Société Générale "Man verliert das Gefühl für Summen"

Durch riskante Spekulationen und Scheingeschäfte stürzte die Société Générale in eine tiefe Krise - nun hat sich der beschuldigte Händler Jérôme Kerviel in einem Interview zu Wort gemeldet. Er wolle nicht als Sündenbock der Großbank herhalten.

Paris - Nach dem Spekulationsskandal bei der französischen Großbank Société Générale  hat sich nun der beschuldigte Händler Jérôme Kerviel öffentlich zu Wort gemeldet. In einem Gespräch mit der französischen Nachrichtenagentur AFP gestand er "einen Teil der Verantwortung" ein. Jedoch wolle er nicht als "Sündenbock" für die Bank herhalten.

Nach Angaben von AFP wollte Kerviel keine detaillierten Angaben zu seinen ungenehmigten Spekulationen machen - dies wolle er lieber vor den Richtern tun. Die Société Générale war durch riskante Spekulationen und Scheingeschäfte in die Krise geraten. Die Großbank hatte mit dem Glattziehen der Risikopositionen mitten in der Börsenkrise Ende Januar 4,9 Milliarden Euro verloren - und macht dafür Kerviel verantwortlich.

Mit ausgleichenden Scheinbuchungen schaffte er es nach bisherigen Angaben monatelang, die Warnsysteme der Bank außer Kraft zu setzen. Die Ermittler werfen ihm Fälschung, Vertrauensmissbrauch und unerlaubtes Eindringen in Computersysteme vor. Die Richter wiesen den Antrag der Staatsanwaltschaft zurück, wegen versuchten Betruges zu ermitteln. Kerviel habe sich nicht persönlich bereichert, hieß es.

"Man lässt sich ein bisschen davontragen"

"Man verliert das Gefühl für Summen, wenn man in diesem Beruf arbeitet", sagte der Beschuldigte im Interview. Der tatsächliche Wert des Geldes verschwinde. "Man lässt sich ein bisschen davontragen." Kerviel betonte laut AFP, wie schon bei seinen Vernehmungen, dass er sich niemals persönlich habe bereichern wollen. "Das Ziel war, für die Bank Geld zu verdienen." Außerdem erklärte der Banker, sein Gemütszustand sei keinesfalls instabil: "Ich bin weder selbstmordgefährdet noch depressiv." Er habe auch nie an Flucht gedacht" - trotz des enormen Trubels in den vergangenen Tagen.

Vergangene Woche hatte Kerviel seinen Vorgesetzten nach einem Medienbericht Mitwissen und Komplizenschaft vorgeworfen. "Ich kann nicht glauben, dass meine Vorgesetzten nicht über die Beträge, die ich eingesetzt habe, im Bilde waren", sagte Jérôme Kerviel in seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft. Die Internetseite "MédiaPart" veröffentlichte am Dienstag Auszüge aus den Protokollen, Justizkreise bestätigten den Inhalt.

Unterdessen hat die US-Börsenaufsicht SEC nach einem Bericht des "Wall Street Journal" eine Untersuchung der Aktienverkäufe von Topmanagern bei der Société Générale eingeleitet. Im Visier stünden führende Manager der Bank sowie Verwaltungsratsmitglied Robert Day, Präsident der US-Investmentfirma Trust Company of the West (TCW), und zwei mit ihm verbundene Stiftungen, berichtete das Blatt am Montag unter Berufung auf Informationen aus dem Umkreis der Untersuchungen. Day und weitere Manager sollen angeblich vor Bekanntwerden des Skandals und des Sturzfluges des Aktienkurses große Aktienpakete verkauft haben.

In der Affäre hatte ein Anwalt vergangene Woche in Paris im Namen von rund 100 Kleinanlegern Anzeige gegen Topmanager der Bank wegen des Verdachts auf Insiderhandel erstattet. Aktienhändler hatten die Bank wegen ihrer massiven Geschäfte für das Ausmaß des Kurssturzes mitverantwortlich gemacht.

manager-magazin.de mit Material von dpa-afx