Benzinpreise Diesel sticht Super

Sprit ist nicht nur teuer, sondern auch verwirrend geworden: Super kostet so viel wie Normal, dafür klettert der Dieselpreis teilweise über den von Super. In Zukunft werden die Preisschilder der Tankstellen wohl anders aussehen als heute.

Hamburg - Früher war die Welt übersichtlich, zumindest an den Tankstellen. Die Preisanschläge zeigten oben kleine Summen und unten große. Die Reihenfolge der dort aufgeführten Spritsorten war meist gleich: Oben Diesel, dann Normalbenzin und Super, unten schließlich Super Plus. Zwischen dem Preis für Diesel und Super Plus klaffte eine Lücke von rund 20 Cent, plus/minus ein paar Zerquetschte.

An diesem Dienstag schreckt die "Bild"-Zeitung ihre Leser mit dem Aufmacher hoch, dass Diesel erstmals teurer verkauft wird als Super - "an ersten Tankstellen", so der kleine Hinweis zwischen den großen Buchstaben. Der schwächt das Horrorszenario einerseits ab: Flächendeckend ist das noch nicht so. Der Hinweis suggeriert aber andererseits, wir würden gerade Zeugen einer neu einsetzenden Entwicklung.

Sprit ist immer ein Thema, denn wer ein Auto hat, der kann nicht ohne. Und an der Zapfsäule sind alle gleich, mal von den Differenzen zwischen den Spritsorten abgesehen. Nicht zuletzt ist Sprit so teuer wie nie. Seit 1995 sind die Kraftstoffpreise in Deutschland um 80 Prozent gestiegen, hat der ADAC errechnet. Vergangene Woche kostete der Liter Super mancherorts 1,45 Euro.

Was passiert also gerade an den Zapfsäulen? Sind nun alle Sparfahrer geleimt, die ihr Dieselauto gerade auch des billigen Treibstoffs wegen gekauft haben?

Beim ADAC sieht man die Lage nicht so dramatisch. "Eine ähnliche Entwicklung haben wir fast jedes Jahr zu Winterbeginn", so Maximilian Maurer. Schließlich sind Diesel und Heizöl technisch das Gleiche, sieht man von ein paar Hightech-Additiven ab, mit denen die Ölkonzerne gern werben. Immer, wenn sich die Haushalte für den Winter mit Öl eindecken, steigt die Nachfrage und damit der Preis.

Preiskampf macht Super billiger

Dass sich die Preiskurven kreuzen, ist dennoch ungewöhnlich. "Eine einfache Erklärung dafür gibt es nicht", sagt Maurer. Schließlich sei alles unverändert, was sonst den Preis bestimmt: In der Herstellung unterscheiden sich die Spritsorten kaum, in Logistik und Marketing erst recht nicht.

Zu beobachten sei aber, dass Super derzeit besonders billig sei. Wohlgemerkt, nicht absolut, sondern im Vergleich zu den anderen Kraftstoffen. So erklärt auch der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) das Phänomen. Der Konkurrenzdruck beim Benzin habe dessen Preis unter den von Diesel gedrückt.

Das ist freilich ein langer, aber genau bezifferbarer Weg: 20 Cent beträgt der Steuerunterschied zwischen Benzin und Diesel; andere Faktoren sind praktisch vernachlässigbar. Ein Beleg für den Konkurrenzdruck findet sich schnell. Zum Monatswechsel hat sich zwischen Super und Normal der Marke Aral erstmals Parität eingestellt, bei Konkurrent Shell beläuft sich die Differenz noch auf hauchzarte 0,5 Cent.

So sind sich in den vergangenen Monaten Super und Diesel immer nähergekommen. Dazu die üblichen Heizölkäufe, möglicherweise dadurch beschleunigt, dass viele Haushalte Nachholbedarf haben. Denn nach dem milden Winter im vergangenen Jahr hat mancher Hausmeister zunächst die Wetterentwicklung abgewartet, in der Hoffnung, sein Heizöl billiger zu bekommen.

Die Saisoneffekte sind gewichtig. Deshalb ist sich ADAC-Experte Maurer sicher: "Bald wird Diesel wieder flächendeckend billiger sein als Benzin." Tatsächlich handele es sich auch derzeit nur um Einzelfälle, wenn auch um zahlreiche.

Diesel-Boom überlastet die Raffinerien

Dennoch, der Abstand schrumpft und wird nicht mehr aufs bekannte Niveau wachsen. Der Bedarf für Diesel steigt seit Jahren. Im vergangenen Oktober wurden erstmals in der Bundesrepublik mehr Autos mit Dieselantrieb zugelassen als mit Ottomotor. Die Dieseloffensive nicht nur deutscher Hersteller in den USA hat gerade erst begonnen. In ganz Europa erfreuen sich die nagelnden Selbstzünder wachsender Beliebtheit.

"Bis die Raffinerien auf den gegenwärtigen Diesel-Boom eingestellt sind, bleibt der Preis relativ hoch", glaubt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der FH Gelsenkirchen. Auch langfristig sei es deshalb wahrscheinlich, dass der Steuervorteil von 20 Cent an der Zapfsäule auf einen Preisunterschied von knapp zehn Cent schmilzt.

Die Annäherung zwischen Super und Normal, wie sie Aral und Shell gerade vorexerzieren, läutet dagegen das Ende des Einfachbenzins ein. Zwar beteuern bisher alle Mineralölkonzerne, den preisgünstigen Normaltreibstoff weiterverkaufen zu wollen. Doch über lange Sicht "ist Normal out", sind sich die Experten einig. Nur ein Viertel aller Autofahrer tankt überhaupt noch diesen Sprit. Wenn der Preisvorteil wegfällt, gibt es dafür keinen Grund mehr, schließlich fahren die meisten Motoren mit Super sparsamer.

Somit sieht der Tankstellenaushang der Zukunft so aus: Oben Diesel, teurer als heute, darunter Super, mit einem Aufschlag von acht bis zehn Cent. Und dazwischen: wahrscheinlich nichts.

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