Müllers Welt Warten auf den Dollar-Crash

Der Dollar steht mächtig unter Druck. Immer weiter bröckelt der Kurs gegenüber den anderen wichtigen Währungen. Der Grund: Für die Despoten in aller Welt wird die Bindung an die immer weichere US-Währung eine schwer tragbare Hypothek. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie den Dollar in den Keller rauschen lassen. Diskutieren Sie mit!

"Wissen Sie was", sagte mir kürzlich ein Notenbanker, "wir sind mit Mächten konfrontiert, die wir nicht unter Kontrolle haben". "Es könnte sein", fuhr er fort, "dass wir von Investoren geradezu überrannt werden".

"Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?", fragte ich zurück.

"Aus heutiger Sicht ist das wohl ziemlich unwahrscheinlich", antwortete er. "Aber wer weiß, was noch passiert."

Das Gespräch fand Ende letzten Jahres statt. Seither ist viel geschehen.

Im Dezember und im Januar recherchierte ich für einen Artikel, der gerade im aktuellen Heft 2/2008 des manager magazins erschienen ist. In der Geschichte mit der Überschrift "Das Weltgeld" beschäftige ich mich mit der Zukunft des Euro als Weltwährung.

Wird der Rest der Welt dem Dollar treu bleiben? Oder werden Investoren, Verbraucher und Notenbanken sich auf die einzige real existierende Alternative stürzen, nämlich den Euro? Und was bedeutet all das für die Euro-Staaten - ökonomisch, politisch, sozial? Diesen Fragen gehe ich in dem Artikel nach.

Nach vielen Gesprächen, nach der Analyse der Ergebnisse einer Umfrage, die wir zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger bei Topmanagern in Europa und den USA initiiert haben , lautet meine Antwort: Der Euro wächst zur zweiten Weltwährung heran, und zwar schneller als manchem in Europa lieb ist. Eine große Minderheit der befragten Führungskräfte aus dem Euro-Land ist sogar der Meinung, der Euro werde den Dollar als das dominierende Weltgeld beerben.

Seit dem Gespräch mit jenem Notenbanker, der nicht näher benannt und zitiert werden wollte, hat sich die Lage weiter zugespitzt.

China als Pulverfass

Warum?

Weil die Zinsen in den USA so niedrig sind, dass sie all jene Länder in arge Bedrängnis bringen, die ihre Währungen an den Dollar gebunden haben. In China, in anderen asiatischen Schwellenländern, in den Golfstaaten - im gesamten bisherigen Dollar-Raum schrillen die Alarmglocken.

Die Federal Reserve Bank (Fed) hat den Leitzins binnen kurzer Zeit drastisch auf 3 Prozent gesenkt. Alle Notenbanken, die den Wechselkurs ihrer Währung gegenüber dem Dollar fixiert haben, müssen der Fed folgen. Sind nicht frei in ihren Entscheidungen. Sie können keine Geldpolitik betreiben, die ihrer spezifischen ökonomischen Lage angemessen wäre. Sie stecken in der Dollar-Falle.

Bis vor kurzem war die Dollar-Bindung kein Problem. Die Inflation war niedrig. Wer sich an der US-Währung orientierte, importierte Stabilität und Glaubwürdigkeit. Vorbei. In China, den Golf-Emiraten und anderswo steigen die Preise rasch. Amerika gilt als Unsicherheitsfaktor der Weltwirtschaft, nicht mehr als ihr fester Anker.

Die Herrscher der Dollar-Länder - überwiegend handelt es sich um autoritär regierte Staaten - fürchten nun den Unmut einer Bevölkerung. Weil die Kaufkraft der Arbeiter schwindet, gab es am Persischen Golf schon Unruhen, der Emir von Dubai hat seinen Staatsdienern die Gehälter mal eben um 70 Prozent erhöht.

China, sagen Fachleute, gleicht heute schon einem Pulverfass, in dem sich Proteste und Aufstände immer schwerer unter Kontrolle halten lassen. Weiter steigende Inflation bringt zusätzliche gesellschaftliche und politische Instabilität. Davor fürchten sich die Autokraten. Es geht, in letzter Konsequenz, um ihr politisches Überleben.

Entsprechend rückt die Inflationsbekämpfung ins Zentrum der politischen Agenda. Entsprechend wird die Bindung an den Dollar zu einer schwer erträglichen Bürde.

Eine weitere Zuspitzung steht spätestens seit gestern bevor, als die Fed die Zinsen nochmals senkte.

Hält das Dollar Kartell?

Hält das Dollar-Kartell jetzt noch? Wird der Rest der Welt wie in früheren Jahrzehnten alle Kapriolen der USA mitmachen und dem Dollar die Treue halten - trotz alledem?

Ich glaube, nein. Denn der Dollar hat sein Monopol verloren, seit es den Euro gibt. Anders als früher gibt es eine Alternative, auf die andere Volkswirtschaften umschwenken können. Der Euro wird deshalb Marktanteile gewinnen, um es vorsichtig auszudrücken.

Bisher galt das Dollar-Kartell als stabil. Die Argumentation ging so: Die Währungsreserven der Schwellenländer sind so gigantisch, dass eine Abkehr von der angestammten Leitwährung mit der Abwertung der Dollar-Bestände und also kaum fassbar großen Abschreibung verbunden sei. Ein Verlust, den man lieber vermeidet.

Nun aber verändert sich das globale Geldspiel: Die Inflation tritt als wirkmächtiger zusätzlicher Faktor hinzu. Und die Geldentwertung schürt höchst reale Konflikte - gesellschaftliche, politische, ökonomische -, die die Macht der Herrschenden untergraben.

Hier ist eine Vorhersage: Der Tag wird kommen, da werden sich Schlüsselspieler wie China und Saudi-Arabien von der US-Währung abwenden. Die Folge wird ein Dollar-Crash sein. Ein Run auf den Euro wird einsetzen. Und es ist höchst fraglich, ob wir Euro-Europäer darauf vorbereitet sind (dazu mehr im aktuellen Heft manager-magazin-Heft 02/2008).

Und? Können wir Europäer etwas dagegen tun, dass der Euro verstärkt von anderen Nationen als Anlage-, Handels-, Anker-, Reservewährung verwendet wird? Die Antwort ist kurz und klar: Nein.

Wie sagte der Notenbanker: Wir sind mit Mächten konfrontiert, die wir nicht unter Kontrolle haben.

Früher haben Menschen in solchen Zeiten gebetet.

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