Klimaschutz "Von der Unfähigkeit der eigenen Lobby überrollt"

Die Pläne der EU-Kommission, klimaschädliche Neuwagen zu verteuern, haben Daimler, BMW und Co. ins Mark getroffen. Autoexperte Helmut Becker sieht in der CO2-Debatte aber auch eine Chance und traut den hiesigen Autoherstellern zu, diese Herausforderung zu meistern. "Einen kollektiven wirtschaftlichen Selbstmord kann aber keiner verlangen", so Becker im Gespräch mit manager-magazin.de.
Von Arne Stuhr

mm.de: Die deutschen Autohersteller und die Bundesregierung sprechen angesichts der heute verkündeten Pläne der EU-Kommission zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes von Marktverzerrung und Benachteiligung. Der Peitschenhieb aus Brüssel kam doch nicht überraschend. Warum zeigt man sich jetzt so pikiert?

Becker: Pikiert können nur Träumer sein, die geglaubt haben, die unter deutscher ACEA-Präsidentschaft 1998 eingegangene Verpflichtung auch der deutschen Autohersteller zur Absenkung der CO2-Emission auf 140 Gramm pro Kilometer bis 2008 sei nur für die anderen europäischen Hersteller, die Franzosen und Italiener bindend, nicht aber für einen selber. Kurz: Die deutschen Hersteller haben diese Zusage für eine Luftnummer gehalten, haben die eigene Zusage nicht ernst genommen, ein Kavaliersdelikt eben, das von der eigenen Lobby in Brüssel im Ernstfall aus der Welt geschafft würde. Und genau da hat man sich geirrt.

Die deutschen Hersteller haben sich in ihrer PS-Wut seit 2002 sogar immer weiter von dem vereinbarten Ziel entfernt, die Franzosen und Italiener aber nicht, die haben verstärkt auf kleinere Autos gesetzt und sind damit voll in die Schusslinie der asiatischen Konkurrenten geraten. Fakt ist, dass die deutschen Hersteller von der Eigendynamik der Umweltdiskussion und der Unfähigkeit der eigenen Lobby in Brüssel völlig überrollt worden sind. Was naturgemäß Frustrationen und Wehklagen nach sich zieht. Plötzlich ist die deutsche Politik, sonst von der Wirtschaft immer der Unfähigkeit und Kurzsichtigkeit geziehen, wieder gefragt. Nun sollen Frau Merkel und Herr Gabriel es richten.

mm.de: Können denn Daimler, BMW und Co. die neuen Vorgaben überhaupt schaffen?

Becker: Wenn es einer Industrie gelingt, 1001 PS auf die Räder zu bringen und ein Auto bei Tempo 400 auf der Straße zu halten wo jeder Jumbojet schon bei 280 Stundenkilometern abhebt, dem sollte es auch gelingen, diese Vorgaben zu erfüllen. Da bin ich voller Zuversicht in die Fähigkeiten der deutschen Automobilingenieure, man muss nur die richtigen Entwicklungsziele vorgeben und darf die Messlatte nicht zu niedrig legen.

mm.de: Welche Chancen sehen Sie, dass die deutschen Hersteller die jetzigen Pläne noch abschwächen können?

Becker: Sowohl die bundespolitische wie die eigene Industrielobby - alle deutschen Hersteller unterhalten in Brüssel und Berlin sehr aufwendige Repräsentanzen – haben offensichtlich im Konzert der EU-27 an Gewicht verloren. Große Chancen sehe ich also nicht, es sei denn, die deutsche Politik setzt sich mit Brachialgewalt durch.

Was man aber in jedem Fall von deutscher Seite erreichen muss, ist, dass der Anpassungszeitraum, das sogenannte Inphasing, den deutschen Automobilentwicklern und -Ingenieuren Luft zum Atmen lässt. Kein Mensch in Europa kann verlangen, auch die Herren Sarkozy, Prodi und Dimas nicht, dass die deutsche Automobilindustrie aus Umweltgründen kollektiven wirtschaftlichen Selbstmord begeht. Dafür ist die Branche für dieses Land zu wichtig, genauer: überlebenswichtig!

mm.de: Welche Auswirkungen haben die jüngsten Beschlüsse kurzfristig auf den Absatz, vor allem auf dem schwächelnden Heimatmarkt?

Becker: Bis die neue deutsche, dann emissionsoptimierte Fahrzeugpalette steht, dürften noch einige Jahre vergehen, neue verbrauchsarme Motoren und Antriebssysteme müssen ja erst entwickelt und gebaut werden, aus dem Hut zaubern kann man sie nicht. Das heißt, dass der Markt zunächst weiter zu warten hat, im Zweifelsfall sogar aus Verunsicherung über das, was kommt, sich noch weiter zurückzieht.

mm.de: Ist die ganze Verbrauchs- und CO2-Debatte für die technologisch führenden deutschen Hersteller nicht auch eine große Chance?

