Steuerlast "Sparen wird zur Zitterpartie"

Monatlich Geld einzahlen und damit die Ausbildung der Kinder oder den Lebensstandard im Alter sichern: Diese Strategie wird künftig vom Fiskus durchkreuzt. "Eltern und Sparer müssen neu rechnen", sagt Steuerexperte Carsten Deecke im Interview mit manager-magazin.de. Wer rechtzeitig umstellt, kann viel Geld retten - noch.

mm.de: Viele Kinder kommen in Deutschland schon zu Geld, bevor sie richtig laufen können. Eltern schließen für ihren Nachwuchs langjährige Sparverträge ab, und manche Großeltern richten für die Enkel Fondssparpläne ein. Befreit eine solch weitblickende Verwandtschaft von finanziellen Sorgen?

Deecke: Sie bietet in jedem Fall eine gute Starthilfe. Ich würde die spendablen Großeltern, Onkel oder Tanten jedoch fragen, ob sie statt des Sparplans lieber eine größere, einmalige Summe spendieren wollen.

mm.de: Warum diese Ungeduld?

Deecke: Weil geduldiges Sparen künftig vom Fiskus bestraft wird. Ab 2009 schöpft die Abgeltungsteuer von jeder Sparrate mindestens 25 Prozent der Rendite ab. Die langfristigen Erträge aus Investments, die noch bis Ende 2008 getätigt werden, bleiben dagegen steuerfrei. Deshalb sind größere Einmalinvestments in der aktuellen Situation steuerlich günstiger als langfristige Sparverträge.

mm.de: Angenommen, man will seinem Kind mit 50.000 Euro den Weg ins Leben erleichtern ...

Deecke: ... dann kann sich derjenige glücklich schätzen, der diese Summe bereits jetzt zur Verfügung hat. Wer bis Ende 2008 zum Beispiel 50.000 Euro in einen Aktienfonds anlegt, kommt nach 20 Jahren bei einer geschätzten Durchschnittsrendite von 8 Prozent auf 233.000 Euro - steuerfrei. Damit dürfte der Nachwuchs schon sehr weit kommen.

mm.de: Und wer die 50.000 Euro erst ansparen muss?

Deecke: Der zahlt zum Beispiel ab 2009 jeweils zum Monatsbeginn rund 88 Euro in den gleichen Aktienfonds ein. Von den erreichten 50.000 Euro zieht der Fiskus jedoch rund 6600 Euro Abgeltungsteuer plus Soli ab. Dem Nachwuchs bleiben nach Steuern rund 43.000 Euro.

mm.de: Steuerfreiheit für Wohlhabende, die rechtzeitig investieren, dagegen Steuerbescheide für langfristige Sparer: Das klingt nicht gerade nach einer sozial ausgewogenen Besteuerung.

Deecke: In jedem Fall begünstigt die steuerliche Stichtagsregelung diejenigen, die schon jetzt über größere Summen Liquidität verfügen. Doch auch diese Anleger müssen in den kommenden Monaten tätig werden, denn die Frist, Steuerfreiheit zu sichern, läuft spätestens Ende 2008 ab.

Neue Depots ab 2009 sinnvoll

mm.de: Wie können sich Anleger, die Geldvermögen haben, vor der Abgeltungsteuer schützen?

Deecke: Wir empfehlen unseren Klienten, bestehende Depots Ende 2008 einzufrieren, das heißt keine weiteren Einzahlungen mehr zu leisten, und für Anlagen ab 2009 ein neues Depot einzurichten.

Damit lässt sich sowohl für die eigene Kalkulation als auch gegenüber dem Fiskus einfacher nachvollziehen, welche Erträge künftig unter die neue Steuer fallen und welche nicht. Es könnte sich außerdem lohnen, in dem "steuerfreien" Depot Aktienfonds oder Dachfonds überzugewichten: Zinspapiere werden ab 2009 in vielen Fällen geringer besteuert und können dann auch nach dem Stichtag nachgekauft werden. Natürlich hängt es auch von der persönlichen Risikoneigung des Anlegers und seiner Markteinschätzung ab, ob er seine Aktienquote im Jahr 2008 erhöhen will. Steuerlich spricht aber einiges dafür.

mm.de: Warum Fonds und Dachfonds und keine Einzeltitel?

