Eon Stromschlag für Deutschland

Eon erwägt eine radikale Wende. Nach Informationen von manager-magazin.de verhandelt der Energiekonzern darüber, seine gesamten Stadtwerke-Beteiligungen zu verkaufen. Das würde Deutschland den tiefsten Einschnitt auf dem Strommarkt seit Jahren bescheren - und womöglich einen weiteren mächtigen Energiekoloss.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Der Bundesrepublik steht eventuell die schärfste Umwälzung auf dem heimischen Energiemarkt seit der Jahrtausendwende bevor. Deutschlands Branchenprimus und Europas führendes Energiehaus Eon  verhandelt darüber, alle seine Beteiligungen an deutschen Stadtwerken auf einen Schlag zu verkaufen. Das erfuhr manager-magazin.de vorab aus informierten Kreisen.

Danach erwägt Eon seine bisherige 100-Prozent-Tochter Thüga  für eine Milliardensumme an ein Konsortium aus sechs Stadtwerken unter der Führung der Mannheimer MVV  und der Kölner Rheinenergie zu verkaufen; Eon und MVV wollten die Informationen von manager-magazin.de nicht kommentieren. Dagegen sagte Rheinenergie-Sprecher Christoph Preuß: "Die Thüga ist sicherlich ein interessantes Unternehmen, dass wir uns wohl wie auch andere ansehen würden, wenn es denn zum Verkauf stünde."

Eon hat in der Thüga all seine 120 Beteiligungen an deutschen Stadtwerken gebündelt, unter anderem an den großen Stadtwerken Dresden (Drewag), Duisburg, Essen, Hannover (Enercity) und den Gaswerken in Berlin (Gasag). Der Verkauf wäre deshalb selbst für die riesige Düsseldorfer Eon ein Einschnitt auf dem deutschen Markt.

Die kaufwilligen sechs Stadtwerke müssten dann auch eine erhebliche Summe für die Thüga aufbringen; notfalls wollen sie dazu weitere Partner gewinnen. Das dürfte nicht schwer werden: "Internationale Finanzinvestoren und ausländische Energiekonzerne haben derzeit ein hohes Interesse daran, auf Deutschlands Energiemarkt Fuß zu fassen, dem größten Strom- und Gasmarkt Europas", sagt die Unternehmensberatung Russell Reynolds Associates in Hamburg.

Experten schätzen den Wert der Eon-Tochter Thüga auf wenigstens 2,7 Milliarden Euro. Würden Investoren allerdings so viel für die Thüga bieten, wie Electricité de France (EdF) um des deutschen Marktzutritts halber zuletzt für die Stadtwerke Leipzig zu zahlen bereit war, nämlich das 14-fache Ebit des ostdeutschen Stadtwerks, wäre die Thüga sogar 4,3 Milliarden Euro wert.

Der Chef der Mannheimer MVV, Rudolf Schulten, hat vergangene Woche bereits angedeutet, nach Übernahmemöglichkeiten Ausschau zu halten. "Wir wollen durch neue Investitionen sowie Akquisitionen profitabel wachsen und neue Marktchancen nutzen", sagte Schulten bei der Vorlage des Finanzberichts für das erste Quartal. Dazu diene auch der Erlös aus der Kapitalerhöhung im Oktober 2007 in Höhe von rund 228 Millionen Euro.

Das anberaumte Geschäft markiert aber nicht mal wegen seiner schieren Größe den Beginn einer Revolution des hiesigen Strommarkts. Vielmehr könnte den etablierten vier Energieriesen Eon, EnBW, RWE und Vattenfall Europe erstmals seit der Jahrtausendwende ein ernst zu nehmender fünfter inländischer Konkurrent erwachsen. Denn MVV und Rheinenergie würden mit der Thüga ihr vorhandenes Stadtwerke-Netzwerk mit einem Schlag um ein Vielfaches ausdehnen und nahezu bundesweit Geschäfte machen.

Fatale Drohung der Wächter

Fatale Drohung der Kartellwächter

Gemeinsam könnte dann beispielsweise der Einkauf, Handel und die Lieferung von Strom, Gas, Kohle und CO2-Zertifikaten erledigt werden. Genau das macht Deutschlands siebtgrößter Stromkonzern MVV bereits mit seinen bestehenden Verbindungen zu Stadtwerken und Energieversorgern in Ingolstadt, Kiel, Offenbach und Solingen. Um Kosten zu sparen in einem sogenannten Shared Service Center, eigenständig firmierend als 24/7 Trading.

"Das Ausgliedern solcher Leistungen in eine Shared Service Gesellschaft kann tatsächlich eine erhebliche Effizienzsteigerung, bezogen auf die Kosten führen", sagt Günther Schermer, Senior Manager der Unternehmensberatung Goetzpartners. Und dann würde plötzlich eine schlagkräftigere Gruppe verzahnter Stadtwerke versuchen, den etablierten großen vier Energiefirmen des Landes, Eon, EnBW, RWE und Vattenfall Europe, Paroli zu bieten.

Daran kann das Eon-Management zwar kein Interesse haben, auch wenn es ein langer Weg bis dahin wäre. Doch nebenbei verlören die Düsseldorfer durch den Thüga-Verkauf an das Stadtwerke-Konsortium ja auch noch ihre Kontrolle über Endverteilernetze, somit den unmittelbaren Kundenzugang und im Idealfall die Preisbildung auf regionalen Märkten. Doch das Eon-Management um Vorstandschef Wulf Bernotat und seinen Stellvertreter Johannes Teyssen dürfte mit seinen Thüga-Verkaufsverhandlungen anderes im Sinn haben.

Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer hat die beiden offenbar aufhorchen lassen. Deutschlands oberster Wettbewerbshüter würde Eon und Co. am liebsten zwingen, ihre milliardenschweren Beteiligungen an Stadtwerken und Regionalversorgern zu verringern. "Der hohe Beteiligungsbesitz der Energiekonzerne ist eines der größten Hindernisse für mehr Wettbewerb auf den Endkundenmärkten. Die vertikale Entflechtung aber", sprich, der Verkauf der Beteiligungen, "bietet die Chance für mehr Wettbewerb", sagte Heitzer zuletzt - und sorgte damit teils für Empörung bei den großen Vieren. An ihr Eigentum wollten die Kartellwächter bisher schließlich noch nie.

Allerdings müsste der Gesetzgeber dazu das gerade verschärfte Wettbewerbsrecht erneut überarbeiten, um Eon, EnBW, RWE und Vattenfall Europe überhaupt zur teilweisen Trennung von ihrem Stadtwerke-Besitz zwingen zu können. "Die Drohung aber ist ein klares Signal an die Stromkonzerne", findet Klaus Krämer, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Strom- und Gashändler (Efet). Und Eon-Chef Bernotat handelt.

Statt auf das Prinzip Hoffnung, ein zähes Rückzugsgefecht oder Gerichtsverfahren zu setzen, erwägt er offenbar, sich lieber mit einem Ruck von seinen Beteiligungen an Stadtwerken und Regionalversorgern zu trennen - bevor die tatsächlich zur Belastung für Eon werden.

Mit dicken dreistelligen Millionenüberweisungen aus dem bisherigen Thüga-Beteiligungsbesitz, die jahrelang sicher in Eons Bilanzen flossen, kann das Unternehmen in Zukunft ohnehin nicht mehr rechnen - selbst wenn Eon die Thüga auch langfristig behalten dürfte. Schließlich sind die Wettbewerbsbehörden nicht nur den vier hiesigen Branchenstars auf die Pelle gerückt, sondern längst auch den Stadtwerken - und haben deren jahrelang solide funktionierendes Geschäft ins Wanken gebracht.

Die Malaise der Stadtwerke

Die Malaise der Stadtwerke

Die Bundesnetzagentur erkannte den kommunalen und regionalen Versorgern bisher zwischen 11 und 20 Prozent jener angeblichen Kosten ab, die sie zur Grundlage ihrer Gebührenrechnungen machten - und anderen Energiefirmen später in Rechnung stellten, wollten die Strom an Großkunden oder Haushalte über Stadtwerke-Netze liefern. Für Gasdurchleitungen mussten die Stadtwerker sogar Gebührenkürzungen zwischen 13 und 27 Prozent hinnehmen. Und gerade jetzt läuft die nächste Regulierungsrunde für die regionalen Versorger. Nach Expertenmeinung sind weitere Kürzungen der Netzgebühren absehbar.

"Diese Netznutzungsentgelte aber haben einst zu einem guten Teil zu den Gewinnen vieler Stadtwerke beigetragen", sagt Rosemarie Folle vom Verband kommunaler Unternehmen. "Und manche Stadtwerke treffen deren Kürzungen jetzt ganz erheblich."

Die Folgen davon sind für viele Stadtwerke bedrohlich. "Energieversorger, die bis zum Jahr 2010 weitermachen wie bisher, müssen dann mit 25 Prozent weniger operativem Gewinn als heute rechnen", sagt Goetzpartners-Manager Schermer. "Anteilseigner sollten deshalb nicht länger davon ausgehen, auch künftig ohne größeren Aufwand die geforderten Gewinne oder Dividenden ihrer Stadtwerke und Regionalversorger zu erhalten."

Auch deshalb kann es sich für Eon lohnen, seine Stadtwerke-Beteiligungen frühzeitig zu verkaufen und die Thüga-Milliarden stattdessen in neue, aussichtsreichere Geschäfte zu stecken.

Der deutsche Branchenführer hat ebenso wie RWE bereits auf die Malaise der Stadtwerke reagiert. Beide Unternehmen, deren Firmensitze gerade einmal 30 Autominuten voneinander entfernt liegen, haben neue Billigstromgesellschaften gegründet, um den lokalen Anbietern Strom- und Gaskunden abzujagen: Eon hat mit seinem "E-wie-einfach"-Angebot in den zwölf Monaten seit der Gründung bereits mehr als 460.000 Kunden gewonnen, nicht zuletzt von vielen Stadtwerken. Und RWE luchste mit seiner "Eprimo"-Tochter der Konkurrenz seit dem Start vor 33 Monaten 200.000 Kunden ab, davon allein 22.000 im Januar. Damit stecken die Stadtwerke endgültig in der Zwickmühle: Auf der einen Seite sinken die Margen, und auf der anderen dringen Rivalen in ihr einst geschlossenes Revier vor.

"Die Branche muss sich jetzt auf eine Konsolidierungswelle vorbereiten", sagte Stephan Werthschulte, Branchenexperte der Beratungsfirma Accenture. Er rechnet damit, dass von den aktuell rund 800 Stadtwerken in den kommenden sieben Jahren rund ein Viertel vom Markt verschwunden sein werden.

Der erste Tritt, der diese Lawine losschicken würde, wäre der Verkauf der Eon-Tochter Thüga an MVV, Rheinenergie und Konsorten. Mehr noch: Die Lawine würde zumindest regional Großkunden wie private Haushalte gleichermaßen treffen, wie nach der Jahrtausendwende der sagenhafte Aufstieg von Vattenfall Europe. Auch damals avancierte ein neuer Wettbewerber zu einem der großen marktbestimmenden Stromkonzerne Deutschlands. Jetzt könnte sich das neue Stadtwerke-Netzwerk um MVV und Rheinenergie auf den Weg machen, die Nummer fünf der mächtigen Energiekonzerne Deutschlands zu werden.

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