Müllers Welt Zerstört der Superkapitalismus die Demokratie?

Alarmsignale gibt es viele: die Bankenkrise, das Nokia-Werk in Bochum, die Zumwinkel-Liechtenstein-Affäre. Wo das Topmanagement sich in kurzfristigem Opportunismus ergeht, wird unserer freien Gesellschaftsordnung die Geschäftsgrundlage entzogen. Diskutieren Sie mit!

Die Kanzlerin und ihre Minister schleudern derzeit mächtige Warnungen ins Volk hinaus.

Wenn das so weiter gehe mit den Topmanagern, so warnen Angela Merkel (CDU), Peer Steinbrück (SPD), Michael Glos (CSU) und andere, dann drohe dem ganzen System der sozialen Marktwirtschaft der Vertrauensentzug.

Dann bekämen wir eine irgendwie andere Republik. Und wie sähe die aus? Verstaatlichung von Schlüsselindustrien?

So genau legen sich die Regierenden da nicht fest. Noch nicht. Aber die Drohung steht im Raum: Wir können auch anders, wenn die Wirtschaftselite sich nicht benimmt.

Anlässe für derlei Drohungen hat es in der Tat reichlich gegeben. Es begann, schlimm genug, mit der größten globalen Bankenkrise der neueren Geschichte.

Dann die Schließung des subventionierten, profitablen Nokia-Werks in Bochum. Dann die Steueraffäre des Klaus Zumwinkel, gefolgt von der größten Razziawelle, die die Republik je erlebt hat.

All das wirft kein gutes Licht auf die Wirtschaftselite. Man wahrt die Contenance, mühsam.

Wochen bevor die Zumwinkel-Liechtenstein-Affäre ans Licht kam, entschieden wir uns in der Redaktion der Printausgabe von manager magazin, eine Titelgeschichte über den allgegenwärtigen Vertrauensverlust zu recherchieren. Wir stellten eine große Frage: "Zerstört der Superkapitalismus die Demokratie?". Führt die Allianz aus Gier und Globalisierung zu einem destruktiven Prozess der unkreativen Zerstörung? Im Laufe der Recherchen spielte uns die Aktualität in die Hände. Reporterglück.

Mein Kollege Wolfgang Hirn und ich machten uns an die Arbeit, wir sprachen mit Unternehmern und Managern, mit Wissenschaftlern und Beratern, mit Politikern und Beamten. Wir trafen eine Menge sehr nachdenklicher Menschen.

Nicht nur auf Deals setzen

"Für uns ist das kaum noch nachvollziehbar"

"Müssen Unternehmen eigentlich immer noch mehr Geld verdienen?" fragte ein Berater.

"Was die Unternehmen treiben, folgt nur noch einer Binnenlogik, für die Bürger - und für uns in Berlin - ist das kaum noch nachvollziehbar", sagte einer der engsten Berater Merkels.

"Die meisten Unternehmen haben doch gar keine Strategien, die können nur Kosten kürzen - aber das hilft auf Dauer nicht", kritisierte ein Topmanager eines Dax-Konzerns seine Kollegen.

Wir trafen auch einen gerade entlassenen Konzernvorstand, durchaus entspannt dank großzügiger Bezüge, der die Meinung vertrat, der Mehrheit der Bundesbürger stünden weitere "20 bis 30 magere Jahre" bevor. Darauf müsse man die Leute doch einstimmen, auch wir als Wirtschaftspresse.

Übrigens, wenn Sie diesem Herrn blanken Zynismus unterstellen, dann tun Sie ihm unrecht. Er sorgt sich wirklich um die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Standorts. Er glaubt, das Richtige zu tun: Verzicht predigen, um bestehende Strukturen zu erhalten. Dass er selbst zu einer sehr gut verdienenden, kleinen Elite gehört, nun ja, das regelt der Markt. So sieht er sich und die Welt.

Nicht trennbare Realitäten

Ich finde diese Haltung tragisch, weil sie blind ist für die gesellschaftliche - und damit auch für die ökonomische - Realität. Beides ist ja nicht trennbar.

