Montag, 23. September 2019

Satire "Ich kann nicht anders"

Er will das Erbe der Kinder schützen. In seiner Fabrik bückt er sich nach jeder Schraube, und öffentliche Verschwendung ist ihm zuwider: manager-magazin-Redakteur Christian Rickens formuliert die fiktive Abschiedsmail eines ertappten Steuersünders.

Sehr geehrte Geschäftspartner, liebe Freunde,

mir bleiben vermutlich nur wenige Stunden, um Sie auf diesem Wege zu informieren. Wahrscheinlich gibt gerade in diesem Moment irgendein geltungsbedürftiger Staatsanwalt meinen Namen an einen Boulevardjournalisten weiter. Dann werden auch vor meinem Haus diese unrasierten Pressebengel auftauchen, die meinen Kindern Kameras ins Gesicht halten, meiner Frau am Gartentor auflauern und den guten Namen meiner Familie in die Öffentlichkeit zerren.

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Ich möchte, dass Sie es von mir erfahren, und nicht aus den Medien: Vor wenigen Minuten hat bei mir eine Hausdurchsuchung begonnen. Ja, auch mein Name steht auf dieser DVD aus Liechtenstein. Auch ich habe eine Stiftung errichtet, um das Vermögen, das sich meine Familie über Generationen erarbeitet hat, vor dem immer räuberischeren Zugriff des deutschen Staates zu bewahren.

Heute weiß ich: Das war falsch. Nicht aus Gründen der "Ethik" und der "Moral", wie jetzt unsere Politiker jammern. Dieselben Politiker, die mich vor jedem Wahlkampf wieder um Spenden anbetteln. Hier, direkt vor dem Schreibtisch meines Großvaters, an dem ich diese Zeilen schreibe, da hat er gesessen, der Herr Generalsekretär. Da war ihm mein Geld noch gut genug.

Nein, falsch war meine Entscheidung aus einem anderen Grund. Mein Handeln hat letztlich nicht zum Erfolg geführt, denn ich bin verraten worden. Und das, meine lieben Freunde und Geschäftspartner, ist es doch, was uns eint: Wir stehen ein für Erfolg oder Misserfolg unserer Handlungen. Wir verschanzen uns nicht hinter scheinheiliger Gesinnungsethik, wie all jene Politiker, Journalisten und Verbandsfunktionäre, die letztlich doch von jenem Geld leben, das wir Unternehmer und Manager zuvor erarbeitet haben.

Unternehmer kommt von unternehmen, Manager von managen und Führungskraft von führen. Deshalb macht unsereiner nicht gern viele Worte. Statt Sonntagsreden zu schwingen, übernehmen wir lieber konkrete Verantwortung - für unsere Familien, für unsere Mitarbeiter, und ja, auch für unser Land. Niemand kann mir und meiner Frau nachsagen, dass wir uns nicht bis zur Erschöpfung für unser Gemeinwesen engagieren. Ingrid tut so viel Gutes zusammen mit den anderen Damen vom Lions-Club.

Und die Gemäldesammlung, die ich mir mit viel Zeit und Geld über die Jahre aufgebaut habe, habe ich erst im vergangenen Jahr in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht. Schon bald werden wir einzelne Exponate als Leihgaben der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das ist konkreter Einsatz für unser Land, den ich Ihnen gegenüber, liebe Freunde und Geschäftspartner, nicht extra betonen muss. Denn die meisten von Ihnen engagieren sich ganz selbstverständlich in ähnlicher Weise.

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