Bankenkrise "Konsolidierungsdruck dürfte steigen"

Topbanken weltweit haben bereits Milliarden in der Kreditkrise abschreiben müssen. Credit-Suisse-Vorstand Urs Rohner sagt manager-magazin.de, warum einzelne Institute nun vielleicht geschluckt werden, die Kreditkrise das Wirtschaftswachstum Osteuropas drücken kann - aber die Geldbranche keine stärkere Staatsregulierung braucht.
Von Karsten Stumm

mm.de: Herr Rohner, viele Menschen sind überrascht von den Milliardenverlusten einiger Banken durch die amerikanische Hypothekenkreditkrise. Scheibchenweise erhöhen Geldhäuser ihre Minusschätzungen. Trauen sich die Banker eigentlich noch einander über den Weg?

Rohner: Es hat in den vergangenen Monaten tatsächlich Momente gegeben, in denen die Banken einander nur sehr zurückhaltend und nur zu ungewöhnlich hohen Preisen gegenseitig kurzfristiges Geld geliehen haben. Der Markt für Asset Backed Commercial Papers (Geldmarktwertpapiere zur Deckung kurzfristigen Kreditbedarfs, Anm. d. Red,) war nahezu ausgetrocknet.

mm.de: Politiker aus vielen europäischen Staaten trauen den Banken noch immer nicht so recht. Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland wollen den Internationalen Währungsfonds bei der Krisenvorbeugung deshalb stärken und mehr Transparenz der Banken fordern. Können die sich nicht selbst im Zaum halten?

Rohner: Das Bankgeschäft ist eine der am stärksten regulierten Branchen. Noch mehr Regulierung ist daher der falsche Weg. Ich bin überzeugt, dass das Ineinandergreifen von Selbstregulierung und Aufsichtsbehörden das richtige Modell ist. Die Regulierung des Bankensektors muss nicht durch eine Superbehörde erhöht werden.

mm.de: Also so weitermachen wie vor der Subprime-Krise?

Rohner: Nein. Die Banken werden sicher ihr Risikomanagement weiter verfeinern. Auch Basel II (neue und strengere Eigenkapitalvorschriften, vorgeschlagen vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, Anm. d. Red.) bedeutet einen Fortschritt im Umgang mit Risiken. Wenn regulatorisch etwas verändert werden soll, dann wünschte ich mir insbesondere eine verbesserte Zusammenarbeit der verschiedenen nationalen Aufsichtsbehörden. Zurzeit herrschen zu viele unterschiedliche Standards. Dabei ist die Finanzwirtschaft die globalste Industrie überhaupt.

mm.de: Ist das ein Segen oder ein Fluch? Großbanken haben vielen Schwellenländern den dortigen Wirtschaftsboom durch ihre Finanzinfrastruktur und ihre Finanzierungskraft ermöglicht. Bricht dieses Fundament des Aufschwungs für die Wachstumsmotoren der Welt nun aber weg, weil die Banken ihre Kräfte auf sich konzentrieren müssen?

Rohner: Davon gehe ich eigentlich nicht aus. Die Kreditkrise wird das Wachstum der Schwellenländer nicht signifikant abschwächen oder dort gar zu einem parallelen Abschwung mit Amerika führen. Durch die Expertise und Infrastruktur der global agierenden Banken haben die Schwellenländer vielmehr Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Zudem gibt es gerade in vielen Schwellenländern reichlich Kapital, wie die Investitionen einiger Staatsfonds in die in Schwierigkeiten geratenen Banken zeigen.

"Kredite werden generell teurer"

mm.de: Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke schätzt den Subprime-Schaden auf bis zu 500 Milliarden Dollar. Da müssen aber noch einige Staatsfonds einspringen, um das auszugleichen.

Rohner: Man muss unterscheiden zwischen der Finanzkraft des Marktes und der einiger großer Banken, die besonders betroffen sind. Und der Markt insgesamt ist weiterhin stark, obwohl wir zweifellos eine Verlangsamung sehen, zumindest kurzfristig. In Asien beispielsweise, wo ich gerade war, ist die Stimmung denn auch weiterhin sehr gut. Ich glaube deshalb nicht, dass die Subprime-Krise das Wachstum der Weltwirtschaft insgesamt nachhaltig sinken lässt.

mm.de: Auch nicht regional, beispielsweise in den Schwellenländern direkt vor unserer Haustür? In Polen, Ungarn oder Tschechien etwa haben die global agierenden Banken einen Marktanteil von 65 Prozent. Wie sollen die einheimischen Geldhäuser das ausgleichen?

Rohner: Wir müssen davon ausgehen, dass generell Kredite teurer werden. Und das führt nach der Theorie zu langsamerem Wirtschaftswachstum. Aber global sollte das keine bedeutende Rolle spielen.

mm.de: Helfen den angeschlagenen Banken die aktuellen Zinssenkungen der amerikanischen Notenbank um zuletzt weitere 1,25 Prozentpunkte bei ihren Rekapitalisierungsversuchen überhaupt?

Rohner: Nur indirekt, indem der Zins für risikofreie Anlagen sinkt. Was jedoch zählt, sind die absoluten Kosten für Kapital. Die Risikoprämien sind weiterhin hoch und hängen von der künftigen Wirtschaftsentwicklung ab, die durch die Zinssenkung längerfristig positiv beeinflusst werden dürfte.

"Krise nicht in ein paar Wochen vorüber"

mm.de: Werden die Milliardenverluste manche Banken dennoch so schwer treffen, dass sie selbst nach der Zinssenkung nicht mehr überleben können? Rollt deshalb nach der Verlustwelle eine Übernahmewelle über den Bankenmarkt?

Rohner: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass vereinzelt gewisse Institute so stark betroffen sind, dass sie einen Zusammenschluss anstreben. Der Konsolidierungsdruck dürfte steigen, aber zu einer Fusionswelle, ausgelöst durch die Subprime-Krise, wird es nicht kommen.

mm.de: Hält die Credit Suisse bereits aktiv nach solchen Opfern der Subprime-Krise Ausschau, um sie zu übernehmen?

Rohner: Nein, nicht stärker als sonst auch. Kleinere Übernahmen in unseren Kerngeschäften betrachten wir immer als interessant, wenn Preis und Gelegenheit stimmen. Dafür haben wir fraglos auch die nötige Kraft. Große, transformatorische Übernahmen schließen wir aus. Das würde nicht zur Credit Suisse und ihrem stark integrierten Geschäftsmodell passen, das Investmentbanking, Private Banking und Asset Management kombiniert.

mm.de: Wann ist die Subprime-Krise beendet und wird die Rezessionsfurcht verflogen sein?

Rohner: Die gegenwärtige Situation ist schwierig. Und die Vertrauenskrise wird auch nicht in ein paar Wochen vorüber sein. Glücklicherweise aber haben die jüngsten Ereignisse die Weltwirtschaft in einer sehr robusten Verfassung getroffen. Das hilft, die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft etwas abzufedern.

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