Gehälter Die Wirtschaftselite und das Gier-Virus

Deutschlands Topmanager erleben derzeit mit der Gehälterdebatte einen Image-Gau. Wie hat es so weit kommen können, dass diese für die Zukunft des Landes so wichtige Führungsschicht als Bande gieriger Abzocker dasteht?
Von Wolfgang Kaden

Topmanager haben wenig Zeit. Deswegen gehören sie gemeinhin auch nicht zu den Besuchern von Parteitagen; sie finden nicht mal die Zeit, sich dieses Treiben auf Phoenix anzusehen. Schade, denn gelegentlich lohnt das Zuhören und Hinsehen.

Beispielsweise auf dem letzten Parteitag der CDU, als Angela Merkel ihre Philippika gegen die monströsen Managerbezüge losließ. Da überraschten nicht nur die Worte, die die Regierungschefin wählte. Sondern mehr noch die spontanen Reaktion beim Funktionärsvolk der CDU. Brausenden Beifall gab es bei dieser Redepassage für die Parteichefin – so, als säßen im Saal Delegierte der SPD oder der Linken und nicht der Partei Ludwig Erhards.

Für manch einen aus den Vorständen der Großunternehmen wäre dies eine schöne Lehrstunden geworden, um zu verstehen: Dass sich etwas aufgestaut hat im Lande gegen sie und ihre nonchalante Selbstbedienung. Dass die Zeiten abgelaufen sind, da die angestellten Unternehmer ihre Saläre in vertraulichen Gesprächen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden aushandeln konnten und kaum einer sich um die immer verwegeneren Steigerungsraten kümmerte. Spätestens seit den Reden von Merkel und des Bundespräsidenten ist klar: Dieses Thema ist mehr als nur eines der ewigen Nörgler und Neider.

Wer die Entwicklung der vergangenen Jahre verfolgte, konnte sich nur wundern, dass dies Sujet so lange ein Randthema blieb. Im manager magazin rechnen Experten seit den frühen Neunzigern alljährlich vor, wie weit sich die Bezüge vieler Vorstände von deren Leistung entfernt haben: Nicht selten heimsen jene die höchsten Gehaltszuwächse ein, bei denen die Börsenbewertung eher Anlass für eine kräftige Kürzung liefern würde. Jürgen Schrempp war und ist beileibe nicht der Einzige. Doch nur selten fand die tolldreiste Vermögensmehrung der Managerelite den Weg aus den Wirtschaftsmedien in die breitere Publizistik.

Nun ist es geschehen, und das ist gut so. Fragt sich nur, warum es zu diesem landesweiten Image-Gau unserer wirtschaftlichen Führungsschicht kommen konnte; warum keiner aus dieser Kaste, die doch für die Zukunft des Landes keine unwichtige Rolle spielt, die Herren Kollegen früher zur Vernunft und Mäßigung gerufen hat; warum es offensichtlich keine Mechanismen der Selbstkontrolle in diesem ehrenwerten Zirkel gibt.

Gehaltsfindung als Insidergeschäft

Gehaltsfindung als Insidergeschäft

Fast scheint es ja so, als seien die Herrschaften, geblendet von der absurden Entwicklung in den USA, kollektiv von einem Gier-Virus befallen worden; als habe es in den letzten Jahren zwischen den Anführern der größeren Unternehmen eine Art Wettbewerb gegeben, wer denn die unverschämteste Gehaltssteigerung rausholen würde. Anders ist nicht zu erklären, dass zwischen 2002 und 2006 die Überweisungen an die Dax-Vorstände um 62 Prozent nach oben schossen. Es waren Jahre, in denen die Einkommen der gewöhnlichen Werktätigen praktisch stagnierten, in Kaufkraft gemessen also rückläufig waren. Was Wunder, dass nur noch - wie jetzt eine Umfrage ergab - 15 Prozent der Deutschen die wirtschaftlichen Verhältnisse im Großen und Ganzen als gerecht ansehen.

Nun ist die Gehaltsfindung für Vorstände seit jeher eine Art Insidergeschäft: Topmanager in den Kontrollgremien, aktive oder ehemalige, entscheiden über die Bezüge von Topmanagern. Das hat alles nichts mit Markt zu tun, sondern nur mit Macht: Je höher die Bezüge im Unternehmen A, in dessen Aufsichtsrat man sitzt, gestiegen sind, umso unbeschwerter kann man im eigenen Unternehmen B mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden über eine kräftige Verbesserung des Salärs verhandeln. Dass die Gewerkschaftsvertreter in den Kontrollgremien dies alles widerspruchslos hingenommen haben, weil es ja das Geld der Aktionäre ist, gehört zu der seltsamen Wirklichkeit der Mitbestimmung.

