Flugreisen Das Geschäft mit dem Abgas-Ablass

Lufthansa, Swiss, Virgin Atlantic: Immer mehr Airlines offerieren umweltbewussten Fluggästen eine Gewissenserleichterung. Sie können zum Flugticket gleich eine Spende für das Weltklima dazubuchen. Wer profitiert von diesem Ablasshandel?

Hamburg - Hoch über den Wolken, die Sonne strahlt, die Anschnallzeichen sind erloschen. Stewardessen fahren mit ihren metallenen Versorgungswagen durch die Reihen und fragen professionell lächelnd: "Darf's für Sie etwas sein? Tee? Kaffee? Ein gutes Gewissen?"

Ja, offenbar ist alles käuflich, auch ein bisschen Gewissenserleichterung, wenn man schon ein umweltschädliches Verkehrsmittel nutzt: das Flugzeug. Immer mehr Linien bieten der Kundschaft an, eine Spende für Klimaprojekte zu entrichten. Deren Höhe bemisst sich daran, welchen Schaden die jeweilige Reise anrichtet. Der Flug ließe sich dann "ausgleichen", sagen sie, manche nennen das "klimaneutral".

Ein erfolgreiches Konzept. Die britische Airline Virgin Atlantic geht seit November sogar einen Schritt weiter. Nicht nur bei der Buchung kann man den Ablasshandel eingehen, sondern auch noch in der Luft. Neben den - meist kostenlosen - Getränken und verschiedenen zollfrei verkauften Waren wird auch das individuelle Klimazertifikat feilgeboten. Vielleicht, so der Gedanke, drängt der Gruppendruck unter den Passagieren einige Unentschlossene zum Kauf.

"Wir sind sehr zufrieden mit dem Programm", kommentiert Virgin-Atlantic-Sprecherin Anna Knowles die ersten Erfahrungen. Es werde von den Kunden "gut angenommen". Genaue Zahlen gibt die Fluggesellschaft des britischen Milliardärs Richard Branson aber nach knapp drei Monaten noch nicht heraus.

Wohin fließen die Klimagroschen? Helfen sie wirklich der Umwelt? Oder nur den professionellen Gewissenserleichterern, die sie einsammeln?

"Das ist ein Beitrag zur Schadensbegrenzung", sagt Dietmar Oeliger, Verkehrsexperte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Nicht mehr, aber - immerhin - auch nicht weniger. Wenn denn schon jemand unbedingt fliegen müsse, dann könne er so die Folgen der Flugzeugabgase und der treibhauseffektiven Kondensstreifen lindern.

Irreführende Bezeichnungen

Irreführende Bezeichnungen

"Woran wir uns allerdings stören, ist die oft irreführende Bezeichnung mancher Anbieter", so der Nabu-Mann. "Klimaneutral" sei das Geschäft nämlich nicht, die ausgestoßenen Schadstoffe können nicht zurückgeholt werden. Beim Bundesumweltministerium in Berlin weist man darauf hin, das mit den CO2-Spenden nur ein einzelner umweltschädlicher Aspekt des Fliegens berücksichtigt werde - neben Kohlendioxid fallen andere Schadstoffe, Abfälle oder auch Lärmbelastungen an. "Umweltneutral" könne man schlicht nicht fliegen.

Die Ablasshändler selbst, die mit CO2-Spenden wenigstens das Klima entlasten wollen, stehen vor dem grundsätzlichen Problem, den Bezug zwischen einem Flug und einer Klimaschutzmaßnahme herzustellen. Der Mechanismus "Fliegen und zahlen, damit woanders gespart wird" ist recht abstrakt.

Der Physiker und Umweltökonom Dietrich Brockhagen weiß um das Problem; seine gemeinnützige GmbH Atmosfair ist einer der wichtigsten Anbieter der Zertifikate in Deutschland. "Es ist aber durchaus möglich, gezielt CO2 einzusparen", sagt er. Das Angebot der Klimaschutzagenturen besteht darin, die Größenordnung des erzeugten Umweltschadens dafür zum Maßstab zu machen. Nach bestem Wissen und Gewissen und nach aktuellem Stand der Wissenschaft. Anschließend leiten sie die freiwilligen Spenden dorthin weiter, wo was für's Klima getan wird.

