Einkommen "Real bleibt nichts übrig"

Zwei Studien zeichnen ein besorgniserregendes Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse in der deutschen Gesellschaft. Tenor: Die reale Armut nimmt hierzulande weiter zu - und betroffen sind vor allem die Kinder.

Berlin - Die Deutschen können sich trotz steigender Einkommen einer Studie zufolge weniger leisten. Zwar seien Löhne und Gehälter im Osten um 2,1 Prozent und um Westen um 2,3 Prozent gestiegen, teilte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung am Donnerstag in Berlin mit. Doch die hohe Teuerungsrate zehre den Zuwachs mehr als auf.

"Real bleibt nichts übrig", sagte Einkommensexperte des WSI, Claus Schäfer. Die Nettolohnquote, also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, sei im ersten Halbjahr 2007 auf 38,8 Prozent, nach 40,5 Prozent im Jahr 2006 gesunken. Dies sei der niedrigste Wert seit 1960.

Die Einkommen aus Unternehmen und Vermögen haben Schäfer zufolge dagegen in der ersten Jahreshälfte um über neun Prozent zugelegt. Die einer vergleichsweise geringen Zahl von Bürgern zukommenden Einnahmen machen danach gut ein Drittel des privat verfügbaren Volkseinkommens aus. Die vielen neu geschaffenen Jobs haben nach Berechnungen des WSI nicht zu einer Verringerung der Einkommensunterschiede geführt.

"Trotz Aufschwungs steigt die Armut"

Mehr als die Hälfte der Stellen seien prekäre Beschäftigungsverhältnisse, zum Beispiel Zeitarbeit, Minijobs oder schlecht bezahlte Arbeiten. Das sinkende Lohnniveau habe Folgen. "Wir müssen trotz Aufschwung einen weiteren Anstieg der Armut verzeichnen", erläuterte Schäfer. Das WSI geht davon aus, dass ein Fünftel der Bevölkerung als einkommensarm gelten muss.

Als arm gilt laut EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens nach Hause bringt. Die Politik nimmt das Problem nach Ansicht des Forschers nicht ernst genug. Durch fehlende Bildung bei den Kindern der Betroffenen gehe der Volkswirtschaft beispielsweise langfristiges Produktionspotenzial und Wettbewerbsfähigkeit verloren: "Wir müssen mehr Geld in die Hand nehmen", forderte Schäfer höhere Ausgaben für Schulen und Hochschulen.

Höhere Arbeitnehmereinkommen würden darüber hinaus die Binnennachfrage stärken. Das WSI fordere daher einen allgemeingültigen gesetzlichen Mindestlohn von 8,10 Euro in der Stunde sowie höhere Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger. Der Satz müsse wenigstens auf 420 Euro im Monat steigen. Derzeit erhalten die Betroffenen für den Lebensunterhalt knapp 350 Euro.

Immer mehr Kinder in ärmlichen Verhältnissen

Immer mehr Kinder in ärmlichen Verhältnissen

Betroffen von der zunehmenden Armut im Lande sind laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) vor allem die Kinder. Trotz vergleichsweise hoher staatlicher Ausgaben für Familien, so das Ergebnis der OECD-Studie, wachsen in Deutschland immer mehr Kinder in ärmlichen Verhältnissen auf.

Zwar gewähre der Staat großzügige finanzielle Zuschüsse für Familien. Er stelle aber nicht genügend Betreuungsplätze bereit, um Eltern die Rückkehr in den Job und damit eine bessere finanzielle Situation zu ermöglichen. "Beruf und Familie sind in Deutschland nur schwer unter einen Hut zu bringen", lautet das Fazit der OECD.

Rund drei Prozent seiner gesamten Wirtschaftsleistung gibt die Bundesrepublik den Angaben nach für die Familienförderung aus - etwa für Kindergeld, Steuererleichterungen und Dienstleistungen. Im Schnitt der untersuchten 24 OECD-Länder seien es nur 2,4 Prozent. Allerdings würden die Schwerpunkte an der falschen Stelle gesetzt.

So fließe nur ein Viertel des Familienbudgets in die Kinderbetreuung und andere Dienstleistungen. In den nordischen Ländern, Frankreich und den Niederlanden seien es zwischen 40 und 60 Prozent. Deshalb stehe hierzulande nicht einmal für jedes zehntes Kind unter drei Jahren ein Betreuungsplatz zur Verfügung. Im OECD-Schnitt sind es 23 Prozent, in Skandinavien bis zu 60 Prozent.

Ein Großteil der Familienförderung verpufft

"Deutschland könnte durch mehr Betreuungsplätze die Arbeitsaufnahme von Frauen erleichtern und dadurch auch die wirtschaftliche und soziale Situation für Familien verbessern", sagte OECD-Experte Willem Adema. Gerade Alleinerziehenden könnte so geholfen werden. Deren Beschäftigungsquote liege mit 62 Prozent deutlich unter dem OECD-Schnitt von 71 Prozent.

Der Anteil der Kinder, die in einem Haushalt mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens leben, liegt in der Bundesrepublik mit 12,8 Prozent über dem OECD-Schnitt von zwölf Prozent. Kinder, die nur mit einem Elternteil leben, sind häufiger von Armut betroffen. "Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, dass Alleinerziehenden Betreuungsmöglichkeiten angeboten werden müssen, sie aber auch zur Arbeitsaufnahme ermuntert werden sollten", sagte Adema.

Reformen wie das neue Elterngeld und der Ausbau der Kinderbetreuung zielten in die richtige Richtung. So schaffe die verkürzte Bezugsdauer des Elterngeldes mehr Anreize, dass Eltern früher in den Beruf zurückkehren. "Damit wird verhindert, dass Frauen, die sich in der Regel um Kinder kümmern, zu lange aus dem Job sind und später Einbußen hinnehmen müssen", sagte Adema.

manager-magazin.de mit Material von reuters

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