Baufiasko Kreditkrise erfasst Las Vegas

Nirgendwo liegen Größenwahn und Depression näher beisammen als in Las Vegas: Dort eröffnete jetzt das Palazzo, der größte Casino- und Hotelkomplex der Welt. Doch die Hypothekenkrise setzt auch der Glitzerstadt zu. Nicht weit von dem Prunkbau entfernt droht die erste Milliardenpleite.

Las Vegas - Sheldon Adelson, 74, ist nicht mehr ganz so gut zu Fuß. Eine chronische Nervenkrankheit zwingt ihn an den Stock. Trotzdem ließ er es sich gestern Abend nicht nehmen, hoch oben auf der Ballustrade einer Freitreppe am Las Vegas Boulevard zu erscheinen. Huldvoll winkte er auf den "Strip" herab, die berühmte Casino-Meile, wo sich Dutzende Schaulustige versammelt hatten.

Der kleine, gebeugte Greis mit dem rostfarbenen Haar, der da stumm in die kühle Nevada-Nacht winkte, ist der drittreichste Mann Amerikas, nach Microsoft-Boss Bill Gates und Investor Warren Buffett. Der Multimilliardär ist CEO und Mehrheitseigner des Casinokonzerns Sands, und die besagte Freitreppe führt hinauf zur Lobby des Palazzo - Adelsons neustes Hotel, das gestern mit großem Pomp eröffnet wurde.

Das Palazzo ist nicht irgendein Hotel. Gemeinsam mit dem benachbarten Venetian, das auch zu Sands gehört, bildet es den größten Casinokomplex der Welt. Glaubt man den Bauherren, ist es mit fast zwei Millionen Quadratmetern das größte überdachte Areal überhaupt. 1,9 Milliarden Dollar kostete dieses erste neue Resort am "Strip" seit 2005: ein 50-stöckiger, sandsteinfarbener Kitschklotz in pseudo-italienischem Stil, mit 3066 Zimmern, 1700 Spielautomaten, Nobel-Einkaufszentrum und zweistöckigem Wasserfall in der Eingangshalle.

Hier lässt sich schnell vergessen, dass der Rest des Landes auf eine Rezession zutaumelt. Die plüschigen Passagen des Palazzo, ab heute auch fürs gemeine Volk begehbar, locken mit Namen wie Cartier und Ralph Lauren sowie den Starköchen Wolfgang Puck, Emeril Lagasse und Mario Batali. In Batalis "Carnevino" legten die Kellner gestern schnell noch letzte Hand an die Tischdecken; einer polierte die Bronzestatue eines Bullen in der Mitte des Restaurants. Der Bulle, Symbol des Börsenbooms, wie passend: Hier kostet ein Porterhouse-Steak 160 Dollar.

"Wir werden die Konkurrenz niedermachen"

"Wir läuten eine unglaubliche neue Ära des Luxus ein", proklamierte der alternde TV-Star Robin Leach, der die Eröffnungszeremonie in einem wallenden Pelzmantel moderierte. Woraufhin Adelson und Sands-Präsident Bill Weidner einen riesigen Schalter umlegten, der das Palazzo in gleißendes Flutlicht tauchte. Fanfaren ertönten, Feuerwerksfontänen schossen in den Abendhimmel. Eine Hundertschaft Zimmermädchen, Hostessen, Hoteldiener und Croupiers, die sich auf der Freitreppe aufgereiht hatten, johlte brav.

Doch der provokative Prunk war irgendwie ein Pfeifen im Walde. Denn all der Glamour konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die US-Kreditkrise längst auch "Sin City" erfasst hat - die Zockermetropole in der Wüste, die immer schon davon lebte, die Realität zu ignorieren und durch glitzernde Attrappen zu ersetzen.

Selbst in Las Vegas mehren sich die dunklen Vorzeichen. Der Immobilienmarkt kollabiert. Im Dezember wurden nur halb so viele Wohnungen verkauft wie im Vorjahr. Baustellen liegen brach. Abertausende Apartments bleiben Reißbrett-Visionen. Die Lage ist symptomatisch für ganz Nevada, das von allen US-Bundesstaaten inzwischen den höchsten Anteil an Zwangsversteigerungen hat. Sogar die großen Casinos beklagen schrumpfende Glücksspiel-Einnahmen - und fallende Börsenkurse. Allein die Aktie des Sands-Konzerns hat seit Oktober 52 Prozent verloren.

