Putin-Nachfolge Ein Liberaler für das Schaufenster

Das monatelange Verwirrspiel um die Nachfolge von Wladimir Putin hat ein Ende: Überraschend sprach sich der russische Präsident für Gazprom-Aufsichtsratschef Dmitri Medwedew aus. Experten werten die Unterstützung für den Vorzeigeliberalen als gutes Signal an den Westen. Doch wie westlich denkt der Gazprom-Mann von Putins Gnaden wirklich?

Hamburg - Mal wieder hat Wladimir Putin alle überrascht. Gegen 12 Uhr mitteleuropäischer Zeit verkündeten russische Medien, womit im Westen kaum noch jemand gerechnet hätte: Dmitri Medwedew, Vize-Ministerpräsident und Aufsichtsratsvorsitzender des Energieriesen Gazprom , soll neuer Präsident Russlands werden.

"Seit mehr als 17 Jahren kenne ich ihn sehr gut, und ich unterstütze diesen Vorschlag", erklärte Putin vor Vertretern verschiedener Parteien. Am kommenden Montag soll Medwedew offiziell als Präsidentschaftskandidat der Regierungspartei Einiges Russland nominiert werden. Seiner Wahl durch das Volk am 2. März dürfte dann nichts mehr im Wege stehen.

Mit der Kandidatur Medwedews hatte zuletzt kaum mehr jemand gerechnet. Erst im September hob Putin den 66-jährigen Ex-Geheimdienstler Wiktor Subkow ins Amt des Premierministers, das als Sprungbrett ins Präsidentenamt angesehen wird. Medwedew galt fortan als abgemeldet, er wurde stattdessen als neuer Gazprom-Chef gehandelt.

Überraschend ist auch die unspektakuläre Art, mit der Putin seinen Wunschnachfolger benennt. Eine Agenturmeldung und eine Rede vor Parteivertretern, die vom Staatsfernsehen übertragen wurde. Mehr nicht. Immerhin hat der russische Präsident die Öffentlichkeit monatelang hingehalten und immer wieder neu verwirrt - wäre da nicht eine ausführliche Rede an das Volk angemessener gewesen?

"Die Art und Weise der wenig glamourösen Kandidatenernennung ist mehr als komisch", sagt Axel Lebahn, Russland-Berater und früherer Leiter der Repräsentanz der Deutschen Bank in Moskau. "In den vergangenen Monaten wurde nicht Medwedew, sondern Putin als das große Genie Russlands aufgebaut." Für Lebahn lässt dieses Vorgehen nur eine Schlussfolgerung zu: "Es wird keine Übergabe der vollen Präsidentenmacht erfolgen." Putin werde künftig weiterhin im Hintergrund wirken.

Medwedew - eine Marionette Putins?

Medwedew - eine Marionette Putins?

Dennoch: Experten trauen Medwedew einen Klimawandel im angespannten Verhältnis mit dem Westen zu. "Unter allen möglichen Kandidaten ist er sicher derjenige, der am ehesten westliche wirtschaftspolitische Vorstellungen vertritt", sagt Hans Henning Schröder, Leiter der Forschungsgruppe Russland bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "In seinen Reden hat er die Bereitschaft gezeigt, Russland zu modernisieren und stärker nach Westen zu öffnen."

Medwedew hob sich damit von Sergej Iwanow ab, der ebenfalls als Vize-Ministerpräsident wirkt und bislang zum Kreis der Kandidaten zählte. Iwanow ist für seine markigen, bislang antiwestlichen Worte bekannt.

Auch Russland-Experte Lebahn betont: "Medwedew ist der Schaufensterliberale unter den Präsidentschaftskandidaten." Im Gegensatz zu vielen Putin-Vertrauten wie Iwanow gehört er wohl nicht der einflussreichen Gruppe der Silowiki an - ehemaligen Vertretern der Geheim- und Sicherheitsdienste. Das bedeutet allerdings auch: Als Liberaler hat Medwedew möglicherweise nur geringen Rückhalt in der elitären russischen Cliquengesellschaft - schließlich haben Zahl und Einfluss der Liberalen in der ehemaligen Sowjetunion zuletzt kontinuierlich abgenommen. "Putin wird Medwedew womöglich leichter dirigieren können", folgert Lebahn.

Wie frei wird ein Präsident Medwedew also agieren können? Gewiss wird Putin weiterhin als einflussreicher Strippenzieher wirken, obgleich die Verfassung nur den gewählten Präsidenten mit den Mitteln der Macht ausstattet. Doch das Band zwischen den beiden Machtmenschen wird sich so schnell nicht trennen lassen.

Seit den 90er Jahren sind Putin und Medwedew eng verbunden. Beide stammen aus St. Petersburg und haben dort Jura studiert. Nach Ende des Studiums wirkte Medwedew als Dozent, ehe er in das St. Petersburger Bürgermeisteramt berufen wurde. Im Ausschuss für Auswärtige Beziehungen hatte er einen inzwischen namhaften Vorgesetzten: Wladimir Putin.

"Gazprom positioniert einen Macher"

Bis heute ist Medwedew ein enger Weggefährte des Präsidenten. Er leitete als Vizechef der Kreml-Administration im Jahr 2000 Putins Wahlkampf, stieg später zum Leiter der Präsidialverwaltung auf. Seit 2005 ist Medwedew als stellvertretender Ministerpräsident für die Bereiche Bildung, Gesundheit, Wohnungsbau und Landwirtschaft zuständig.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Karriere des 42-Jährigen: Seit dem Jahr 2000 sitzt er im Gazprom-Verwaltungsrat, den er inzwischen leitet. Damit verkörpert er auch die enge Verflechtung zwischen Kapital und Staat, die in Russland vorherrscht. "Nun wird Gazprom mit Medwedew einen seiner Macher im Kreml positionieren", sagt Lebahn. Auch die Märkte glauben offenbar an politischen Rückenwind: Die Gazprom-Aktie legte nach der Verkündung der Medwedew-Kandidatur um rund 3 Prozent zu.

Der wirtschaftsliberalen Gesinnung des Dmitri Medwedew sind also enge Grenzen gesetzt. Für Lebahn steht ohnehin fest: "Die Liberalität der 90er Jahre wird in Russland so bald nicht wiederkommen."