Becker: Aus ganzem Herzen ja. Und zwar nicht nur für die Hersteller, sondern auch für die Zulieferer. Bisher wurden unsere Ingenieure auf Leistungsmaximierung getrimmt, künftig müssen wir sie auf Verbrauchsminimierung trimmen. Wenn uns das gelingt, und ich bin davon überzeugt, dass es gelingt, sind wir auf dem richtigen Pfad.

"Energiekrise bringt Technologieschub"

mm.de: Im Oktober wurden erstmals in Deutschland mehr mit Diesel als mit Benzin angetriebene Pkw verkauft. Wohin geht der Trend bei den Motoren?

Becker: Die Signale aus den Gießereien sind eindeutig. Der Motor der Zukunft wird kleiner und kann höheren Drücken standhalten. Es wird in Zukunft also mehr Vier- und Dreizylinder geben, die mit weniger Treibstoff in etwa die gleiche Leistung wie die jetzigen Aggregate bringen. Diesel und Benziner haben dabei beide noch Potenzial. Die Energiekrise, die ja eigentlich eine Preiskrise ist, bringt einen technologischen Schub mit sich. Die Branche wird also wie schon bei den Ölkrisen der 70er Jahre reagieren.

mm.de: Steigt durch so einen Sinneswandel die Wahrscheinlichkeit für ein generelles Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen?

Becker: Ich bin Marktwirtschaftler, und Sie können schon heute beobachten, dass die Leute im Schnitt langsamer fahren, weil es ihren eigenen Geldbeutel betrifft. Der Preis wird es also schon richten. Das Tempolimit ist aber vielmehr eine politische Frage. Es geht schlicht um die Glaubwürdigkeit der deutschen Politik, wenn Frau Merkel die Welt zum Umweltschutz aufruft, aber Deutschland das letzte Industrieland ohne Geschwindigkeitslimit ist.

mm.de: Daimler-Chef Dieter Zetsche hat kürzlich betont, dass das Prädikat "Autobahn-fest" als Marketinginstrument nicht zu unterschätzen sei.

Becker: Das stimmt. Die deutschen Automobile sind von ihrer Sicherheitsausstattung auf hohe Geschwindigkeiten ausgelegt. An diesem Qualitätsmerkmal sollten die deutschen Hersteller aber auch bei der aus vorher genannten Gründen sehr wahrscheinlichen Einführung eines Tempolimits festhalten.

"BMW muss aufpassen"

mm.de: Auch jenseits der CO2-Debatte bleibt die Autobranche spannend. Daimler hat sich von Chrysler getrennt, Porsche übernahm die Macht in Wolfsburg. Ist das Jahr 2007 aus Sicht der deutschen Autohersteller überhaupt noch zu toppen?

Becker: Nur, wenn die Familie Quandt doch noch bei Daimler einsteigt.

mm.de: Das halten Sie immer noch für wahrscheinlich?

Becker: Es ist für mich nach wie vor eine mögliche und vor allem eine sinnvolle Option.

mm.de: Wenn man jüngsten Schlagzeilen glauben darf, haben die deutschen Autokonzerne ja eigentlich kein fremdes Geld mehr nötig, schließlich seien sie dank üppiger liquider Mittel "so reich wie nie zuvor". Kann man das so stehen lassen?

Becker: Im Gegenteil, das Geld ist knapp. Volkswagen hat gerade erst aufgrund der noch von den Herren Pischetsrieder und Bernhard erreichten Einsparungen wieder die Gewinnschwelle erreicht, Daimler ist aktuell dabei, sich von den Verlusten durch Chrysler zu erholen, und bei BMW hat man jüngst angesichts der sinkenden Gewinnmarge die Reißleine gezogen. Von derartigen Schlagzeilen halte ich folglich nichts.

mm.de: Dennoch machen die deutschen Hersteller momentan doch vieles richtig, oder?

Becker: Absolut. Vor allem Volkswagen bereitet mir viel Freude. Dort hat man endlich eine Strategie eingeschlagen, um den Konzern wieder in die Weltspitze zurückzuführen.

mm.de: Und zwar welche?

Becker: Neben der Erledigung der betriebswirtschaftlichen Hausaufgaben geht es vor allem darum, sich erstens den nach wie vor vom Volumen her großen Absatzmarkt USA vorzuknöpfen, zweitens am Wachstum der BRIC-Staaten zu partizipieren und drittens in eine Modellpalette zu investieren, die wieder dem Namen "Volkswagen" entspricht. Winterkorn ist hier gut davor.

mm.de: Gilt das auch für BMW-Chef Norbert Reithofer mit seinem Sparprogramm?

