Siemens "Lähmende Schichten werden beseitigt"

Der radikale Umbau soll Siemens schneller und sauberer machen. Damit ist der Münchener Konzern einer Zerschlagung gerade noch entronnen, sagt Dieter Scheitor. Der Aufsichtsrat erklärt bei manager-magazin.de, warum Siemens nun auch neue Kontrolleure bekommt - und wieso Konzernchef Peter Löscher Anspruch auf einen 8,5-Millionen-Bonus hat.

mm.de: Herr Scheitor, nach dem Siemens-Vorstand steht nun der Aufsichtsrat vor dem Umbau. Wie gestern durchgesickert ist, wird ein Großteil der Kontrolleure auf der Kapitalseite ausscheiden. Was ist der Hintergrund?

Scheitor: Ein Teil der Anteilseignervertreter erreicht bereits die Altersgrenze. Der ein oder andere dürfte außerdem eine Klage wegen der Korruptionsaffäre befürchten - vor allem vonseiten der US-Behörden. Das gilt insbesondere für Aufsichtsräte, die aus den USA kommen oder dort leben. Auf sie können US-Ermittler leichter zugreifen.

mm.de: Am Mittwoch hat der Aufsichtsrat eine der größten Konzernreformen der Siemens-Geschichte beschlossen - und das einstimmig. Woher rührt das große Vertrauen in Peter Löscher und seine Umbaupläne?

Scheitor: Peter Löscher pflegt einen sehr vernünftigen Stil gegenüber der Arbeitnehmerseite. Er hat uns die Chance gegeben, die Interessen der Belegschaft einzubringen. Man darf nicht vergessen, dass noch vor einigen Monaten für Siemens  die realistische Gefahr einer Zerschlagung bestand. Der Druck der Finanzinvestoren war gigantisch. Die hätten Siemens am liebsten in eine reine Holding verwandelt und interessante Teile verscherbelt. Das hätte eine Aushöhlung des Konzerns bedeutet und wäre für den Standort Deutschland verheerend gewesen. In diesem Fall hätten wir auf die Barrikaden gehen müssen.

Für dieses Zerschlagungsszenario stand jedoch auch Löscher nicht zur Verfügung. Er hat sogar unseren Slogan aufgegriffen: Siemens ist und bleibt ein integrierter Technologiekonzern. In diesem Zusammenhang haben auch die Aufsichtsräte Gerhard Cromme und Josef Ackermann eine herausragende Rolle gespielt. Sie alle waren gegen die Zerschlagung, auch gegen ein mittelschweres Verschlankungsszenario. Dies hätte bedeutet, wesentliche Teile wie Osram, Bosch Siemens Haushaltsgeräte oder das Bahngeschäft zu verkaufen.

"Zweites BenQ darf es nicht geben"

mm.de: Das Management wird allerdings nicht umhinkommen, sich weiterhin von erfolglosen Bereichen zu trennen.

Scheitor: Gewiss gibt es ein paar Baustellen. Das gilt vor allem für Siemens Enterprise, das Kommunikationsgeschäft mit Unternehmen. Allerdings weiß das Management: Ein zweites BenQ kann und darf es nicht geben.

mm.de: Was erhofft man sich von der Fokussierung auf die drei Kernsektoren Industrie, Energie und Medizintechnik?

Scheitor: Herr Löscher hat recht, wenn er sagt, dass bei Siemens bislang eine Kultur der Verantwortungslosigkeit herrschte. Bislang fanden wir im höheren Management gewisse Lähmschichten vor. Diese Manager, die keinen klaren Verantwortungsbereich hatten, haben Entscheidungsprozesse lahmgelegt. Nun wurden die Führungsstrukturen gestrafft und klare Verantwortlichkeiten geschaffen. Die Lähmschichten werden beseitigt. Das führt hoffentlich dazu, dass der Konzern schneller und schlagkräftiger wird. Die neuen Vorstände haben jetzt die Chance, Entscheidungen wirklich bis nach unten durchzusetzen.

mm.de: Mit Lähmschichten meinen Sie vermutlich die mehrköpfigen Führungsgremien der bisherigen acht Geschäftsbereiche, die nun abgeschafft werden?

