AWD Maschmeyers Milliardendeal

Wenn auch aus verschiedenen Motiven - mit AWD und Swiss Life finden offenbar zwei Getriebene zueinander. Den Schweizern sitzen angeblich die Hedgefonds im Nacken. AWD fehlt die Wachstumsperspektive. Der deutschen Konkurrenz geht es nicht anders, doch AWD-Chef Carsten Maschmeyer riskiert viel.

Hamburg - Jene, die ihn sehr gut zu kennen glauben, sagen: "Der Maschmeyer ist amtsmüde. Jetzt hat er seinen Ausweg gefunden." Verwundern dürfte das nicht. Der Gründer des Finanzvertriebes AWD  hält seit gut zwei Jahrzehnten die Zügel in der Hand. Das Umfeld wird immer schwieriger. Gesetze nehmen Finanzvertriebe und ihre Berater zusehends an die kurze Leine. Die Konkurrenz wird immer härter, neue Wettbewerber drängen auf den Markt. Nennenswertes Wachstum im Inland ist kaum noch zu erzielen. Was läge da näher, als sich einem starken Partner anzudienen? Carsten Maschmeyer hat es getan. "Sein" Unternehmen begibt sich unter das Dach der Swiss Life  und riskiert damit den Ruf als unabhängiger Finanzdienstleister.

Die offizielle Lesart ist natürlich eine andere. Zwar trennt sich die Familie Maschmeyer von einem Großteil ihrer Aktien. Der Leistungssportler und Mittelstreckenläufer Maschmeyer bleibt aber für fünf Jahre weiter an der Spitze, AWD in seiner Struktur unangetastet und weiter börsennotiert.

"Damit ist die Kontinuität in der Führung und eine erfolgreiche Weiterentwicklung von AWD gewährleistet", sagt Ralf Dörig, Chef der Swiss-Life-Konzernleitung. Maschmeyer selbst spricht von einem "starken Partner, der uns beim Erreichen unserer ehrgeizigen Wachstumsziele auch außerhalb von Deutschland unterstützt". Und selbstverständlich werde AWD sein "bewährtes, unabhängiges Beratungskonzept" beibehalten.

Vor wenigen Wochen noch hatte der Hannoveraner Finanzdienstleister von einem erheblichen Vorteil für Berater und Kunden gesprochen, dass sich bislang kein Produktpartner maßgeblich an AWD beteiligt habe. Nicht zuletzt der Konzerchef selbst hatte seine Bindung als Aktionär betont. Jetzt befürwortet die Familie Maschmeyer eine Übernahme durch die Schweizer.

AWD führte offenbar schon mehrfach Fusionsgesspräche

Fakt ist, Maschmeyer hat sich in der Vergangenheit sukzessive von AWD-Anteilen getrennt. Insider berichten im Gespräch mit manager-magazin.de darüber hinaus, dass AWD in den vergangenen Jahren immer wieder Gespräche über eine mögliche Fusion oder zumindest sehr enge Partnerschaft geführt habe. Dem Vernehmen nach gehörte die Schweizer UBS  dazu und zuletzt auch der unmittelbare Konkurrent MLP . Der Heidelberger Finanzkonzern, der sich mit der Feri-Übernahme als Edelmarke und Ansprechpartner für vermögende Kunden etablieren will, habe die Gespräche aber abgebrochen. "Die Unternehmenskulturen sind einfach zu unterschiedlich. Eine Fusion hätte auch keinen Mehrwert gebracht", sagt ein Insider.

Gleichwohl spielten die Investoren an der Börse am Montag erneut die Übernahmekarte: Der Kurs von MLP kletterte in der Spitze um knapp 20 Prozent. "MLP ist das nächste Übernahmeobjekt", hieß es in Frankfurt. Aus der MLP-Zentrale verlautete dazu lediglich, man führe keine Gespräche, die geplante AWD-Übernahme tangiere die Heidelberger nicht.

Die großen Herausforderungen der Branche

Neue Gesetze steigern die Kosten der Anbieter

Tatsache ist aber, auch MLP hat zu kämpfen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres gingen die Erträge im Maklergeschäft um 3 Prozent zurück. Die Beraterzahl lässt sich nicht entscheidend steigern. Immer wieder wandern qualifizierte Spitzenkräfte ab und wechseln zur Konkurrenz. Der Aktienkurs hat in diesem Jahr kräftig gelitten.

Ob nun MLP , AWD , OVB oder DVAG - die Finanzdienstleister in Deutschland stehen vor enormen Veränderungen. Versicherungsvertragsgesetz (VVG), Vermittlerrichtlinie und die europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid zwingen die Anbieter zu mehr Transparenz bei Beratung und Produkten. Nicht alle Akteure sind davon gleichermaßen betroffen. Doch im Grundsatz erhöht sich für alle der bürokratische Aufwand, und das kostet selbstverständlich Geld.

Neue Akteure verschärfen den Wettbewerb

Zugleich stockt das Geschäft mit traditionellen Produkten, mit denen die Unternehmen einst groß geworden sind. Neue, zumeist fondsgebundene und in der Regel mit komplizierten Garantien ausgestattete Produkte müssen sich ihren Inlandsmarkt in großem Stil erst noch erschließen. Neue Akteure wie der im Oktober gegründete Finanzvertrieb "Formaxx" betreten zudem die Szene. Im Sommer nächsten Jahres wird Ex-MLP-Chef Bernhard Termühlen als Investor mit "Mayflower Capital" den Wettbewerb verschärfen.

Kampf um die besten Mitarbeiter

Erschwerend tobt hinter den Kulissen schon längst eine Schlacht um die besten Vertriebsmitarbeiter, vor allem MLP und AWD haben in der Vergangenheit immer wieder Leistungsträger ziehen lassen müssen. "In Summe bringt das sehr viel Unsicherheit über die Unternehmen und birgt auch die Gefahr, dass sie ihr Geschäftsmodell komplett ändern müssen", sagt Analyst Konrad Becker von Merck Finck.

