Auto "Sich für Schlimmeres wappnen"

Kein Wachstum im Jahr 2008, statt dessen ein Gewinnrückgang um 25 Prozent. Die europäische Autobranche steht vor einem rauen Jahr, meint die US-Investmentbank Goldman Sachs. Dennoch seien die führenden deutschen Autohersteller bereits so stark abgestraft, dass sie auch im Fall einer Rezession positiv überraschen können.

Hamburg - Eine drohende Rezession im wichtigsten Automarkt der Welt, nervöse Aktienmärkte, ein stagnierender Autoabsatz, teure Rohstoffe und steigende Kosten für kreditfinanziertes Wachstum. Die Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs  zeichnen ein düsteres Bild für die europäische Automobilindustrie im Jahr 2008. Die Kreditkrise droht in der stark konjunkturabhängigen Branche scharfe Bremsspuren zu hinterlassen: Anlass für die Analysten, ihre Gewinnerwartungen für den Sektor um satte 25 Prozent zurückzunehmen.

Seit Anfang November sind die Bewertungen der börsennotierten europäischen Automobilhersteller im Durchschnitt um mehr als 30 Prozent gefallen. Der Markt preise damit einen deutlichen Rückgang der erwarteten Gewinne ein, obwohl es für diese These bislang kaum belastbares Zahlenmaterial gebe, schreiben die Analysten von Goldman Sachs. Doch auch sie selbst beziehen im aktuell von Unsicherheit, starken Schwankungen und Rezessionsangst geprägten Klima dunkle Vorahnungen mit ein und senken ihre Gewinnerwartungen für die Branche um 25 Prozent: "Wir hoffen das Beste, bereiten uns aber auf Schlimmeres vor", titeln die Analysten in ihrer kürzlich veröffentlichten Studie.

Selbst Zinssenkungen können schmerzen

Die wichtigsten Gründe, warum sich Anleger auf schlechte Nachrichten aus der Branche vorbereiten sollten: In diesem Jahr werde der weltweite Automobilabsatz nicht mehr wachsen, eine Vollbremsung nach einem Rekordwachstum von 5 Prozent im Jahr 2007. Ohne Wachstum hätten die Automobilhersteller kaum Mittel, um den Branchenrisiken etwas entgegenzusetzen, schreiben die Analysten von Goldman Sachs. Dazu zählen Rabattschlachten im Kampf um Marktanteile, steigende Kosten für Rohstoffe wie Stahl, Aluminium und Öl sowie strengere Vorgaben zum CO2-Ausstoß. Autohersteller, die überwiegend in Europa produzieren, leiden zusätzlich unter dem starken Euro: Ihre Exporte auf den US-Markt und den übrigen Dollarraum werden teurer.

Die Kreditkrise greife die Autohersteller außerdem an mehreren Fronten an. Einerseits wird es für die Finanzierungsgesellschaften der Konzerne teurer, sich Geld für das Wachstumsgeschäft zu beschaffen. Andererseits bremst ein sinkender Konsum in den USA die Absatzchancen und erhöht das Risiko, dass es am Aktienmarkt zu weiteren Verkaufswellen kommt. Sollten die wachsenden Rezessionsängste für einen Ausverkauf im Automobilsektor sorgen, hätten die Bewertungen noch rund 15 Prozent Luft nach unten, heißt es in der Studie.

Zwar versucht die US-Notenbank, durch aggressive Zinssenkungen eine Rezession noch abzufangen. Doch die Zinssenkungen, die den Konsumenten entlasten und den Unternehmen helfen sollen, haben auch einen negativen Effekt für viele weltweit produzierende Autohersteller: Sie können die Pensionsrücklagen für ihre vielen tausend Mitarbeiter in der Bilanz nur noch mit einem niedrigeren Faktor verzinsen. Dies bedeutet, dass die Pensionslasten der Konzerne deutlich steigen.

Doch bei ihrem düsteren kurzfristigen Szenario für die Branche lassen es die Analysten der US-Investmentbank natürlich nicht bewenden.

Warum GS zu deutschen Aktien rät

Warum Goldman Sachs zu deutschen Autoaktien rät

Langfristig biete der europäische Automobilsektor gute Wachstumschancen, heißt es in der Studie. Die meisten Hersteller in Europa hätten erfolgreich restrukturiert, Kosten heruntergefahren und die Produktivität erhöht - mehr als 30 Milliarden Euro habe die Branche in den vergangenen Jahren für ihre Restrukturierung und Neuaufstellung ausgegeben.

Rund zwei Drittel dieser Summe sei nötig, um Widrigkeiten wie Währungsrisiken, Preissteigerungen bei Rohstoffen oder die Kosten für Rabattaktionen auszugleichen. Doch immerhin knapp ein Drittel der Summe werde schließlich wieder bei den Herstellern ankommen und sich positiv in den Bilanzen niederschlagen.

Die Automobilindustrie bleibe eine Wachstumsindustrie - vor allem, weil sie von der steigenden Nachfrage in den aufstrebenden Schwellenländern wie Indien, China, Brasilien und Russland profitiere, meinen die Analysten von Goldman Sachs.