Becker: BMW muss aufpassen, sich mit seinen Maßnahmen nicht aus dem Premiumsegment zu sparen.

mm.de: Der Stern des Erzrivalen Daimler hingegen gewinnt wieder an Glanz.

Becker: Gott sei Dank. Kein deutsches Industrieunternehmen von Weltformat hätte eine solche Rosskur, wie sie Daimler in den vergangenen 25 Jahren aufgrund eines unfähigen Managements machen musste, überlebt. Es spricht für die unglaubliche Substanz in diesem Konzern, dass Daimler sogar noch das Chrysler-Abenteuer durchgestanden hat. Nun ist das Unternehmen befreit und kann seine Muskeln neu durchspannen. Die Welt braucht Premiumautos, und wird sie immer brauchen.

"Wir stehen nicht vor der Pleite"

mm.de: Die deutschen Autokäufer sind auch ohne neue Pläne aus Brüssel bereits in den Streik getreten. Haben Sie Hoffnung auf eine Besserung in 2008?

Becker: Nein, ich fürchte, dass es sogar noch schlimmer wird.

mm.de: Warum?

Becker: Das hat weltwirtschaftliche Gründe. Ich persönlich glaube nämlich, dass wir bei der Immobilienkrise in den USA und der Schwäche des Dollars erst die Spitze des Eisbergs gesehen haben. Das ist noch nicht ausgestanden, da die psychologischen Wirkungen der Dollar-Krise noch nicht bei uns angekommen sind.

mm.de: Mit welchem Euro-Dollar-Kurs rechnen Sie für 2008?

Becker: Ich sehe den Euro bei mindestens 1,60 Dollar. Und das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.

mm.de: Wer soll denn dann die rund 200 für nächstes Jahr angekündigten Neuheiten und Facelifts kaufen?

Becker: Das dürfte schwierig werden, da die Käufer noch immer auf wirklich verbrauchsarme Fahrzeuge warten. Es ist zwar vieles auf der IAA angekündigt worden, aber noch sind Up!, iQ und Co. nicht da. Dieser Trend des Downsizing gilt übrigens auch für Firmen- und Flottenfahrzeuge.

"Cerberus wird Chrysler nicht überleben"

mm.de: War es vor diesem Hintergrund nicht einer der größten Fehler der deutschen Hersteller, die ersten Autos aus China mit einer S-Klasse und einem 7er zu vergleichen, anstatt mit Fahrzeugen, die es im besten Fall erst in den Köpfen der Entwickler gab?

Becker: Richtig, hier gab es massive strategische Fehler sowohl in der Fahrzeugpalette wie in der geografischen Positionierung. Die deutschen Automobilhersteller sind aber sehr wohl in der Lage, die notwendigen Investitionsmittel aufzubringen. Wir stehen als deutsche Automobilindustrie ja nicht vor der Pleite, wie die Kollegen in den USA. Die zum Beispiel vor wenigen Wochen von VW angekündigten Investitionen sind ja durchaus üppig.

mm.de: Also können wir die Expansion der asiatischen Autokonzerne, die ja ebenfalls auf der ganzen Welt neue Werke planen, kontern.

Becker: Wir können es nicht nur, wir müssen es sogar.

mm.de: Welche Rolle spielen in diesem Kampf Drittfertiger wie Karmann, wo es derzeit ja nicht gut aussieht?

Becker: Das ist ein ganz normaler Prozess, da die großen Konzerne zur Auslastung eigener Werke Produktion zurückholen. Es werden aber auch noch andere Automobilhersteller auf der Strecke bleiben, die heute meinetwegen in den USA angesiedelt sind.

mm.de: Sie sprechen von Chrysler?

Becker: Genau. Und ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass auch der Investor Cerberus dieses Desaster möglicherweise nicht überleben wird.

mm.de: Zurück nach Deutschland. Könnte 2008 - die Aussagen vom Beginn unseres Gesprächs immer im Hinterkopf - ein chancenreiches Jahr für die hiesigen Automobilhersteller werden?

Becker: Ja, wenn sie es fertigbringen, das auf der letzten IAA angekündigte richtige Angebot möglichst bald auf den Markt zu bringen. Es liegt also - sieht man mal von den weltwirtschaftlichen Einflüssen ab - an der Branche selbst, ob es ein gutes oder ein schlechtes Jahr wird.

Daimler: "Wo wir stehen werden? Ganz vorn." Volkswagen: 2008 steigt die Schlagzahl

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