Bahn-Streik Noch herrscht Ruhe

Die deutsche Industrie rechnet nach dem Beginn des Lokführerstreiks im Güterverkehr vorerst nicht mit größeren Störungen der Produktion und Auslieferung. Selbst in den Seehäfen herrscht entspannte Ruhe - noch.

Hamburg - Soweit wie möglich seien alternative Transportmöglichkeiten und zusätzliche Lagerkapazitäten gesichert worden, hieß es am Donnerstag bei Unternehmen.

Sollte der auf 42 Stunden bis Samstag früh begrenzte Arbeitskampf in der nächsten Woche fortgesetzt werden, drohten allerdings massive Engpässe bei der Versorgung mit Material, Auslieferung von Produkten und damit auch im gesamten Im- und Export. Viele Unternehmen verfügen nur über wenige Tage Puffer.

Besonders alarmiert sind die deutschen Seehäfen. Deren Zentralverband ZDS warnte erneut vor einem massiven Streik. Von den Seehäfen werde jede dritte Tonne über die Schiene ins Land transportiert, sagte Hauptgeschäftsführer Klaus Heitmann.

Maximal könnten ein bis zwei Tage überbrückt werden. Danach würden sich Schiffe stauen und der Verkehr zusammenbrechen. Es sei völlig offen, ob Sonderfahrpläne der Deutschen Bahn und der Einsatz anderer Güterbahnen reichen werde.

Zunächst wirkte sich der Streik indes nur gering auf den Hafenbetrieb aus. Im Hamburger Hafen, wo jeder dritte Container per Bahn transportiert wird, lief der Betrieb kurz nach Beginn des Ausstands normal. "Business as usual - es sieht aus wie immer", sagte Christiane Kuhrt von der Hamburger Hafenbehörde Port Authority (HPA). "Außergewöhnliche Ereignisse wie zum Beispiel diesen Streik kann der Hamburger Hafen mit seinen Kapazitäten einen Tag lang abfedern."

Auch in Schleswig-Holsteins größtem Hafen Lübeck und im Kieler Hafen waren zunächst keine Auswirkungen zu spüren. Im Lübecker Hafen werden rund 30 Prozent des Umschlags per Bahn weitertransportiert. Die Hafenkunden hätten sich darauf vorbereitet, auf Speditionen auszuweichen, sagte ein Sprecher der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG).

"Es fängt langsam an"

"Es fängt langsam an"

"Es fängt recht langsam an", bilanzierte auch GDL-Nord-Chef Norbert Quitter wenige Stunden nach Streikbeginn. Wie viele Zugführer sich beteiligten, konnte er nicht sagen. Erste Behinderungen gab es demnach aber im Bereich des Güterrangierbahnhofes Maschen im Süden Hamburgs.

"Da sind aber nicht die Horrorszenarien erreicht, die einige entwickelt haben." Viele Kunden der Bahn hätten bereits im Vorfeld des Streiks Aufträge storniert. Quitters Stellvertreter Lutz Schreiber ergänzte: "Der wirtschaftliche Schaden für die Güterbahn Railion - früher DB Cargo - ist jetzt schon enorm hoch, weil viele Kunden abgesprungen sind." Die Lokführergewerkschaft rechnete erst am Abend mit stärkeren Auswirkungen des Streiks. Der Güterverkehr werde hauptsächlich in der Nacht abgewickelt, sagte Quitter.

Laut HPA-Sprecherin Kuhrt hatten viele Bahnkunden noch vor Streikbeginn wichtige Aufträge erledigt. "Da hatten wir ein erhöhtes Verkehrsaufkommen auf der Schiene." Neben der Bahntochter Railion operieren noch 50 andere Bahnverkehrsunternehmen im Hafen.

Etwa 25 Prozent der rund täglich 200 Güterzüge, die Fracht in und aus dem Hafen bringen, entfallen auf die Mitbewerber der Bahn. Rund 6000 Container werden täglich im Hamburger Hafen auf der Schiene bewegt. Schon am Mittwoch war bei der Port Authority eine Arbeitsgruppe zum Streik mit Vertretern der Hafenbahn und den möglicherweise betroffenen Betrieben eingesetzt worden.

Auch bei Deutschlands größter Container-Linienreederei Hapag-Lloyd zeigte man sich am Donnerstag gelassen. Es seien wegen des Streiks noch keine konkreten Schritte eingeleitet worden. "Wir warten jetzt erstmal ab, wie die Auswirkungen aussehen, alles andere wäre Kaffeesatzleserei", sagte Hapag-Lloyd-Sprecher Klaus Heims. Die Reederei habe aber Maßnahmen vorbereitet, um flexibel auf Auswirkungen im Hamburger Hafen reagieren zu können.

Eventuell Kurzarbeit bei VW

Eventuell Kurzarbeit bei VW

Deutschlands größter Autobauer Volkswagen schließt bei einem längeren Streik Kurzarbeit in den deutschen Werken nicht aus. Bei der Bundesagentur wurde dies aber noch nicht angemeldet. Ob dies nötig werde, hänge vom Verlauf des Streiks ab, sagte ein Sprecher.

Nach früheren Angaben könnte bei einem längeren Streik im Güterverkehr der Schaden bei VW täglich in die Millionen gehen. Pro Arbeitstag sind allein für VW 2000 Güterwaggons im Einsatz. Der Autohersteller Daimler befürchtet vorerst keine größeren Engpässe.

Man verlagere noch mehr Transporte auf die Straße. Bei Porsche dagegen könnte das Werk in Leipzig sehr rasch stillstehen. Die Karossen für den Geländewagen Cayenne könnten aus Bratislava nur per Bahn herbeigeschafft werden.

Der Reifenhersteller und Zulieferer Continental hat dagegen für die per Bahn transportierten Lkw-Reifen aus seinem Werk in der Slowakei einen Puffer von zehn Tagen. Chemieriese BASF hat Transportaufträge vorgezogen, Lagerkapazitäten aufgestockt und setzt mehr private Güterbahnen ein. "Wir haben mehrere Tage Puffer", sagte eine Sprecherin.

Energiekonzerne wie Vattenfall und RWE sehen zunächst ebenfalls keinen Grund zur Sorge in der Strom- und Wärmeversorgung. Der Großteil der Kohleanlieferungen für die Berliner Heizkraftwerke komme per Schiff, sagte eine Vattenfall-Sprecherin.

Außerdem habe jedes Werk Vorratshalden für ein bis zwei Monate. "Wir werden nicht im Dunklen und im Kalten sitzen." Bei RWE hieß es, sofern Kraftwerke nicht ohnehin nahe an Kohlezechen lägen, wolle die Bahn ansonsten die Versorgung sicherstellen.

Ein großer Teil der Lokführer im Güterverkehr sind Beamte und dürfen nicht streiken. Der Salzgitter-Konzern pocht unterdessen bei der Bahn auf Einhaltung ihrer Transportverträge. Der zweitgrößte deutsche Stahlhersteller bezieht Erz und Kohle per Bahn vom Hamburger Hafen. Die Vorratslager reichten nicht für eine lange Störungsperiode, sagte Konzernchef Wolfgang Leese.

manager-magazin.de mit Material von reuters und dpa

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