Bahnstreik "Lage wird immer kritischer"

Der bislang größte Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn hat am Donnerstag bundesweit zu starken Verkehrsbehinderungen geführt – nicht nur auf der Schiene. In Ostdeutschland hat die GDL den Verkehr nahezu lahmgelegt.

Berlin – In Ostdeutschland sind nach Angaben der Bahn 85 Prozent der Regionalbahnen ausgefallen. Im Westen ist die Situation für Pendler und Reisende Bahnangaben zufolge etwas besser: Dort führen etwa 50 Prozent der Regionalbahnen. Erhebliche Einschränkungen gebe es auch im S-Bahn-Verkehr.

Da viele Pendler auf das Auto auswichen, kam es am Donnerstag Morgen in vielen Ballungsgebieten zu kilometerlangen Staus. Der Berufsverkehr habe bereits um 5.30 Uhr eingesetzt, sagte ADAC-Verkehrsexperte Otto Saalmann. Rund um Ballungsräume wie Hamburg, Köln, München und im Ruhrgebiet gab es nach seinen Angaben Behinderungen und Staus. "Wir hatten 20 bis 30 Prozent mehr Verkehrsaufkommen", sagte er.

Auch der Güterverkehr kam im Osten fast zum Erliegen. Die Bahn spricht nur noch von einer "Minimalversorgung". Zudem gilt weiterhin ein "Annahmestopp von Güterzügen von und nach Ostdeutschland". Bundesweit sind laut Bahn zurzeit mehr als 40 Prozent der Güterzüge ausgefallen. Die Lage werde "immer kritischer", heißt es in einer Bahn-Mitteilung.

3070 Lokführer im Arbeitskampf

Seit 2.00 Uhr bestreikt die Lokführergewerkschaft GDL erstmals zeitgleich den Güterverkehr, den Personenfern- und den Nahverkehr. An dem Arbeitskampf beteiligten sich am Donnerstagmorgen nach Angaben der GDL bundesweit 3070 Lokführer. Das sagte GDL-Vize Claus Weselsky vor dem Frankfurter Hauptbahnhof. Die Notfahrpläne der Bahn seien ein "Offenbarungseid" und hätten nicht immer eingehalten werden können.

Die Bahn betonte dagegen, ihr Ersatzfahrplan sei "gut angelaufen", und die Züge im Nah- und Fernverkehr führen "stabil". Eine Bahn-Sprecherin räumte am Morgen aber ein, dass "vereinzelt" Züge ausfielen, die nach dem Notfahrplan hätten rollen sollen.

Streik bis Sonnabend - GDL droht

GDL droht mit unbefristetem Streik

GDL-Vize Claus Weselsky drohte der Bahn mit einem unbefristeten Streik bereits Anfang nächster Woche, sollte es in dem Tarifstreit kein verbessertes Angebot geben. "Der Kompromiss beginnt mit einem anderen Angebot. Eine schlichte Erhöhung der Arbeitszeit wird es mit uns nicht geben", sagte Weselsky.

"Am Ende des Konflikts wird es dazu führen, dass wir ein verbessertes Einkommen für Lokomotivführer und Zugbegleiter haben und verbesserte Arbeitszeiten." Anfang kommender Woche werde die GDL über ihr weiteres Vorgehen entscheiden und dabei das Prinzip der Verhältnismäßigkeit berücksichtigen. "Wir haben kein Interesse daran, dass uns irgendein deutsches Gericht die Arbeitskämpfe erneut verbietet", sagte Weselsky. Deshalb gehe die GDL sorgsam mit ihrem Streikrecht um.

Im Fernverkehr sind nach Bahnangaben etwa zwei Drittel der Züge unterwegs, "vor allem ICE-Züge, internationale Züge sowie Auto- und Nachtzüge". Besonders betroffen vom Streik im Fernverkehr seien die IC-Züge. Im S-Bahnverkehr in Stuttgart und in Frankfurt am Main fährt den Angaben zufolge etwa ein Drittel der Züge. In der Berliner Innenstadt verkehrten die S-Bahnen im 20-Minuten-Takt, in den Außenbezirken im 40-Minuten-Takt. In Hamburg ist das S-Bahn-Angebot auf 40 Prozent reduziert. "Bundesweit hat die Bahn fast 500 Busse im Schienenersatzverkehr im Einsatz."

Streik bis Sonnabend 2 Uhr

Der Streik im Fern- und Nahverkehr soll 48 Stunden lang bis zum Sonnabend um 2.00 Uhr dauern. Auch im Güterverkehr soll der Streik am Samstagmorgen enden. Die Gewerkschaft will mit den Arbeitsniederlegungen einen eigenständigen Tarifvertrag für das Fahrpersonal und bis zu 31 Prozent mehr Geld durchsetzen.

Die Bahn lehnt die GDL-Forderungen weiterhin ab. In ganzseitigen Anzeigen forderte das Unternehmen die Lokführergewerkschaft zum Ende ihrer Streiks auf. "Stoppen Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell!", steht in roten Lettern in den Donnerstagsausgaben mehrerer Zeitungen. Gewerkschaftschef Manfred Schell verweigere sich "seit Monaten jeglicher Verhandlung", kritisiert der Konzern. "Hören Sie endlich auf, ein ganzes Land zu bestreiken."

Es wird erwartet, dass auch in einer Sondersitzung des Bahn- Aufsichtsrats an diesem Donnerstag über den Tarifstreit gesprochen wird. Die Bundesregierung hatte die Gewerkschaft am Mittwoch auf ihre "hohe Verantwortung" hingewiesen und stärkte Bahnchef Hartmut Mehdorn demonstrativ den Rücken.

manager-magazin.de mit Material von dpa und ap