General Electric Invasion ins Siemens-Revier

Der Wettstreit der ewigen Rivalen Siemens und General Electric gewinnt an Schärfe. Während Siemens-Chef Peter Löscher dem großen US-Konkurrenten emsig nacheifert, nimmt sein Kollege Jeffrey Immelt verstärkt den deutschen Markt ins Visier. Und das ausgerechnet jetzt, da der mächtige Münchener Platzhirsch taumelt.

München - Sieht so der Albtraum von Siemens-Chef Peter Löscher aus? Direkt vor den Toren Münchens, mitten auf der grünen Wiese, steht ein roter Gebäudeklotz - umhüllt von einer Art Metallkäfig, der wohl als Sonnenschutz dient. Am Eingang prangen zwei verschnörkelte Buchstaben: G und E.

Spaziert man durch die Lobby, fallen allerhand merkwürdige Apparaturen auf. Meterlange Geschosse in Glasröhren, die Lecks in Pipelines aufspüren können. Luftschleusen, die Sprengstoff erschnüffeln. Mobile Röntgengeräte, die eingesetzt werden, um beispielsweise Flugzeugturbinen auf Schäden zu durchleuchten.

Keine Vision, sondern Wirklichkeit. Das GE-Emblem am Eingang steht für General Electric , den Erzrivalen des Siemens-Konzerns . Im Gebäude befindet sich das Europa-Forschungszentrum des amerikanischen Technologieriesen. Vier solcher wissenschaftlicher Zentren betreibt der amerikanische Mischkonzern weltweit. In Bangalore, Shanghai, New York - und seit 2004 auch in Garching bei München.

Der US-Gigant will weiter wachsen. Außerhalb der USA, in Europa, in Deutschland. Erstmals wird GE in diesem Jahr mehr Umsatz jenseits der amerikanischen Grenzen machen als innerhalb. Doch das gesamte Europa-Geschäft macht bislang nur rund ein Viertel des Gesamtumsatzes von 163 Milliarden Dollar (110 Milliarden Euro). Das soll sich jetzt ändern. Deshalb verstärkt der Konzernchef den Druck auf seine hiesigen Statthalter.

Immelt trommelt zum Kampf. "Deutschland ist die drittstärkste Volkswirtschaft der Welt", sagte er unlängst in einem "Handelsblatt"-Interview, "wir müssten also doch eigentlich einen Umsatz erzielen, der unserem Heimatmarkt Amerika zumindest etwas näherkommt." In Deutschland sei man bislang einfach nicht präsent genug gewesen.

GE will sich breit machen auf dem Heimatmarkt des Siemens-Konzerns. Erste Erfolge gibt es bereits zu vermelden. Im Medizintechnikbereich, wo der Konkurrenzkampf besonders hart ist, hat der US-Konzern Ende Oktober einen Prestigeauftrag ergattert: GE darf die vier städtischen Krankenhäuser in München digital vernetzen. Zwar geht es dabei nur um ein paar Millionen, aber auch um viel Symbolik. General Electric ist in der Lage, den Siemens-Konzern vor dessen eigenen Haustür zu schlagen.

"Überall an der Spitze mitspielen"

"Überall an der Spitze mitspielen"

Die angekündigte GE-Attacke kommt zu einer Zeit, da der mächtige Platzhirsch taumelt. Zwar hat Siemens-Chef Löscher zuletzt mit passablen Quartalszahlen die Aktienmärkte begeistert. Doch die Schmiergeldaffäre, bei der es um Schwarzgelder in Milliardenhöhe geht, ist längst nicht ausgestanden.

Das Rennen der Rivalen geht in eine neue Runde. Löscher hat einen Startvorteil: Er kennt den US-Konzern. Zwischen 2004 und 2006 führte Löscher die GE-Sparte Biosciences. In dieser Funktion gehörte Löscher dem rund 40-köpfigen Topmanagement an - und traf dabei auf seinen heutigen Antagonisten Jeffrey Immelt.

Heute sind Immelts Leistungen auch Löschers Erfolgsmaßstab. Bei der Bilanzpressekonferenz Anfang November kündigte Löscher höhere Renditeziele für die drei neuen Kernsektoren Industrie, Energie und Medizintechnik an. "Wir wollen überall an der Spitze mitspielen", betonte Löscher - und verwies auf höhere Margen beim US-Konkurrenten.