Atmosfair hat dafür einen exzellenten Ruf. Nicht nur der Nabu empfiehlt die Dienste der Bonner Gesellschaft, sondern auch das Bundesumweltministerium. "Wer die Schäden seines Reiseverhaltens begrenzen möchte, ist hier an der richtigen Adresse", sagt ein Ministeriumssprecher. Die Behörde fördert das Projekt, das 2003 auf Initiative der Entwicklungsorganisation Germanwatch und des Forums Anders Reisen entstand. Vor allem viele Onlinereisebüros vermitteln Brockhagens Dienste, darunter die Marktgrößen Avigo, Dr. Koch, Expedia, Opodo, Hin und Weg, Travel24 oder Ferien.de.

Wie seine Mitbewerber bietet Atmosfair ein Computerprogramm an - auf der eigenen Homepage wie auf den Webseiten der Partner -, das die CO2-Emissionen für jeden Reisenden ermittelt. Demnach schlägt ein Hin- und Rückflug zwischen Hamburg und Zürich mit 400 Kilogramm CO2 pro Passagier zu Buche. Passend zum Flug bekommt man das Angebot: "Diese Menge CO2 kann Atmosfair für Sie in einem Klimaschutzprojekt für 10,00 Euro einsparen." Wer auf "Buchen" klickt, spendet per Lastschrift, Kreditkarte oder Überweisung - übrigens steuerlich absetzbar wie andere Spenden auch.

Viele wollen mitverdienen

Viele wollen mitverdienen

Das Geld fließt in verschiedene Projekte, von denen man sich auf der Atmosfair-Internetseite einen Eindruck verschaffen kann. Etwa die Umrüstung von 18 Großküchen in Indien, deren veraltete Öfen durch solarthermische Anlagen ersetzt werden. Das Projekt der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) spart laut Datenblatt 4000 Tonnen CO2 ein. Nebenbei wird die Technik von indischen Unternehmen geliefert, sodass auch die regionale Entwicklung gefördert wird. Ein anderes Beispiel ist ein kleines Wasserkraftwerk in einer entlegenen Region von Honduras. Es ersetzt die bisher zur Stromerzeugung verwendeten Dieselaggregate. Der Bau soll per annum 15.000 Tonnen CO2 einsparen, 21 Jahre lang.

Die Atmosfair-Projekte lesen sich als kleine Liste von Entwicklungshelferträumen: Das Klima entlastend, gesellschaftsförderlich und freundlich. Kein Wunder, dass die Geschäfte gut gehen. 2006 setzte Atmosfair noch 200.000 Euro um, im vergangenen Jahr schon 1,3 Millionen. "Bis 2009 erwarten wir einen zweistelligen Millionenumsatz", sagt Brockhagen. Ein "junger, dynamischer" Markt, notiert das Umweltministerium.

Längst gibt es eine ganze Reihe von vergleichbaren Anbietern, etwa das australische Projekt Climate Friendly, die US-amerikanische Native Energy sowie die Stiftung MyClimate in Zürich, zu deren Abnehmern unter anderem die Lufthansa  zählt, Swiss, Tuifly und eben auch Virgin Atlantic. Diese drei Zertifikatagenturen wurden in einem Ranking der Bostoner Tufts-Universität mit "sehr gut" bewertet, übertroffen nur von Atmosfair mit "exzellent". Die übrigen neun Anbieter im Vergleich wollten die Wissenschaftler lieber nicht empfehlen.

Klar, viele möchten von dem Trend profitieren - nicht allen ist dabei allzu sehr am Klima gelegen. Woran es bei den weniger guten Agenturen oft hapert, ist die sogenannte Verwertungsquote. So gibt es Anbieter, die 40 Prozent der gesammelten Gelder in die eigene Verwaltung stecken, nur knapp zwei Drittel der Spenden helfen der Umwelt wirklich. Zum Vergleich: Bei Atmosfair liegt die Quote bei 88 Prozent, im gerade abgelaufenen Jahr könnte sie sich laut Brockhagen auf 90 Prozent gesteigert haben; die genauen Zahlen stehen noch aus.

Was die Spreu vom Weizen trennt

Was die Spreu vom Weizen trennt

Vor allem aber warnen die Umweltbehörden: "Unter den Anbietern sind die Qualitätsanforderungen an die Bilanzierung von Emissionen und an die genutzten Klimaschutzprojekte höchst unterschiedlich." Die Projekte waren auch in dem Tufts-Ranking entscheidend.

Da kaum ein Fluggast die neue Solaranlage in Kapstadt vor Ort inspizieren wird, muss man sich auf die Kontrolle der Maßnahmen verlassen können. Den bestplatzierten Organisationen gemein ist die Zertifizierung ihrer Projekte nach dem Standard des Clean Development Mechanism (CDM) der Vereinten Nationen. Hier wiederum stellt der Gold-Standard die bestmögliche Einstufung dar. Danach wird tatsächlich jedes (und nicht wie bei anderen Standards jedes dritte) Projekt begutachtet. Der Prüfer haftet gar für seine Gutachten selbst. Die wiederum sind alle auf den Internetseiten der Vereinten Nationen abrufbar, bei der Abteilung UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change).