"20 bis 30 magere Jahre" sind keine Perspektive, mit der man den Leuten kommen kann. Mit der man Begeisterung schüren kann. Mit der man den Willen zum Mehr schüren kann, jenen gesunden Schuss Gier, ohne den ökonomische Dynamik nun einmal nicht möglich ist. Das gilt über das ganze Gehältergefüge, oben und unten.

Wer Maßhalten, Bescheidenheit, Gürtel-enger-schnallen predigt, wird Stagnation ernten.

Manchmal lohnt es sich, an ökonomische Basiszusammenhänge zu erinnern.

Dies ist keine Aufforderung für hemmungslose Tarifabschlüsse. Es ist - erstens - ein Plädoyer an die Eliten in Politik und Wirtschaft, offensiv auf echtes Wachstum zu setzen, nicht nur auf den nächsten Deal, nicht nur auf Sparprogramme, nicht nur auf Steuersenkungen.

Reise zurück in die Zukunft?

Weitere Verstaatlichung droht

Denn das Hauptproblem ist nach wie vor: Wir investieren zu wenig in Deutschland. Die Unternehmen haben ihre Investitionen, so rechnet die Bundesbank vor, nach 1995 halbiert, erst seit 2006 erholen sich die Investitionen wieder, von sehr niedrigem Niveau aus; der Staat steckt seit Jahren so wenig in die Infrastruktur, dass der Werteverzehr (Abschreibungen) höher liegt; und auch die Bürger investieren weniger in ihr Humankapital als wünschenswert wäre.

In allen drei Sphären gibt es Anzeichen der Erholung, aber wir sind noch nicht über den Berg. Es ist Aufgabe der Eliten, die Bedingungen und die Stimmung für echtes Wachstum zu schaffen. Sparen ist in Krisensituationen nötig. Aber es ist keine nachhaltige Strategie.

Dies ist - zweitens - ein Plädoyer für eine vernünftige Verteilungspolitik. Die große Mehrheit muss am Wohlstandszuwachs teilhaben. Nicht alle in gleichem Maße, natürlich nicht. Aber wer etwas leistet, muss das auch finanziell spüren.

Wenn die Mehrheit wieder das Gefühl hat, zu profitieren, dann ist auch eine ungleichere Verteilung der Einkommen, die in Zukunft wohl unvermeidlich sein wird, leichter zu ertragen. Dann werden auch hohe Managergehälter irrelevant.

"A rising tide that lifts all the boats", wie John F. Kennedy einst formulierte - warum ist eine solche Verteilungspolitik vernünftig? Weil dem System sonst tatsächlich der Kollaps droht. Damit beschäftigen wir uns ausführlich in der aktuellen Titelgeschichte des manager magazin, Heft 03/2008, "Auf der Kippe".

Reise zurück in die Zukunft?

So viel ist klar: Wenn Unternehmen sich vornehmlich um den nächsten Deal kümmern, statt um dauerhaftes, echtes Wachstum, dann wird das System der Marktdemokratie ad absurdum geführt. Letztlich ist stabile Volksherrschaft ohne solide Volkswirtschaft auf Dauer nicht möglich.

Hier ist eine Vorhersage: Die Alarmsignale - von der Kreditkrise bis zur Liechtenstein-Affäre, und was da sonst noch alles kommen mag - können durchaus die Vorboten zu einer Reise zurück in die Zukunft sein. Es kommt dann zu schweren Eingriffen in den Markt. Wir könnten die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien erleben. Weil das Management versagt hat, sind ja schon viele Banken unter Staatseinfluss geraten: in die Hände der eigenen Regierung (Northern Rock in Großbritannien, IKB in Deutschland) oder in den Einfluss ausländischer Staaten (Singapur bei der UBS, Abu Dhabi bei der Citigroup et cetera).

Weitere Verstaatlichungen könnten folgen. Kandidaten sind die Betreiber von Infrastrukturdienstleistungen. Die Energiebranche beispielsweise, wenn sie nicht mehr in Energieerzeugung investiert. Sogar Einschränkung der internationalen Kapitalmobilität, um die Reichen besser besteuern zu können, sind denkbar.

Wo Eigenverantwortung versagt, wird die Freiheit entzogen. Wünschen kann sich das niemand. Aber ich fürchte, wir sind längst auf dem Weg dorthin.

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