen. Konzerne mit 50.000 und mehr Mitarbeitern sind dagegen nur sehr schwer, wenn überhaupt noch steuerbar.

"Löscher erteilt keine Befehle"

mm.de: Eine Volkswirtschaft kann aber nicht nur aus überschaubaren, mittelständischen Unternehmen bestehen. Wo sehen Sie die Lösung des Problems?

Pinnow: Die Führungselite muss wieder mehr Verantwortung übernehmen. Dazu gehört auch das Thema Selbstverantwortung, der Blick nach innen: Nach welchen Werten handle ich? Habe ich überhaupt ein Wertesystem? Oder geht es mir nur um den Profit? Ich glaube, dass Führungskräfte wie Zetsche oder Löscher genau wissen, von welchen Maximen sie sich leiten lassen - und was sie als Mensch authentisch und stark macht. Sie stellen sich die Frage, wie sie ihr Handeln in den Dienst der Gemeinschaft stellen können.

Dazu gehört, Orientierung zu bieten und Entscheidungen zu fällen. Aber auch zu kommunizieren, die Nähe zu den Menschen zu suchen. Manager wie Löscher oder Zetsche erteilen ihrer Mannschaft keine Befehle, sondern versuchen sie zu überzeugen. Um Menschen zu überzeugen, muss man auch an etwas glauben - nicht nur an den Shareholder Value. Manager müssen Freude daran empfinden, das Potenzial der Menschen in ihrem Unternehmen zu entfalten.

mm.de: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Das klingt nach Binsenweisheit …

Pinnow: … ist es aber nicht! Führungsstärke ist eine Frage der inneren Haltung zum Menschen. Es reicht nicht, mal eine E-Mail oder eine Geburtstagskarte zu verschicken. Manager müssen auf ihre Mitarbeiter zugehen, mit ihnen reden, auf ihre Sorgen und Nöte eingehen. Menschen sind keine reine Verfügungsmasse zur Steigerung der Produktivität. Wer das begriffen hat, ist eine gute Führungskraft.

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