Auf der anderen Seite versuchen die Finanzdienstleister in neue Märkte vorzudringen - Osteuropa zum Beispiel, wo noch hohes Wachstum und profitables Geschäft locken. Vor allem AWD und OVB sind in diese Region vorgedrungen und haben sich neue Vertriebskanäle erschlossen. Doch die Expansion kostet Geld. Da sind neue Strukturen aufzubauen, muss kräftig in die Vertriebsausbildung investiert werden. Insofern erscheint es nur konsequent, wenn man sich einen kräftigen Partner sucht, der in Geld nur so schwimmt.

Angeblich treiben Hedgefonds Swiss Life

An Geld fehlt es der Swiss Life nicht. Insider vermuten, dass der Schweizer Konzern die Erlöse von mehreren Milliarden Euro aus dem Verkauf der Gotthardbank und der Geschäfte in den Niederlanden und in Belgien jetzt in aller Eile anlegen müsse. Hedgefonds drängten bereits auf eine Ausschüttung der auf vier bis fünf Milliarden Euro geschätzten Liquidität, heißt es. Gut eine Milliarde Euro will Swiss Life nun in die Übernahme der AWD investieren. Beobachter schließen vor diesem Hintergrund nicht aus, dass Swiss Life in Kürze schon neue Übernahmeversuche starten werde.

"Maschmeyer fehlt die Kraft und die Vision"

Fusion als Eingeständnis von Schwäche?

Mögen die Gründe auch unterschiedliche sein, agieren mit Siwss Life und AWD hier also vor allem getriebene Akteure? Beobachter schließen das zumindest für AWD nicht aus. Maschmeyer wollte zuletzt seine ursprüngliche Wachstumsprognose von 10 Prozent im Gesamtjahr in einer Telefonkonferenz nicht bestätigen. Seit Mai ist der Aktienkurs drastisch gefallen. "Insofern kann man den ganzen Deal auch als ein Eingeständnis von Schwäche interpretieren", sagt ein Analyst einer deutschen Großbank im Gespräch mit manager-magazin.de.

Maschmeyer habe gemerkt, dass er in den vergangenen Jahren mehrfach in "Wachstumskrisen" geraten ist. "Und vielleicht schätzt AWD das künftige Umfeld nun doch nicht so rosig ein, wie man es sich zuletzt ausgemalt hat. Da ist ein starker Partner womöglich die bessere Variante, anstatt es weiter allein zu versuchen", sagt der Analyst.

"Maschmeyer fehlt die Kraft und die Vision"

Ein profunder Kenner der Finanzvertriebe in Deutschland, der den AWD-Chef nach eigenen Aussagen auch persönlich gut kennt, erklärt: "Maschmeyer hat es nicht geschafft, das Unternehmen von sich zu befreien. Ihm fehlt die Kraft und die Vision, es alleine weiterzuführen." Die Übernahme durch Siwss Life sei für den Manager jetzt der erste Schritt, sich langsam aus dem Konzern zurückzuziehen und um zugleich für frischen Wind zu sorgen. AWD teile das Problem aller Unternehmen, die sehr stark auf ihren Gründer zugeschnitten sind. "Irgendwann wird das auch zur Last. Und Maschmeyer ist das sicherlich zur Last geworden."

Maschmeyer selbst bestreitet, er habe sich zum Verkauf aus einer Position der Schwäche heraus entschieden. "Es ist eine Partnerschaft der Stärke und hat überhaupt nichts mit Finanzsorgen oder Schwäche zu tun", sagt der AWD-Chef und wiederholt, AWD werde selbstverständlich ein unabhängiger Finanzvertrieb bleiben.

"Swiss holt die Drückerkolonnen unters Dach"

Analysten und andere Beobachter haben da ihre Zweifel. "Swiss holt die Drückerkolonnen unters Dach", heißt es am Montag in einem garstigen Kommentar einer Schweizer Bank. Deutsche Kollegen geben sich da etwas vorsichtiger. Zwar werde Swiss Life AWD in seinen Strukturen zunächst einmal unangetastet lassen. Insofern handelte es sich derzeit noch schlicht um eine Addition zweier Organisationen. Dafür sprächen angesichts der Größe der Transaktion auch die vergleichsweise geringen Synergieeffekte, die die Unternehmen mit rund 50 Millionen Schweizer Franken jährlich bis 2012 beziffern.

Swiss Life zahle aber nicht eine Milliarde Euro dafür, um nur einen unabhängigen Vertriebsarm in Deutschland und Osteuropa zu bekommen. "Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wer so viel Geld ausgibt, verspricht sich davon auch für das eigene Kerngeschäft erhebliche Impulse", sagt ein Analyst im Gespräch mit manager-magazin.de. Der Ruf von AWD als unabhängiger Finanzdienstleister werde darunter leiden.

Ein anderer Experte zeigt sich davon überzeugt, dass die Quote verkaufter Swiss-Life-Produkte durch AWD-Berater künftig stark ansteigen werde. Der Analyst schließt in diesem Zusammenhang nicht aus, dass andere Produktpartner nun womöglich die Zusammenarbeit mit AWD aufkündigen könnten. Sollte es dem Konzern unter dem Dach der Siwss Life nicht gelingen, weiterhin seine "formale Unabhängigkeit" mit einem möglichst breiten Angebot unter Beweis zu stellen, könnte es an der heiß umkämpften Beraterfront für Maschmeyer und Co. eng werden. Dann würden vermutlich noch mehr AWD-Mitarbeiter zur Konkurrenz wechseln.

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