Schifffahrt Hart am Wind

Eine neue Antriebstechnik soll die weltweite Handelsschifffahrt revolutionieren. Mit einem Segelsystem, das einem riesigen Flugdrachen ähnelt, können Reeder Treibstoff sparen und zugleich die Umwelt schonen. Doch die Technik ist nicht ohne jedes Risiko.

Hamburg - Verhandeln, Kompromisse schließen und Beschlüsse vertagen - die Klimakonferenz in Bali brachte am Wochenende keinen großen Durchbruch. Dass handeln statt reden die eindrucksvolleren Ergebnisse liefert, zeigte zeitgleich eine Schiffstaufe im Hamburger Hafen.

Als Eva Luise Köhler, die Frau des Bundespräsidenten, die obligatorische Flasche Champagner an der Bordwand des 132 Meter langen Schwergutfrachters "Beluga Skysails" zerschmettern ließ, war das Interesse der Öffentlichkeit weitaus größer als bei einer herkömmlichen Schiffstaufe, denn es ging diesmal nicht nur um ein weiteres Schiff in der Flotte einer großen Reederei.

Pioniergeist lag an der Überseebrücke in der Luft - ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz und zugleich ein großes Wagnis. Mehrere Jahre lang hatten Ingenieure und Wissenschaftler getüftelt, wurden hohe Summen investiert, Skeptiker überzeugt und mancher Rückschlag weggesteckt. Nun war das spektakuläre Resultat sichtbar: Das erste mit einem Segelsystem ausgerüstete Handelsschiff.

Das einem Flugdrachen ähnelnde, 160 Quadratmeter große Segel soll bei der Fahrt über die Weltmeere den Motorantrieb des Schiffes entlasten - 20 Prozent Treibstoffkosten können so eingespart werden. Später, beim Einsatz eines noch größeren Segels, könnten auch 30 Prozent und mehr möglich sein. "Dies ist ein wichtiger Beitrag, um den Druck steigender Energiepreise abzumildern und die Umwelt zu entlasten", sagte der Reeder Niels Stolberg von der Bremer Beluga Shipping.

"Kann uns auch um die Ohren fliegen"

"Kann uns auch um die Ohren fliegen"

Auch Eva Luise Köhler sieht in dieser Innovation "eine gelungene Kombination aus ökonomischem und ökologischem Handeln". Das Einsparpotenzial soll laut Stolberg momentan bei 1200 Euro pro Tag liegen - die Anschaffung könnte sich demnach innerhalb von drei bis vier Jahren amortisiert haben.

Mit Spannung erwarten die Verantwortlichen die Jungfernfahrt, auf der die "Beluga Skysails" Fabrikanlagen von Bremen nach Venezuela transportieren wird. Getestet wurde bislang auf einem kleinen Schiff. Nun geht es mit wertvoller Fracht und Segelsystem, das im Betrieb mehrere hundert Meter über dem Meer schweben wird, über den Atlantik - im oft stürmischen Monat Januar. "Bei richtig starkem Wind kann uns die ganze Sache auch um die Ohren fliegen", weiß Stolberg, zeigt sich aber optimistisch.

Neben Beluga Shipping hat Skysails bereits zwei weitere Kunden überzeugen können, ihre derzeit im Bau befindlichen Schiffe mit der neuen Technologie auszurüsten. Viele weitere Reedereien sind interessiert, warten jedoch ab, wie zuverlässig die Segel im Dauerbetrieb funktionieren werden.

Die Ziele sind hoch: Bis zum Jahr 2015 möchte Skysails 1500 Schiffe mit dem patentgeschützen System ausgerüstet haben. "Prinzipiell könnten wir 60 Prozent der aus 100.000 Schiffen bestehenden globalen Handelsflotte ausrüsten", sagt Stephan Wrage, Chef des Hamburger Unternehmens Skysails.

Würde das System weltweit den Antrieb von Schiffen untertstützen, könnten laut Wrage 150 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gespart werden - das ist etwa ein Sechstel der jährlichen CO2-Emissionen Deutschlands. Doch bis dahin brauchen die Pioniere für ein Comeback des Segelantriebs für die Frachtschifffahrt vor allem eins: Wind von achtern.

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