Diese Gruppenmechanismen allerdings erklären nicht allein, warum es zu den Bereichungsexzessen der jüngeren Vergangenheit gekommen ist. Das wechselseitige Geben und Nehmen funktionierte schließlich immer schon so. Möglicherweise wäre doch etwas Besinnung eingekehrt, wenn es eine Figur gäbe, die mit gewachsener Autorität zur Ordnung gerufen hätte, hinter dem Vorhang natürlich. Eine solche Persönlichkeit aber fehlt derzeit in der deutschen Wirtschaft.

In den Zeiten der längst und zu Recht verblichenen Deutschland AG - als die drei Großbanken Deutsche Bank , Dresdner Bank und Commerzbank  die Strippen in fast allen größeren Unternehmen zogen - gab es solche Männer. Es waren Persönlichkeiten wie Hermann Josef Abs und Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank oder Jürgen Ponto von der Dresdner. Aber es waren nicht nur Banker, auch Industrielle wie Hans Merkle von Bosch, Günter Vogelsang von Krupp/Thyssen oder Berthold Beitz von Krupp, fühlten Verantwortung über ihre Unternehmen hinaus für die gesamte Wirtschaft. Ihr Wort hatte Gewicht.

Von Pierer von der Bühne gefegt

Von Pierer von der Bühne gefegt

Und heute? Josef Ackermann von der Deutschen Bank wird als Investmentbanker in den gehobenen Managerzirkeln respektiert, aber der Schweizer ist kaum vernetzt in der deutschen Wirtschaft und ohne gewachsene Autorität; zudem führt er mit weitem Abstand zum Zweitplazierten Henning Kagermann (SAP) die Gehaltsliste der Dax-Vorstandsvorsitzenden an.

Heinrich von Pierer hätte zu einer solchen Autorität wachsen können, er besitzt wirtschaftlichen wie politischen Sachverstand. Doch die Korruptionsaffäre bei Siemens  hat ihn von der Bühne gefegt.

Der Bayer-Mann Manfred Schneider wie auch der Eon-Konstrukteur Ulrich Hartmann, beide als Multi-Aufsichtsräte omnipräsent, hätten die Rolle übernehmen können. Doch beide zogen es vor, in der Deckung zu bleiben. Genauso wie Gerhard Cromme von ThyssenKrupp . Als Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission hat er Beachtliches geleistet hat, um Transparenz ins Unternehmensgeschehen zu bringen. Aber letztlich blieb er in diesem Amt ohne Profil.

Müßig darauf zu verweisen, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in dieser wie in anderen Rollen ein glatter Ausfall ist. Die Verbandsoberen sind schon dankbar, wenn alle Unternehmen und deren Branchenverbände regelmäßig die Beiträge zum Unterhalt des gewaltigen Apparats nach Berlin überweisen. Einfluss auf die Vorstände wagt dieser Lobby-Verein nicht zu unternehmen – zumal derzeit mit Jürgen Thumann an seiner Spitze ein grundsolider, aber reichlich unpolitischer Mittelständler steht.

Nicht minder einflusslos ist Georg Braun aus dem oberhessischen Melsungen, der Präsident der deutschen Handelskammern. Der rechtschaffene Mann empfiehlt jetzt der Politik, sich aus dem Gehaltsthema raus zu halten: "Letztlich müssen die Aufsichtsräte entscheiden", sagt er weise. Frau Merkel und Herr Köhler werden für die Aufklärung dankbar sein. Und manch einer wird sich erinnern, welches Gewicht einmal ein DIHT-Vorsitzender Otto Wolf von Amerongen in Wirtschaft und Politik hatte.

Fazit: Führungskräfte ohne Führung

Vielleicht ist das unvermeidlich im Zeitalter der Globalisierung. In einer Zeit, in der die Topmanager nicht mehr in Deutschland, sondern auf den Weltmärkten zu Hause sind; in der der nationale Bezugsrahmen zunehmend an Bedeutung verliert und man sich an der Spitze von Weltkonzernen nicht mehr jenem Umfeld gegenüber verantwortlich fühlt, in dem man groß geworden ist. Da dürfen die Herren sich dann allerdings auch nicht wundern, dass solche weltfremden Forderungen wie die nach einem gesetzlichen Deckel für Managerbezüge ernsthaft in der Politik diskutiert werden.

Aber vielleicht musste es erst so weit kommen, damit einer aus dem feinen Club der Wirtschaftselite aufsteht und, statt wieder einmal die Medien und die Politiker anzuklagen, die Seinen zur Ordnung ruft. Wir dürfen weiter hoffen.

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