Auch bei der Korruptionsbekämpfung hat GE Vorbildfunktion: Allein in Deutschland beschäftigen die Amerikaner 50 Ombudsleute für Anfragen und Beschwerden zu Regelverstößen. Jeder GE-Mitarbeiter muss jährlich Antikorruptionsrichtlinien unterschreiben, die weltweit gültig sind. Wer gegen das Regelwerk verstößt, fliegt raus.

Diese Entschlossenheit beeindruckt Löscher, der nun ebenfalls "Kompromisslosigkeit beim Thema Compliance" verspricht. Die Einhaltung der internen Regeln überwacht seit Anfang Oktober der neue Siemens-Vorstand Peter Solmssen, der sich mit diesem Thema bestens auskennt: Zuvor wirkte er als Chefjustiziar - in der Healthcare-Sparte von General Electric.

Bei seinem Amtsantritt hatte Löscher noch betont: "I don't want to general electrify Siemens." Er will also kein zweites GE formen, lässt sich aber gern vom US-Konzern inspirieren. Löscher wirkt generell ein wenig elektrisiert, wenn er über GE spricht.

Doch auch GE holt sich Anregungen aus Deutschland. Beispielsweise versuchen sich die Amerikaner verstärkt beim Thema Windenergie, bislang eine Domäne der Deutschen, zu profilieren. Bereits heute produziert ein konzerneigener Windanlagenhersteller im niedersächsischen Salzbergen wöchentlich rund 15 Anlagen - und ist bis 2009 nahezu ausgelastet.

"Wir wollen uns noch spürbar steigern"

"Wir wollen uns noch spürbar steigern"

Ende September konnte GE einen größeren Auftrag vermelden: Eon orderte 19 Windkraftanlagen, die in Polen aufgestellt werden sollen. 31 solcher Anlagen hatte wenige Tage zuvor bereits der deutsche Windenergieerzeuger Enertrag bestellt. Konzernchef Immelt dürfte sich die Hände gerieben haben: Er fordert einen engeren Kontakt zu Energieanbietern wie RWE und Eon. Um Aufträge der hiesigen Versorger bemüht GE sich schon seit Jahren, doch bislang standen diese eher dem Siemens-Konzern nahe.

Der Wettkampf der ewigen Rivalen gewinnt an Schärfe. Für die stärkere Präsenz des US-Riesen im ursprünglichen Siemens-Revier soll Georg Knoth sorgen, der Frontkämpfer des Jeffrey Immelt. Er ist seit September 2005 GE-Chef für die Region Deutschland, Österreich und Schweiz. "Wir haben in Deutschland bereits 9000 Mitarbeiter und sehr viele Kunden", sagt Knoth gegenüber manager-magazin.de, "doch wir wollen uns noch spürbar steigern."

Der Erfolg von General Electric lässt sich hierzulande allerdings nur schwer messen, denn der US-Konzern gibt seinen Deutschland-Umsatz schon seit Jahren nicht mehr gesondert an. Um die Größenordnung zu erahnen, muss man mehrere Jahre zurückblicken: 2003 wiesen die Amerikaner für Deutschland einen Umsatz von rund sechs Milliarden Dollar (rund vier Milliarden Euro) aus. Darin enthalten sind jedoch auch Aktivitäten, die GE heute gar nicht mehr betreibt - etwa das Versicherungsgeschäft.

Knoth beteuert indes: In den vergangenen Quartalen habe man hierzulande stets zweistellige Zuwachsraten verzeichnet. "Dieses Wachstum wollen wir auch künftig beibehalten", sagt der GE-Manager.

Siemens setzte in Deutschland im vergangenen Geschäftsjahr (30. September) knapp 12,6 Milliarden Euro um. Aber: Die Umsatzsteigerung fiel mit 2 Prozent bescheiden aus. Das Wachstum des Münchener Konzerns findet heute anderswo statt: beispielsweise im Raum Asien-Pazifik (16 Prozent). Oder in der Region Afrika, Naher und Mittlerer Osten und GUS (17 Prozent). Fazit: Siemens hat in Deutschland gewiss die Nase vorn. Doch der Verfolger holt offenbar auf.

Fotostrecke: Das GE-Reich in Bildern

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