Erholung noch in diesem Jahr

Die Europäischen Autohersteller seien nach ihrer erfolgreich absolvierten Restrukturierung in einer guten Ausgangsposition, um von einer steigenden Nachfrage in den BRIC-Ländern zu profitieren.

Für deutsche Autohersteller sehen die GS-Experten besonderes Erholungspotenzial - nicht nur wegen langfristig guter Wachstumsaussichten, sondern auch, weil die Aktienkurse der deutschen Hersteller in den vergangenen drei Monaten bereits stark gelitten haben. Selbst im voraussichtlich trüben Autojahr 2008 dürften die Kurse von BMW, Daimler oder Porsche bereits wieder zulegen, schätzt Goldman Sachs. Obwohl die US-Investmentbank für die Konjunktur noch "Schlimmeres" in Aussicht hat, empfiehlt sie die drei Aktien zum Kauf.

BMW: Roadshow und Sparprogramm

Top-Empfehlung von Goldman Sachs ist die Aktie von BMW . Die Analysten haben ihr 6-Monats-Kursziel zwar von 52 auf 43 Euro zurückgenommen. Doch aktuell notiert die Aktie bei nicht einmal 37 Euro und damit auf einem langjährigen Tief, wenn man die Bewertung ins Verhältnis zur Umsatz- und Gewinnentwicklung setze. Am heutigen Mittwoch beginnt das BMW-Management eine Roadshow vor Analysten in London, New York und Boston: Dies könne laut Goldman Sachs einen Zündfunken für eine kurzfristige Erholung liefern.

BMW  leidet besonders unter einem schwachen Dollar, da der Premium-Hersteller rund 340.000 Autos in den USA verkauft, aber nur knapp 150.000 im US-Werk Spartanburg produziert. BMW-Chef Norbert Reithofer hat bereits ein umfangreiches Sparprogramm angekündigt: Im laufenden Jahr will der Konzern bis zu 8000 Stellen streichen, wovon überwiegend Zeitarbeiter in Deutschland betroffen sind. Bis 2012 will der Konzern 6 Milliarden Euro einsparen.

Rückkaufprogramm bei Daimler

Daimler: Derzeit günstiger als DaimlerChrysler

Ebenfalls optimistisch ist Goldman Sachs für die Aktie von Daimler , die seit November rund ein Drittel an Wert verloren hat und derzeit um die Marke von 50 Euro dümpelt.

Auf diesem Niveau sei die Aktie noch günstiger als zu dem Zeitpunkt, als Daimler sich noch mit der kränkelnden US-Tochter Chrysler beschäftigen musste, so die Analysten. Die erfolgreiche Loslösung von Chrysler sei damit ebenso wenig berücksichtigt wie die üppigen Cash-Reserven des Autoherstellers.

Zwar seien im Lkw-Geschäft die Aussichten für 2008 nicht rosig, vor allem in den USA. Doch das Aktienrückkaufprogramm des Konzerns im Wert von rund 4 Milliarden Euro, das nach Einschätzung von Goldman Sachs im März starten dürfte, sollte dem Kurs nach Ansicht der Investmentbank wieder aufhelfen. Das 6-Monats-Kursziel liege bei 62 Euro und damit rund 20 Prozent über dem aktuellen Kurs.

Porsche: Aktiensplit und VW-Schatz

Für den Sportwagenhersteller Porsche hat Goldman Sachs das 6-Monats-Kursziel von 1770 Euro drastisch auf 1370 Euro heruntergenommen. Angesichts des aktuellen Kursniveaus bleibe die Aktie jedoch ein Kauf.

Porsche könne es sich leisten, sich bei der Übernahme von VW Zeit zu lassen, so die Analysten. Jede Erholung der VW-Aktie vom aktuellen Niveau werde auch Porsche  zu Gute kommen.

Da Porsche rund 35 Prozent seiner Erlöse in den USA erziele, belasten die Rezessionsängste in den USA das Papier des Sportwagenherstellers in besonderem Maße. Dennoch sei Porsche derzeit historisch sehr günstig bewertet. Der geplante Aktiensplit sollte außerdem die Attraktivität der Aktien für Privatanleger erhöhen.

Volkswagen: Ruhepause nach der Rally

Zurückhaltend sind die Analysten von Goldman Sachs dagegen bei Volkswagen , deren 6-Monats-Kursziel sie auf 170 Euro heruntergenommen haben. Zwar bleibe VW der am besten positionierte europäische Autohersteller, der außerdem von einer erwarteten Konsolidierung in der Lkw-Branche (mögliche Fusion von MAN  und Scania ) profitieren dürfte.

Nach der kraftvollen Kursrally des Jahres 2007 biete die Aktie jedoch nur noch wenig Aufwärtspotenzial, weshalb die GS-Analysten sie mit "Neutral" einschätzen. Wer von den attraktiven fundamentalen Bedingungen und der möglichen Fortführung der VW-Erfolgsgeschichte profitieren wolle, sollte dies eher durch ein Investment in Hauptaktionär Porsche tun, rät Goldman Sachs.

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