So erklärt Nabu-Experte Oeliger den Gold-Standard auch zu einem der wichtigsten Prüfsteine für alle, die etwas zum Ausgleich ihrer Flugaktivitäten beitragen wollen. "Daneben ist Transparenz ein sicheres Zeichen", führt er aus. "Klären Sie, ob die Verwendung der Gelder innerhalb der Organisation nachvollziehbar ist." Auch hier sei Atmosfair mit der Veröffentlichungspolitik seiner Rechenschaftsberichte vorbildlich.

Nicht zuletzt fallen große Preisdifferenzen zwischen den Anbietern auf. Bucht man bei Easyjet  einen Hin- und Rückflug von Hamburg nach London, wird ein CO2-Ausstoß von 102 Kilogramm berechnet, der mit 1,97 Euro abgegolten werden kann. Für die gleiche Strecke veranschlagt Atmosfair 420 Kilogramm und elf Euro. "Bei uns wird nicht nur die Nettomenge an Kohlendioxid berücksichtigt", erklärt Atmosfair-Mann Brockhagen das Phänomen. Dadurch, dass Flugzeuge sich auf großer Höhe durch die Atmosphäre bewegen, sei der Klimaeffekt der Abgase viel stärker. In Bodennähe ausgestoßenes CO2 richte geringere Schäden an. Das berücksichtige der Atmosfair-Rechner, indem er den CO2-Wert mit dem Radiative Forcing Index (RFI) multipliziere. Wie bei den Flügen wolle Easyjet den Kunden beim Klima ein Discountangebot machen.

Billiger Ablass bei der Lufthansa

Billiger Ablass bei der Lufthansa

Auch die Lufthansa verzichtet auf den RFI-Multiplikator - deswegen habe Atmosfair eine Kooperation abgelehnt, berichtet Brockhagen. Fragt man bei der Lufthansa nach, will man sich aufgrund anderer Gründe nicht mit Atmosfair geeinigt haben. Was den CO2-Rechner angeht, verweist Sprecherin Claudia Lange auf Uneinigkeit unter den Klimaforschern. "Es gibt keine einheitliche Expertenmeinung, ob der RFI-Multiplikator sachgerecht ist. Die Befürworter sind sich nicht einmal einig, ob man die CO2-Menge mit 2 oder mit 3 multiplizieren soll," erklärt sie. Man schließe nicht aus, den eigenen Klimarechner später neuen Erkenntnissen anzupassen, aber vorher müsse Klarheit herrschen. So lange bleibt der Abgas-Ablass bei Lufthansa vorsorglich billig.

Umweltschützer unterstellen der Airline politische Motive. "Die wollen kein Exempel statuieren", sagt ein Experte, "sonst würden sie ja anerkennen, dass in großen Höhen ausgestoßenes Abgas mehr Schaden anrichtet als anderes." Bei den europäischen Planungen zum Zertifikatehandel der Unternehmen könnte so etwas teuer werden - im schlimmsten Fall würde auch ihr Flottenausstoß mit dem RFI multipliziert.

"Gefahr, dass sich Fluglinien freikaufen"

Für den einzelnen Fluggast bleibt der Kauf von Klimazertifikaten auf absehbare Zeit freiwillig. Ob man seinen Ablass extra bei einer Klimaagentur kauft, ihn praktisch mit der Flugbuchung ordert oder auf Reisehöhe bezahlt, ist eine Frage der persönlichen Vorlieben. Ebenso wie die Frage, ob man sich überhaupt für diese Art der Kompensation entscheidet.

"Wir sehen die Gefahr, dass sich die Airlines und auch deren Kunden von ihrer Verantwortung freikaufen", sagt Naturschützer Oeliger. Spätestens, wenn das Zubuchen von Klimazertifikaten zum Normalfall bei Flugreisen werde, gerate das eigentliche Problem in den Hintergrund: Dass der Flugverkehr zulasten der Umwelt wachse. Sparsamere Flugmotoren und alle Ausgleichsversuche könnten diesen Trend nicht umkehren.

Deshalb sagen selbst die Leute von Atmosfair, dass ihre Angebote immer nur die zweitbeste Möglichkeit darstellen. Originalton Brockhagen: "Wer das Klima wirklich schonen will, verzichtet auf das Flugzeug so oft es geht."

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