Offene Gesellschaft Kleiner Leitfaden zur Erlangung von Staatsaufträgen in Drittweltländern

Beraterverträge sind out, denn Ermittler haben sie schon längst ins Visier genommen. Wer in sogennannten Dritte-Welt-Staaten an öffentliche Aufträge gelangen will, muss anders "bestechen".

Als Redakteur des manager magazins hatte ich schon häufig das Vergnügen, mich mit Managern deutscher Konzerne in sogenannten Dritte-Welt-Staaten zu unterhalten. Dabei zeigte sich immer wieder ein seltsames Paradox: Natürlich, die Korruption im Land sei ein riesiges Problem, klagen die deutschen Konzernstatthalter.

Aber man selbst, so fahren die Manager dann fort, man selbst würde natürlich niemals bestechen, um an einen Auftrag zu gelangen. Es folgen ehrbare Sätze wie: Man müsse nur standhaft bleiben, dann gehe es auch ohne Korruption, wer einmal mit dem Bestechen anfange, der komme nie wieder davon los, und so weiter, und so weiter.

So richtig glauben mochte ich diese Beteuerungen nie. In vielen Entwicklungsländern endet statistisch gesehen jeder zweite Behördenkontakt mit einem Korruptionsversuch – so zumindest die Umfragedaten von Transparency International. Und ausgerechnet deutsche Firmen bekommen all ihre öffentlichen Aufträge in solchen Ländern, vom Röntgengerät bis zum Omnibus, ausschließlich weil Produkte made in Germany so gut und günstig sind? Schwer zu glauben ...

Schwer zu glauben auch, dass ein Konzern wie Siemens , dessen Geschäft im hohen Maße von öffentlichen Aufträgen in korruptionsanfälligen Emerging Markets lebt, sich von heute auf morgen ganz ohne Bestechung gegen weniger skrupulöse Wettbewerber durchsetzen kann.

Umso erhellender, dass vor Kurzem ein Manager mit mir Klartext redete. Es handelte sich um den Chef der Landesgesellschaft eines deutschen Großkonzerns in einem hochkorrupten Entwicklungsland. Alles natürlich strictly off the records, deshalb können wir hier weder das Land noch die Firma nennen.

Er beschrieb das Dilemma, in dem deutsche Konzerne seit Ende der 90er Jahre stecken: Seit diesem Datum ist Bestechung im Ausland für Deutsche verboten. Wer es trotzdem tut, muss die entsprechenden Ausgaben verschleiern. Im Fall Siemens geschah dies vielfach in Form sogenannter Beraterverträge mit einheimischen Vermittlern – wofür der Berater das Geld verwendete, musste den deutschen Konzern nicht mehr interessieren. Die Betonung liegt auf "musste", denn inzwischen sind auch diese Beraterverträge ins Visier von Ermittlern, Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsbehörden geraten.

Wie es künftig anders läuft

Der neue Trend seien deshalb Zwischengesellschaften, erzählt der Manager. Der deutsche Konzern liefert nicht mehr direkt an die öffentliche Hand, sondern an eine eigens gegründete einheimische Firma, die nur einen einzigen Zweck hat: Sie verkauft das Produkt weiter an die öffentliche Hand, mit einem entsprechenden Aufpreis. Natürlich fließt der Profit dieser Firma an den korrupten Politiker oder Beamten, der über den Auftrag entscheidet. Aber unser Manager sagt: "Keine Ahnung, ob das so ist, will ich auch nicht wissen, denn sobald ich es wüsste, würde ich mich strafbar machen."

Umso erfreulicher, dass die öffentliche Hand in Entwicklungsländern offenbar eine gewisse Dienstleistungsmentalität zeigt: Man müsse sich um erfreulich wenig kümmern, so der Manager, die Zwischenhändler träten meist von sich aus an den deutschen Konzern heran und böten an, Geschäfte miteinander und mit der Regierung zu machen. Alles viel einfacher als in Deutschland.

Ich weiß nicht, ob es in allen Entwicklungsländern so läuft wie im beschriebenen Fall und in allen deutschen Konzernen. In jedem Fall aber wird mich dieses Gespräch noch misstrauischer machen, wenn in Zukunft mal wieder ein Vorstandschef erklärt: Man werde in Zukunft lieber auf einen Auftrag verzichten, als Bestechungsgelder zu zahlen. Es gibt in vielen Staaten offenbar durchaus Möglichkeiten, nicht selbst zu bestechen und dennoch von Korruption zu profitieren – zum Beispiel, indem man das Bestechungsgeld als Gewinn bei einem Zwischenhändler anfallen lässt, der nicht viel mehr ist als ein klassischer Strohmann.

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