WestLB-Prozess "Schmuddliger Teppichboden"

Neue Runde im Untreue-Prozess gegen den ehemaligen WestLB-Chef Jürgen Sengera. Rolf Gerlach, ehemaliger Aufsichtsratschef der Bank, berichtete heute vor Gericht von vielen bankinternen Mängeln und Versäumnissen im Fall Boxclever.

Düsseldorf - Der Sonderprüfungsbericht der Bankenaufsicht sei "ziemlich erschütternd" gewesen, sagte der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Rolf Gerlach, am Montag als Zeuge vor dem Düsseldorfer Landgericht. Er habe den Verantwortlichen damals fehlende Bodenständigkeit und einen "unaufgeklärten Glauben an Modellrechnungen" vorgeworfen. Der ehemalige WestLB-Chef Jürgen Sengera soll laut Anklage als damals zuständiger Vorstand für den 1,35-Milliarden-Euro-Kredit an den britischen TV-Geräte-Verleiher Boxclever verantwortlich sein, der später Insolvenz anmelden musste.

Daraus entstand der WestLB nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Schaden von mindestens 427 Millionen Euro. Hätte einer der vielen mit dem desaströsen Engagement nur abstrakt befassten Experten jemals einen Fuß in eine der Boxclever-Filialen gesetzt, wäre das riskante Geschäft vielleicht rechtzeitig abgesagt worden, sagte Gerlach: "Schlechte Geschäftslage, verstaubte Fernseher, schmuddliger Teppichboden!" Niemand habe sich den Kunden vor Ort angeschaut.

Auch habe niemand ernsthaft kontrolliert, ob die Auflagen, an die die Kreditzusage geknüpft gewesen sei, auch eingehalten wurden. Es hätte zudem vor der Zusage geprüft werden müsse, ob die beabsichtigte Verbriefung der Forderungen am Markt zu realisieren sei, erklärte Gerlach. Diese organisatorischen Mängel hätten schließlich zur Ablösung Sengeras geführt. Den Schaden durch den geplatzten Boxclever-Kredit bezifferte Gerlach auf "knapp 500 Millionen Euro".

Dass Sengera den Kreditausschuss des Aufsichtsrats falsch über das Boxclever-Geschäft unterrichtet habe, habe dieser ihm gegenüber mit einem Fehler seiner Mitarbeiter begründet, sagte Gerlach. Diese hätten ihm eine falsche Vorlage mit in die Sitzung gegeben.

Weil die Risikoprüfung bei dem Milliardenkredit für Boxclever unzureichend gewesen sei, habe sich Sengera der schweren Untreue strafbar gemacht, so die Staatsanwaltschaft. Der Angeklagte hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Die Höchststrafe für schwere Untreue sind zehn Jahre Haft.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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