Müllers Welt Dollar-Poker am Golf

Nach dem Opec-Gipfel spekulieren viele auf eine rasche Aufwertung der Ölwährungen gegenüber dem Dollar. Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft dürften überschaubar sein - die längerfristigen Folgen indes dramatisch. Diskutieren Sie mit!

Im April dieses Jahres traf ich mich in Abu Dhabi mit Sultan Nasser al-Suweidi. Der Gouverneur der Notenbank der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sagte ein paar erstaunliche Dinge: Auf jeden Fall werde der Euro  wichtiger und der Dollar unwichtiger für die Region. "Unsere Dollar-Bindung ist nicht unberührbar." Die Währungspolitik der arabischen Ölexportländer stehe vor großen Veränderungen, jedenfalls auf längere Sicht: "Nichts ist endgültig und ewig".

Mich elektrisierten diese Äußerungen, weil ihnen globale Sprengkraft innewohnt. Schließlich sind die arabischen Ölstaaten zusammen mit China seit ein paar Jahren die wichtigsten Finanziers des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits - und damit eine Sollbruchstelle der Weltwirtschaft. Würden die USA ihr Defizit nicht mehr so leicht finanzieren können, würde das ganze globale Konjunkturszenario zusammenbrechen. Mein Kollege Dietmar Student und ich haben die neue Rolle der Golfstaaten in Heft 6 des manager magazins ausführlich analysiert.

Nun überstürzen sich die aktuellen Entwicklungen. Seit dem Opec-Gipfel in Riad vom vergangenen Wochenende hat in der Region eine massive Spekulation gegen den Dollar eingesetzt. Die Märkte setzen darauf, dass die Regierungen der Ölexporteure, voran die VAE-Administration, ihre Währungen gegenüber dem Dollar aufwerten lassen. Eine Zeitenwende.

Noch vor zwei Jahren schien es praktisch undenkbar, dass die Petrostaaten ihre Bindungen an die US-Währung aufgeben würden. Im April dieses Jahres war eine Abkehr vom Dollar immerhin schon ein Thema, wenn auch ein sehr langfristiges. Nun, ein weiteres halbes Jahr später, ist durch die beschleunigte Abwertung des Greenbacks eine enorme Eigendynamik in die Sache gekommen. Die Folgen sind noch gar nicht gänzlich absehbar.

Weitermachen wie bisher können die Öl-Ökonomien jedenfalls nicht. Wegen des hohen Ölpreises schwimmen sie im Geld, die heimische Wirtschaft ist überhitzt, die Inflationsraten liegen um die 10 Prozent, und sie steigen.

Notenbanker wie Gouverneur al-Suweidi müssten eigentlich auf einen deutlich restriktiven geldpolitischen Kurs einschwenken. Das können sie aber nicht, solange sie ihre Zinsen auf dem niedrigen US-Niveau halten müssen, um die Wechselkursbindung zu verteidigen.

Eine Aufwertung der Golf-Währungen scheint dringend geboten: Ihre Importe wickeln die Golfstaaten überwiegend mit Europa in Euro ab, was zunehmend teurer wird. Noch wichtiger: Die ausländischen Wanderarbeiter, ohne die das derzeitige Wirtschaftswunder in Wüstenstädten wie Dubai gar nicht denkbar ist, werden zunehmend unruhig. Durch die Abwertung des Dollars - und damit auch der Ölwährungen - gegenüber anderen Währungen verlieren ihre Löhne rapide an Kaufkraft.

Nach meinen aktuellen Informationen aus der Region werden die VAE und andere Ölstaaten dem Dollar zwar noch nicht den Rücken kehren, sondern erstmal ihre Währungen neubewerten. Und zwar sehr bald, möglicherweise schon in den nächsten Tagen. Es geht ihnen darum, Zeit zu gewinnen - den Inflationsdruck zu mindern, den Unmut der Wanderarbeiter zu besänftigen, die Anhäufung von überbewerteten Dollar durch Devisenmarktinterventionen zu verlangsamen.

Es wäre ein vorsichtiger Schritt in ein neues währungspolitisches Zeitalter. Noch wären die internationalen Folgen überschaubar. Es wäre kein internationales Beben, keine vollständige Abkehr vom Dollar. Noch nicht jedenfalls.

Aber wie hatte Gouverneur al-Suweidi gesagt: "Unsere Dollar-Bindung ist nicht unberührbar."

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