Sturman-Kolumne Würdige Entschädigungen nötig

Opfer von Medikamentenskandalen sind oft für ihr Leben gezeichnet. Die Entschädigungszahlungen der Unternehmen und Staaten reichen aber häufig nicht aus, um die Leiden der Patienten dauerhaft medizinisch bekämpfen zu können. Deshalb müssen schärfere Gesetze her.
Von Deborah Sturman

Die Kluft zwischen amerikanischen und deutschen Entschädigungszahlungen, die für Opfer medizinischer Desaster zur Verfügung stehen, wird enger. Die §§ 84 ff. Arzneimittelgesetz (AMG) von 1976 erhöhten den möglichen Schadensersatzanspruch, der für deutsche Opfer von fehlerhaften Medikamenten zur Verfügung steht.

Diese Bestimmungen regeln die Verantwortlichkeit für Arzneimittelschäden, die als Gefährdungshaftung ausgestaltet ist und seit der Novellierung durch das Änderungsgesetz zum Schadensersatz von 2002 besondere Beweiserleichterungen für den Kausalzusammenhang vorsieht. Die Verbesserung der Arzneimittelsicherheit und die Haftung hieraus kamen jedoch für Contergan-Opfer zu spät. Während Deutschland die Schadensersatzansprüche etwas erhöhte, sind in den USA die Ansprüche von amerikanischen Medikamentenopfern seit neuster Rechtsprechung erheblich geringer geworden.

Dieser Abwärtstrend in den USA spiegelt sich auch in dem 4,85-Milliarden-Dollar-Vergleich wider, den Merck in den letzten Wochen mit den bereits ungefähr 45.000 gerichtskundigen Opfern seines schmerzstillenden Kassenschlagers Vioxx geschlossen hat, die entweder einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten haben und jetzt mit einer Durchschnittsentschädigung in Höhe von nur 120.000 Dollar rechnen können.

Anhand der Contergan und Vioxx Beispiele scheint es, auch wenn man die Verbesserungen durch §§ 84 ff. AMG in Betracht zieht, dass keines der beiden Systeme bereit ist, den Opfern von fehlerhaften Medikamenten eine würdige Entschädigung zuzusprechen. Obwohl die zur Verfügung stehende Entschädigung weder für die deutschen Contergan-Opfer noch für die US-Opfer von Vioxx ausreicht, um die durch die Verletzungen verursachten Bedürfnisse zu decken, kommen Opfer in Deutschland noch besser weg als die Opfer in Amerika.

Das deutsche Krankenversicherungssystem leistet eine mehr oder weniger umfassende medizinische Deckung. Das amerikanische Krankenversicherungssystem schließt hingegen mehr als 40 Prozent der US-Bevölkerung aus, einschließlich derjenigen mit chronischen Krankheiten, die die Krankenversicherer als Kunden ablehnen dürfen. Eine medizinische Deckung für chronisch kranke Personen (die nicht in einem Unternehmen mit mindestens 30 Arbeitnehmern beschäftigt sind) ist in den USA nahezu unmöglich zu finden.

Zu geringe Absicherung

Zu geringe Absicherung

Auch Arbeitslosengeld steht für jeden Einzelnen nur kurze Zeit zur Verfügung (in den meisten Bundesstaaten sechs Monate), und die gezahlte Summe ist spärlich. Darüber hinaus können Arbeitgeber in den meisten Fällen Arbeitnehmer, die durch ein medizinisches Desaster verletzt werden, ohne weiteres entlassen. Infolgedessen werden in den USA Opfer von fehlerhaften Medikamenten häufig mittellos gelassen, auch wenn sie erhebliche Personenschäden erlitten haben.

Obgleich die Schwere der Contergan-Nebenwirkungen sofort nach der Geburt der geschädigten Kinder als verheerend erkennbar waren, waren die Entschädigungszahlungen, die von Grünenthal und der Regierung herausgepresst werden konnten, für deutsche Contergan-Opfer spärlich und ganz offenbar nicht ausreichend. Den 12.000 schwerstbehinderten Kinder, die von Müttern weltweit geboren wurden, die Contergan zwischen 1957 und 1961 eingenommen hatten, bevor dieses Medikament vom Markt genommen wurde, fehlen Arme und Beine. Sie haben flossenähnliche Glieder, sind taub, haben Rückgratschäden oder Nierenprobleme.

Jeder kennt die verheerenden Nebenwirkungen von Contergan - und zeigt mit dem Finger auf die pharmazeutische Industrie für diese Verheerung. Die Contergan-Schlaftabletten sollten ohne Nebenwirkungen sein, sie wurden von Ärzten auch als ein wirkungsvolles Medikament gegen die Schwangerschaftsübelkeit verschrieben. Grünenthal vermarktete Contergan als "harmloser als Zuckerwürfel", auch als es schon starke Vermutungen gab, dass Contergan verheerende Schäden verursachte. Allein 1960, drei Jahre nach der Geburt der ersten Contergan-geschädigten Kinder, wurden 20 Millionen Tabletten verkauft.

