Kreditkrise Milliardeninfusion für Merrill Lynch

Die US-Investmentbank Merrill Lynch verschafft sich über den Einstieg zweier Großaktionäre und den Verkauf einer Kreditsparte an General Electric dringend benötigtes Kapital in Milliardenhöhe. Unter dem neuen Chef John Thain könnten noch weitere Banksparten verkauft werden.

New York - Asiatische Länder setzen ihre Einkaufstour bei US-Großbanken fort, die durch die Hypothekenkrise ins Straucheln geraten sind. Die mit gigantischen Verlusten kämpfende Investmentbank Merrill Lynch erhält von Singapur eine Geldspritze von bis zu fünf Milliarden Dollar.

Offenbar drohen dem Geldhaus neue Milliardenabschreibungen - einige Branchenexperten schätzen, dass die Immobilienkrise Merrill Lynch im Gesamtjahr mehr als 16 Milliarden Dollar kostet. Der neue Chef John Thain macht damit nur einen Monat nach Amtsübernahme seinem Spitznamen "I, Robot" alle Ehre - mit kühl berechneten Schritten will er das Institut wieder auf Kurs bringen.

Insgesamt verschafft sich Merrill Lynch bis zu 7,5 Milliarden Dollar frisches Kapital. Der singapurische Staatsfonds Temasek erwirbt Aktien für 4,4 Milliarden Dollar und sicherte sich Kaufrechte für weitere Anteilsscheine im Wert von 600 Millionen Dollar. Zudem steigt die US-Fondsgesellschaft Davis Selected Advisers für 1,2 Milliarden Dollar bei dem Geldhaus ein.

Verkauf der Mittelstandskreditsparte an GE

Weitere 1,3 Milliarden Dollar fließen dem Institut durch den Mehrheitsverkauf seines Mittelstandsfinanzierer an General Electric (GE) zu. Die Übernahme des 15 Milliarden schweren Finanzierers durch GE soll im ersten Quartal 2008 abgeschlossen werden. Das Geschäft mit Krediten für Gewerbe-Immobilien behält Merrill Lynch dagegen.

Dem ersten Verkauf einer Banksparte unter Thain könnten Berichten zufolge bald weitere folgen. GE Capital verwaltet allein bei Firmenfinanzierungen Anlagen im Wert von 260 Milliarden Dollar.

Merrill Lynch ist nicht die erste Großbank, die sich Kapital bei Staatsfonds beschafft. Morgan Stanley  erhält fünf Milliarden Dollar von China, die Citigroup  verkaufte für 7,5 Milliarden Dollar einen Anteil an Abu Dhabi. Die Schweizer Großbank UBS  willigte kürzlich in das Investment eines anderen Staatsfonds aus Singapur von knapp zehn Milliarden Dollar ein. "Bislang stellte die US-Notenbank Fed im schlimmsten Fall Kapital bereit", kommentierte ein Analyst. "Jetzt sind diese Staatsfonds die Kreditgeber letzter Instanz geworden."

Sorge um weitere Wertberichtigungen

Merrill Lynch musste bereits im dritten Quartal wegen des Engagements am US-Markt für schlecht besicherte Hypotheken mehr als acht Milliarden Dollar abschreiben. Das bislang hoch angesehene Wall-Street-Institut wies deshalb den höchsten Verlust der Firmengeschichte aus und setzte ihren Chef Stan O'Neal vor die Tür. Viele Branchenexperten fürchten, dass die Wertberichtigungen im vierten Quartal noch höher ausfallen könnten.

Wall Street reagiert nervös

Merrill-Aktienkurs gerät weiter unter Druck

Die Wall Street reagierte am Montag etwas erschrocken auf die Mitteilung, dass die neuen Investoren für ihre Aktien 13 Prozent weniger bezahlen mussten, als sie noch am Freitag an der Börse kosteten. Deshalb gaben Merrill-Lynch-Papiere rund 3 Prozent auf 53,90 Dollar nach. Das Investmenthaus gewährte den Preisnachlass unter der Bedingung, dass die neuen Großaktionäre ihre Anteile mindestens ein Jahr lang behalten. Sowohl Temasek als auch Davis wollen lediglich passive Investoren sein und damit nicht im Management mitmischen.

Wegen der Hypothekenkrise ist der Börsenwert von Merrill Lynch  in diesem Jahr um mehr als 40 Prozent auf rund 46 Milliarden Dollar geschmolzen. Anfang des Jahres kostete eine Merrill-Lynch-Aktie noch fast 100 Dollar.

Ungeachtet der neuen Kursverluste reagierten die meisten Branchenexperten positiv auf die Milliarden-Geldspritze. Der Einstieg der neuen Investoren zeige zwar, wie ernst die Lage sei, hieß es. Gleichzeitig jedoch unternehme der neue Chef die nötigen Schritte, um die Krise zu bewältigen. Die neuen Großaktionäre sprachen Thain ebenfalls ausdrücklich ihr Vertrauen aus: "Wir haben den richtigen Typen an der Spitze", erklärte ein Davis-Manager. Sowohl der Staatsfonds aus Singapur als auch die Fondsgesellschaft Davis verwalten ein Vermögen von jeweils rund 100 Milliarden Dollar.

manager-magazin.de mit Material von reuters und dpa