Deecke: Mit Fonds und Dachfonds bleibt der Anleger langfristig flexibler. Ein Fondsmanager kann sein Portfolio auch nach 2009 steuerfrei umschichten. Bestückt ein Anleger sein Depot mit einzelnen Aktien und schichtet diese mit Gewinn um, wird er bei jeder Umschichtung steuerpflichtig. Bei Fonds dagegen wird die Abgeltungsteuer erst fällig, wenn der Anleger die Anteile verkauft - und Kursgewinne der Fonds, die vor 2009 gekauft werden, bleiben komplett steuerfrei.

mm.de: Allerdings greift bei Dividenden wie auch bei thesaurierten Erträgen, die in das Fondsvermögen zurückfließen, künftig die Abgeltungsteuer jährlich zu.

Deecke: Richtig. Auch dies ist ein Grund, über die Übertragung von Geldvermögen an die Kinder nachzudenken. Kinder können bei Vorlage einer Nichtveranlagungsbescheinigung ein steuerfreies Einkommen von 8501 Euro pro Jahr erzielen, eine Summe, die sich aus 7664 Euro Grundfreibetrag, Sparerpauschbetrag und einem Sonderausgabenpauschbetrag zusammensetzt. Diese Summe ist mehr als zehnmal so hoch wie der zusammengefasste Sparerpauschbetrag von 801 Euro, der ab 2009 gilt.

Rechnerisch könnte man auf das Depot eines Kindes 100.000 Euro bei 8 Prozent Verzinsung anlegen, ohne dass die Steuer zugreift. Die Eltern müssten auf 8000 Euro jährlichen Ertrag dagegen rund 2100 Euro Abgeltungsteuer plus Soli pro Jahr zahlen.

Reiche werden für den Fiskus ärmer

mm.de: Lässt sich das Geld wieder zurückholen?

Deecke: Das Übertragungsmodell funktioniert nicht für diejenigen, die Geld lediglich auf den Konten der Kinder "parken" und bei Gelegenheit wieder zurückholen wollen. Geld, das auf die Kinder übertragen wird, geht in deren Eigentum über und muss diesen auch zur Verfügung stehen. Wer sich absichern und die Schenkung unter bestimmten Voraussetzungen rückgängig machen will, sollte in jedem Fall bei einem Notar einen entsprechenden Schenkungsvertrag aufsetzen, bevor er das Geld auf ein Konto der Kinder überweist.

mm.de: Was ist bei einer Schenkung außerdem zu beachten?

Deecke: Man sollte darauf achten, dass das jährliche Einkommen des Kindes die Grenze von 7680 Euro nicht übersteigt. Anderenfalls erlischt möglicherweise der Anspruch auf Kindergeld. Bei hohen eigenen Einkünften des Kindes ist außerdem die kostenlose Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse gefährdet. Man sollte also die zu erwartenden Einnahmen der Kinder vorab kalkulieren - vor allem, wenn sie älter werden und zu arbeiten beginnen.

mm.de: Bislang war eine Schenkung für wohlhabende Eltern oder Großeltern auch deshalb steuerlich lohnend, weil die übertragene Summe nicht mehr zum Spitzensteuersatz von 42 Prozent versteuert werden musste. Doch mit Einführung der pauschalen Abgeltungsteuer ab 2009 tauchen Einkünfte aus Kapitalvermögen in der persönlichen Steuererklärung ohnehin nicht mehr auf.

Deecke: Richtig. Damit schrumpft auch der Steuervorteil. Dennoch bringt die Abgeltungsteuer von 25 Prozent für viele wohlhabende Menschen künftig auch Erleichterungen: Ihre Zinseinkünfte werden zum Beispiel nicht mehr mit 42 bis 45 Prozent, sondern nur noch mit 25 Prozent besteuert.

Außerdem dürfte bei einigen Steuerzahlern auch die Progression sinken: Sie versteuern ihr übriges Vermögen zu einem niedrigeren persönlichen Steuersatz, da ihre Einkünfte aus Kapitalvermögen ab 2009 nicht mehr in der Einkommensteuererklärung auftauchen. Sie werden für den Fiskus also über Nacht ärmer.