Eines, was die Contergan- und Vioxx- Geschichten klar machen, ist, dass trotz der massiven Unterschiede zwischen der Sozialpolitik der USA und Deutschland sich Entschädigungszahlungen in den beiden Ländern in einem traurigen Zustand befinden.

Jetzt hat die Contergan-Generation das späte mittlere Alter erreicht und leidet häufig unter neuen Contergan-bedingten Gesundheitsproblemen, die durch die von Grünenthal und der Regierung geleisteten Entschädigungszahlungen offenbar nicht gedeckt werden können. Die Entschädigung - für die ungefähr 2800 noch lebenden, Opfer in Deutschland - beträgt €545 pro Monat für jemanden, der ohne Beine oder Arme geboren wurde. Eine Anpassung ist ganz offenbar notwendig. Als sie geboren wurden, hatte man nicht erwartet, dass die Opfer mehr als 20 Jahre alt würden, und die Entschädigungssummen sind dementsprechend zu gering, um den Opfern durch ihr Leben zu helfen.

Gefahrenhinweise verschwiegen

Gefahrenhinweise verschwiegen

Mercks populäres, schmerzstillendes Mittel Vioxx, mit 2,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz wurde im September 2004 vom Markt genommen, nachdem eine unabhängige Studie offenbarte, was Merck längst wusste, nämlich dass Vioxx das Risiko eines Herzinfarkts und Schlaganfalles bei den Patienten verdoppelte, die Vioxx für mehr als 18 Monate einnahmen. Die Entschädigung, die diese Opfer nach dem Vergleich jetzt erwarten können, ist, wie bei den Contergan-Opfern, unzulänglich.

Dass Merck die Gefahren bewusst waren, wie auch Grünenthal spätestens 1960, und beschloss, diese Informationen für sich zu behalten, hatte kaum Einfluss auf die Entschädigung. Merck hat die Gefahren deshalb verschwiegen, weil die Patente von Mercks Kassenschlager kurz vor dem Ablaufen waren und es nur wenige, wenn überhaupt, vielversprechende Medikamente in Entwicklung hatte. Merck wollte seinen lukrativen Einkommensstrom nicht gefährden. Ähnlich erging es damals Grünenthal; es gab trotz des Verdachts der Contergan-Gefahren keinen gesetzlich zwingenden Grund, das Medikament vom Markt zu nehmen.

Da der US Supreme Court in den vergangenen Jahren die Verfügbarkeit und Höhe von Strafschäden verringerte, sind Strafschäden, die früher bei vorsätzlicher Schadenszufügung zur Verfügung standen, kaum noch durchsetzbar. Mercks Vergleich soll die bereits gerichtskundigen Körperverletzungsverfahren von US Vioxx Patienten begleichen, die einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten haben. Die Vergleichssumme beträgt etwa 120.000 Dollar pro Opfer - kaum ausreichend, um die fortwährende Behandlung zu zahlen, die notwendig ist, sie zu rehabilitieren.

Wenn diese Krisen überhaupt etwas klar machen, dann ist es, dass die Zeit gekommen ist, das gegenwärtige System zugunsten einer neuen, globalen normativen Annäherung zur Handhabung der Gefahren und der Versprechungen von neuen Medikamenten und medizinischen Technologien zu verabschieden. Allgemein vereinbarte Entschädigungssysteme sollten geschaffen werden, um den einzigartigen Gefahren von medizinischen und pharmazeutischen Erfindungen gerecht zu werden. Neue Gesetzgebungen sind unvermeidbar, wenn Unternehmen den Nutzen der neuen Medikamente erfolgreich umsetzen wollen, ohne die Patienten einem nicht annehmbaren Niveau der Gefahr auszusetzen.

Sowohl die Vioxx als auch die Contergan Fälle heben die großartige Unzulänglichkeit der vorhandenen Entschädigungssysteme hervor. Die Gesetzgeber beider Länder sollten eine pro-aktive Rolle einnehmen, um eine ausreichende Gesetzgebung hinsichtlich neuer und womöglich fehlerhafter Medikamente zur Verfügung zu stellen. Diese Systeme sollten in Betracht ziehen, dass der Umfang mancher Schäden nicht immer sofort erkennbar ist.

Eine erfolgreiche Gesetzgebung wird die Herausforderungen erkennen, die durch die neuen Medikamente und Technologien aufgeworfen werden, und sich ihnen entgegenstellen. Die Öffentlichkeit sollte in der Lage sein, Vertrauen in neue Medikamente zu haben. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn die Regierung sie formal als sicher nach einer vollständigen und transparenten Bewertung genehmigt, und verspricht, den Opfern beizustehen, wenn Fehler auftreten. Die Pharmaindustrie selbst sollte eine solche Rechtslage befürworten.

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