Tarifstreit Größter Streik der Bahn-Geschichte beginnt

Die GDL hat den umfassendsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn begonnen. Seit 12 Uhr steht der Güterverkehr still. Ab morgen folgen dann Personennahverkehr sowie der Fernverkehr.

Hamburg - Erst der Güterverkehr, dann der Personenverkehr - die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat zu bundesweiten Streiks aufgerufen, die schrittweise ausgeweitet werden sollen. Erst am Samstagmorgen wollen die Lokführer ihre Arbeit wieder aufnehmen. Mit dem Streik will die GDL den Druck auf die Deutsche Bahn erhöhen, in dem festgefahrenen Tarifkonflikt ein neues Angebot vorzulegen.

Die GDL fordert von der Bahn ein verhandlungsfähiges Angebot, das insbesondere einen eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer enthält. In Sachen Lohnerhöhung und Arbeitszeit signalisierte die Gewerkschaft Verhandlungsbereitschaft. Die Kernforderung bleibe aber ein eigenständiger Tarifvertrag. Der Bahn-Vorstand blieb bis heute Mittag jedoch hart und wollte kein neues Angebot vorlegen. Man werde sich nicht von einer kleinen Minderheit der Beschäftigten erpressen lassen, hieß es.

Sollte der Streik wie geplant ablaufen, so ruhen der Güterverkehr für 62 Stunden und der Personenverkehr für 48 Stunden. Am Samstagmorgen um 2 Uhr wollen die Lokführer in allen drei Sparten die Arbeit wieder aufnehmen. Sollte die Bahn dann immer noch kein neues Angebot vorgelegt haben, werde die Gewerkschaft dem wachsenden Ruf der Basis nach unbefristeten Streiks aber kaum noch widerstehen können, hatte GDL-Chef Manfred Schell erklärt.

Noch kein unbefristeter Streik

Noch sieht die Gewerkschaft aber von einem unbefristeten Arbeitskampf ab. Der stellvertretende GDL-Vorsitzende Claus Weselsky begründete das heute im ARD-"Morgenmagazin" mit der Möglichkeit, dass eine solche Maßnahme von einem Gericht als unverhältnismäßig untersagt werden könnte. "Wir bleiben vorerst bei befristet", sagte Weselsky.

Bahn-Manager Norbert Bensel kritisierte in der ARD, die GDL erpresse die Bahn auf dem Rücken von Pendlern. Es gehe nicht nur um Lohnerhöhungen, sondern um eine Spaltung der Belegschaft. Ein Unternehmen sei ein Sozialverbund, der zusammenarbeiten müsse. "Und eine Spaltung der Belegschaft in unterschiedliche Berufsgruppen ist nicht der richtige Weg. Das wird die Solidarität im Unternehmen zerstören. Und das kann der Bahn-Vorstand nicht zulassen."

Die Bahn kündigte an, sie wolle auf dem Arbeitskampf im Personenverkehr mit Notfahrplänen reagieren. Die Ersatzfahrpläne für Donnerstag und Freitag stehen unter www.bahn.de/aktuell zur Verfügung, außerdem wird die kostenlose Informationshotline 08000-996633 bis zum Ende des angekündigten Streiks freigeschaltet. Im Güterverkehr gilt eine Annahmesperre von und nach Ostdeutschland.

Der zuständige Vorstand Karl-Friedrich Rausch sagte, die Ersatzfahrpläne sollten zwei Drittel des normalen Personenverkehrs sichern. Auto- und Nachtzüge würden planmäßig unterwegs sein, im Nahverkehr sollten insgesamt 50 Prozent aller Züge gefahren werden. Im Osten sei aber mit einer "sehr, sehr starken Ausdünnung des Verkehrs" zu rechnen. Rausch erwartet, dass lediglich 10 bis 15 Prozent der Regionalzüge dort fahren werden.

Der Mega-Streik dürfte den öffentlichen Druck auf Bahn-Chef Hartmut Mehdorn noch steigern. Vor allem Politiker kritisieren seine unnachgiebige Verhandlungsführung. Dirk Fischer, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, hatte ihn schon vor zwei Tagen aufgefordert, die Verhandlungen mit den Lokführern zur Chefsache zu machen. Für die Zuspitzung sei der Vorstandschef selbst verantwortlich: "Herr Mehdorn muss die Konfrontation der letzten Jahre aufarbeiten, für die er ganz unmittelbar auch persönlich verantwortlich ist." Mehdorn habe die Dinge unnötigerweise zugespitzt, weil er immer nur mit den größeren Gewerkschaften gesprochen habe.

Gestern war auch ein Spitzentreffen zwischen Mehdorn und GDL-Chef Schell bekannt geworden, das zunächst geheim gehalten wurde. Einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge wollten sie Kompromisslinien ausloten. Der Gipfel der Gegner brachte allerdings keine Bewegung.

Die deutsche Wirtschaft befürchtet erhebliche Auswirkungen des Lokführerstreiks. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, sagte der "Bild"-Zeitung, Tausenden Beschäftigten drohe Kurzarbeit, weil der Nachschub für die Produktion fehle. Der Tarifkonflikt müsse zügig beigelegt werden.

manager-magazin.de mit dpa/AP/ddp/Reuters