Reform auf Kosten der Sparer

mm.de: Der Sparer mit mittlerem und kleinem Einkommen wird dagegen stärker belastet. Erwarten Sie noch Ausnahmeregelungen für die langfristige Altersvorsorge?

Deecke: Darauf sollte man nicht hoffen. Der Solidaritätszuschlag ist uns schließlich auch erhalten geblieben. Der langfristige Aktiensparer wird durch die neue Besteuerung doppelt getroffen: Erstens werden Dividenden künftig in voller Höhe und nicht nur zur Hälfte besteuert, und zweitens greift die Abgeltungsteuer unabhängig von der Haltedauer der Papiere.

Dies wird besonders bei Sparplänen, die über 20 oder 30 Jahre laufen und bisher steuerfrei waren, schmerzlich. Sparpläne werden zu einer Zitterpartie, da man nicht nur mit Schwankungen der Märkte, sondern auch mit einer steigenden Steuerlast rechnen muss.

mm.de: Die Koalition verweist darauf, dass Langfristsparer einen Riestervertrag abschließen können. Für den gilt die Abgeltungsteuer nicht.

Deecke: Ein Riester- oder Rürupvertrag ist für viele als Ergänzung zur Altersvorsorge zu empfehlen, reicht aber in vielen Fällen nicht aus, um die Lücke in der gesetzlichen Rente aufzufüllen. Es ist widersprüchlich, Menschen immer wieder eine zusätzliche private Altersvorsorge zu empfehlen und gleichzeitig genau diese Vorsorge stärker mit Steuern zu belasten. Der Sparerpauschbetrag von 801 Euro ist ohnehin kaum noch der Rede wert - in Frankreich sind pro Jahr 20.000 Euro freigestellt.

mm.de: Wer bisher monatlich 100 Euro in einen Fondssparplan einzahlte, hatte nach 30 Jahren bei 8 Prozent Durchschnittsrendite rund 142.000 Euro zur Verfügung. Die Nachsteuererträge bei Sparpänen, die ab 2009 begonnen werden, dürften demgegenüber dramatisch schmelzen: Der Fiskus besteuert jährlich die thesaurierten Erträge und greift dann noch einmal zum Zeitpunkt der Auszahlung zu. Zahlt der Durchschnittssparer die Zeche für die Steuerreform?

Deecke: Wer über einen langen Zeitraum Geld ansparen muss, wird stärker belastet. Auf den ersten Blick erscheint die Senkung des Steuersatzes auf pauschal 25 Prozent als Vorteil. Da aber gleichzeitig die Spekulationsfristen fallen und Dividenden künftig voll besteuert werden, wird die Umstellung langfristig zu einer deutlichen Ausweitung der Besteuerung führen.

Die Abgeltungsteuer stellt sich nach unserer Auffassung als Instrument dar, um die Unternehmensteuerreform 2008 gegenzufinanzieren: Unternehmen werden durch niedrigere Körperschaftsteuersätze entlastet, und ein Teil des Geldes wird durch stärkere Besteuerung von Kapitalanlagen wieder hereingeholt. Den Großteil dieses Geldes werden die Sparer mit kleinen und mittleren Einkommen zahlen.

mm.de: Wird es zumindest einfacher und übersichtlicher?

Deecke: Auch das Ziel, das Steuerrecht zu vereinfachen, wird klar verfehlt. Ein Großteil der Bürokratie wird künftig auf die Banken abgewälzt, die sich die höheren Kosten langfristig bei ihren Kunden wiederholen werden. Außerdem werden zahlreiche Sparer, zum Beispiel diejenigen mit einem persönlichen Steuersatz unter 25 Prozent, auch künftig ihre Kapitaleinkünfte selbst veranlagen müssen.

Zusätzlich zur Abgeltungsteuer werden ja auch noch Soli und Kirchensteuer fällig. Das führt nicht nur zu einer Gesamtbelastung von rund 28 Prozent, sondern auch dazu, dass ab 2009 Steuerzahler von ihrer Hausbank gefragt werden, wie sie es denn mit der Religion und ihrer Kirchenzugehörigkeit halten. So viel zur Vereinfachung des deutschen Steuerrechts.

Steuer-Quiz: Wie gut schützen Sie ihr Geld? Abgeltungsteuer: Der neue Steuerwahnsinn

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