RWE Distrigaz rückt in die Ellipse

RWE erwägt offenbar, für den belgischen Gasversorger Distrigaz zu bieten. Rund zwei Milliarden Euro müsste das Unternehmen dafür auf den Tisch legen. Das schafft RWE trotz des vorerst abgesagten Börsengangs seiner Firmentochter American Water.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Der Essener Energieriese RWE  will sich nicht drängen lassen. Bis vor einigen Monaten versuchte sich der damalige Unternehmenschef Harry Roels nicht wie die übrigen Stromgrößen Europas an teuren Übernahmen; der Preis dafür war ihm zu hoch geworden. Jetzt lässt sich der neue Firmenlenker Jürgen Grossmann nicht zum Börsengang der Firmentochter American Water drängen, weil er derzeit zu wenig Geld bringe. Kassenschonung ist bei den Essenern weiter von Bedeutung. Gelähmt ist der Konzern dennoch nicht.

Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern prüft nach Branchenmeinung den Kauf des belgischen Gasunternehmens Distrigaz. "Belgien liegt in jener geographischen Ellipse, in der RWE wirtschaftlich aktiv sein will. Und das nötige Geld für Zukäufe hat unser Unternehmen auch ohne den Verkaufserlös für American Water", sagte eine RWE-Sprecherin dazu gegenüber manager-magazin.de.

Damit dürfte RWE womöglich in Bieterkonkurrenz zu dem französischen Energiekonzern Electricité de France treten, der bereits Interesse an Destrigaz angemeldet hat. Jenes Unternehmen, dass nach dem Zusammenschluss von Suez  und Gaz de France  eigentlich dem fusionierten Riesen gehört. Suez/Gaz de France muss sich jedoch auf Druck der europäischen Wettbewerbshüter davon trennen.

Nach Meinung von Branchenexperten ist Distrigaz etwa zwei Milliarden Euro wert. Doch in den vergangenen Monaten hatten sich die Energiekonzerne im Poker über attraktive Zukäufe immer wieder überboten. Vor Monaten hatte beispielsweise der spanische Stromkonzern Iberdrola  seinen Konkurrenten Scottish Power  für einen viel höheren Milliardenpreis übernommen als Eon  ein paar Monate zuvor noch für die schottische Firma zu zahlen bereit war.

RWE vor Tarifstreit

RWE vor Tarifstreit

Der Trend setzt sich fort. Erst vor wenigen Tagen hat Gaz de France (GDF) 520 Millionen Euro für die 49,9-Prozent-Beteiligung an den Stadtwerken Leipzig geboten und damit die Interessenten Vattenfall Europe  oder EnBW ausgestochen. "GDF bezahlt eindeutig eine strategische Prämie", sagt Matthias Heck von Sal. Oppenheim.

Geld genug hat RWE. Denn das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren nicht nur seine Verschuldung abgebaut, es verdient auch ordentlich Geld. So hat RWE in den ersten neun Monaten dieses Jahres trotz eines Umsatzrückgangs seinen Gewinn deutlich gesteigert - und zwar dank eines außergewöhnlich guten Handelsergebnisses und gute Geschäften in der Stromerzeugung.

Knapper könnten die Zuwächse für RWE-Chef Grossmann in den kommenden Monaten allerdings dennoch werden, und damit womöglich auch sein Spielraum im Bieterwettstreit mit den übrigen europäischen Stromgrößen um Macht und Einfluss bei anderen Energiefirmen.

RWE sieht sich plötzlich mit hohen Lohnforderungen seiner Angestellten konfrontiert. Ein Plus von 8 Prozent linear in den Tarifgruppen fordert der stellvertretende RWE-Aufsichtsratschef und Verdi-Chef Frank Bsirske offenbar für die 35.000 Frauen und Männer, die nach dem RWE-Haustarifvertrag bezahlt werden.

Und, nach Informationen aus Verdi-Kreisen, ist Grossmann bereit den Forderungen zumindest teilweise nachzukommen - sofern der neue Tarifvertrag länger als die sonst üblichen 12 Monate gelte.