Dessen Palazzo täuscht zwar mit seinen schweren Teppichen und den goldenen Kronleuchtern über den Roulette-Tischen wacker vor, es gebe keine Krise. "Wir werden die Konkurrenz niedermachen", sagte der pressescheue Adelson in einem Interview mit "USA Today". Doch Adelson müsste nicht weit gucken, um die Omen zu erkennen.

"Nicht alle werden Erfolg haben"

Nur wenige hundert Meter vom Palazzo entfernt steht am "Strip" ein ähnliches Superprojekt plötzlich vor der Pleite. Das Cosmopolitan Resort & Hotel, ein Drei-Milliarden-Dollar-Vorhaben des New Yorker Immobilienmagnaten Ian Bruce Eichner, sollte eigentlich alles Bisherige übertreffen. Zwei 180-Meter-Türme mit 2998 Hotelzimmern und Luxuswohnungen, nebst Casino, Shops, Restaurants, Spa und Musical-Theater. Fürs Hotelmanagement wurde Hyatt verpflichtet und als Hauptgeldgeber die Deutsche Bank , die einen 760-Millionen-Dollar-Baukredit bereitstellte. Eröffnung sollte Ende 2009 sein.

Nun ist Eichner aber derart in Zahlungsverzug geraten, dass die Deutsche Bank den Kredit diese Woche platzen ließ und die Zwangsversteigerung einleitete. Eichner nimmt es gelassen: Dies komme "nicht überraschend", erklärte er. "Angesichts der Herausforderungen in den Immobilien- und Schuldkapitalmärkten, die außer Kontrolle sind, haben wir das vorausgehen und eingeplant." Er sei auf der Suche nach neuen Geldgebern. Der Eröffnungstermin stehe.

Daran glauben nicht alle. Der Casino-Experte Frank Fantini, Herausgeber des Branchenblatts "Gaming Morning Report", sieht im Cosmopolitan-Flop ein Warnzeichen für ganz Las Vegas - eine Stadt, die auf den ersten Blick bis heute in einem Bauboom steckt. "Man kann nur eine bestimmte Zahl neuer, hochpreisiger Mega-Resorts gleichzeitig haben", sagte Fantini dem Wirtschaftsdienst Bloomberg. "Sie zielen alle auf das gleiche Marktsegment. Ich glaube nicht, dass alle realisiert werden. Und die, die gebaut werden, werden nicht alle Erfolg haben."

Immobilien-Analyst Brian Gordon stimmt zu. "Mehrere Projekte sind inzwischen festgefahren. Die Kreditklemme betrifft viele Vorhaben im ganzen Las Vegas Valley, inklusive Resorts."

Direkt neben dem halben Rohbau des Cosmopolitan, auf dem trotz der Finanzierungsprobleme gestern weiter die Presslufthämmer ratterten, wächst ein weiterer Gigant in den Himmel: das CityCenter, ein sieben Milliarden Dollar teures Resort des Entertainmentkonzerns MGM Mirage, der hier zehn Casinos besitzt, darunter die Wahrzeichen des "Strip" - das Luxor, das New York-New York und das Bellagio.

598 Dollar pro Nacht

Das futuristische CityCenter, entworfen vom Stararchitekten Cesar Pelli, wurde zwar ein halbes Jahr nach dem Cosmopolitan begonnen, ist aber schon viel weiter, bis hin zu den ersten Glasfassaden. Kreditengpässe gebe es nicht, versichert Vizepräsident Tony Dennis: "Wir sind eigenfinanziert. Wir sind nicht vom Markt verwundbar. Das ist ein großer Unterschied."

Auch im Palazzo lässt sich keiner die Laune verderben. Gestern Abend feierte man sich mit einer Riesensause. Vor dem Wasserfall in der marmornen Wandelhalle flanierten VIP-Gäste zwischen Palmen, Champagner-Flöten in der Hand. Öllampen flackerten, Artisten unterhielten die Menge. Heute Abend soll ein großes Gala-Konzert mit Diana Ross und Seal folgen. Getreu dem Werbeslogan: "Wir treiben den Luxus auf neue Höhen."

Ausgebucht ist das Palazzo freilich selbst an diesem Jubel-Wochenende nicht ganz. Die "Fortuna"-Suite war gestern noch zu haben: 90 Quadratmeter, Wohnzimmer, Schlafzimmer, drei Flat-Screen-Fernseher, ferngesteuerte Jalousien. Sonderpreis: 598 Dollar pro Nacht.

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