Scheitor: Ja. Bislang haben von oben bis unten Gremien Entscheidungen hin- und hergewälzt. Wenn etwas schiefgelaufen ist, fühlte sich keiner zuständig.

mm.de: Beschäftigte befürchten einen drastischen Jobabbau im Zuge der Reformen. 1,2 bis 2,4 Milliarden Euro will Löscher bis 2010 im Bereich Vertrieb und Verwaltung sparen. Wie viele Tausend Arbeitsplätze sind bedroht?

Abschiedszahlung für Klaus Kleinfeld

Scheitor: Das weiß noch keiner genau. Ich glaube jedoch, dass sich eher das mittlere und höhere Management Sorgen machen muss. Die normalen Mitarbeiter dürften weniger betroffen sein. Der Konzern wächst schließlich zweistellig bei Auftragseingang und Umsatz. Das muss irgendjemand abarbeiten.

mm.de: Bei einigen Topmanagern wird offenbar weniger gespart. Siemens hat seinem Ex-Chef Klaus Kleinfeld zum Abschied 5,7 Millionen Euro bezahlt, damit er nicht zur Konkurrenz wechselt. Wieso hat der Aufsichtsrat dem zugestimmt?

Scheitor: Das hat nicht der Aufsichtsrat abgesegnet, sondern das Aufsichtsratspräsidium. Die Summe erscheint mir jedoch nicht exorbitant - jedenfalls nicht in den Sphären, in denen Herr Kleinfeld sich bewegt.

mm.de: Gilt das auch für die Bonusansprüche des neuen Siemens-Chefs in Höhe von 8,5 Millionen Euro? Siemens hat diese Ansprüche einfach von Löschers früherem Arbeitgeber, dem US-Pharmakonzern Merck , übernommen …

Scheitor: Ja, auch diese Summe ist nicht exorbitant. Bisweilen werden in solchen Kreisen viel höhere Summen gezahlt, die dann wirklich unanständig sind. Man muss auch die besondere Situation in den USA berücksichtigen. Dort können Topmanager meist von einem auf den anderen Tag kündigen, verlieren dabei aber ihre Bonusansprüche. Natürlich sind Manager nur dann zu einem Jobwechsel bereit, wenn verfallene Ansprüche auch kompensiert werden.

mm.de: Bonusansprüche, Abschiedszahlungen - wie erklären Sie das einem ehemaligen BenQ-Mitarbeiter, der jetzt arbeitslos ist?

Scheitor: Das kann man ihm nicht vermitteln. Aber man könnte einem früheren BenQ-Mitarbeiter sagen, dass IG Metall und Gesamtbetriebsrat das Management dazu bewegt haben, Gelder für Beschäftigungsgesellschaften bereitzustellen. Das geschah auch unter Verweis auf die hohen Managementgehälter.

"Affäre ist größter Sorgenpunkt"

mm.de: Weiterhin wird der Siemens-Konzern von der Korruptionsaffäre gebeutelt. Wie lange dauern die Ermittlungen noch? Und was nützt das geplante Treffen Löschers und Crommes mit der US-Börsenaufsicht SEC?

Scheitor: Die Affäre ist für uns als Arbeitnehmervertreter momentan der größte Sorgenpunkt. Die Gefahr, dass Siemens sehr hohe Strafen drohen, ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist sicherlich klug, wenn die Siemens-Spitze jetzt auf Tuchfühlung zur SEC geht.

Der wichtigste Punkt ist, dass Siemens glaubhafte, tätige Reue zeigt. Die Hauptschuldigen müssen identifiziert und bestraft werden. Nur dann hat man eine Chance, mit der SEC über ein tragbares Strafmaß zu sprechen.

mm.de: Die IG Metall ist im Aufsichtsrat stark vertreten. Wieso hat auch die Kontrolle durch die Gewerkschaft bei den Schmiergeldzahlungen versagt?

Scheitor: Die Arbeitnehmerseite hat sich keine Versäumnisse vorzuwerfen. Wir waren von Anfang an für eine rückhaltlose Aufklärung, ohne Rücksicht auf Verluste. Es stellt sich eher die Frage: Was ist mit den Aufsichtsräten auf der Anteilseignerseite, die vorher im Unternehmen tätig waren und dort ihre Drähte hatten? Ist es möglich, dass ihnen nichts aufgefallen ist? Das fällt mir schwer, zu glauben.

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