Starinvestor Buffett Wohin mit 50 Milliarden Dollar Cash?

Die Kreditkrise und deftige Abschläge in der Finanzbranche eröffnen Investmentguru Warren Buffett interessante Möglichkeiten. Er könne "Geld schneller ausgeben als Imelda Marcos", so der Stratege: Die Branchen für seinen nächsten Coup sind bereits eingekreist.

Der Mann muss verrückt sein. Verkauft eine der heißesten Aktien dieses Jahres, Anteile an Chinas größter Ölgesellschaft Petrochina, ohne Not. Er "bezweifele, noch einmal eine solche Aktie zu finden, die derart hohe Kursgewinne bescheren kann", hat Warren Buffett über Petrochina gesagt - und sich seit August schrittweise aus der Beteiligung verabschiedet.

Rund 1,5 Prozent am staatlich kontrollierten Gesamtkonzern hatte Warren Buffetts Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway  zeitweise gehalten. Analysten schätzen, dass Buffett seinen Einsatz mehr als versiebenfacht und einen Erlös von rund 5 Milliarden Dollar erzielt hat. Auch nach dem Ausstieg des "Orakels von Omaha" kletterten die Aktien von Petrochina weiter, das Unternehmen hat inzwischen General Electric  überholt und ist hinter Exxon Mobil  das nach Börsenwert zweitgrößte Unternehmen der Welt. Doch Buffetts Abschied ist ein Hinweis, dass die Bewertung von Petrochina inzwischen in gefährlich hohen Dimensionen angekommen ist.

Es ist nicht so, dass Buffett verkauft hat, weil er gerade klamm war. Mehr als 40 Milliarden Dollar Cash hatte seine Investmentholding Berkshire Hathaway schon vorher in der Kriegskasse - inzwischen dürften es rund 48 Milliarden Dollar sein. Die Frage ist daher nicht, warum der Star-Investor ausgerechnet jetzt Petrochina-Anteile versilbert hat. Entscheidend ist, was er mit knapp 50 Milliarden Dollar Bargeld vorhat.

"Schneller als Imelda Marcos"

Ein Festgeldkonto dürfte für den 77jährigen Investmentguru kein Anlageziel sein - obwohl es bei einer angenommenen Verzinsung von 4 Prozent knapp 5,5 Millionen Dollar Zinsen pro Tag abwerfen würde. Doch Buffetts Investmentholding Berkshire Hathaway, die ihre Investoren mit Langzeit-Jahresrenditen von mehr als 20 Prozent verwöhnt und tausende Anleger zu Millionären gemacht hat, gibt sich mit derlei Minirenditen nicht ab. Denn Buffett hat vor, Geld auszugeben.

"Ich kann schneller Geld ausgeben als Imelda Marcos - wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt", hatte er im August dem "Wall Street Journal" gesagt. Im Gegensatz zu der ehemaligen First Lady der Philippinen, die als "Shopaholic" mehr als 3000 Paar Schuhe zusammentrug, dürfte Buffett jedoch intelligenter investieren: In Unternehmen, die derzeit günstig zu haben sind und langfristig guten Gewinn versprechen.

Zeit zum Einstieg ist gekommen

Zeit zum Einstieg ist gekommen

Dass sich inzwischen knapp 50 Milliarden Dollar auf Berkshires Cashkonto angehäuft haben, hat auch mit Buffetts Investmentstrategie zu tun. Vor 30 Jahren skizzierte er seinen Anlagestil in seinem jährlichen Brief an die Anteilseigner folgendermaßen: Berkshire beteilige sich dann an einem Unternehmen, wenn es "1) Geschäfte macht, die wir verstehen; 2) langfristig tue Erfolgsaussichten hat; 3. von kompetenten und ehrlichen Managern geleitet wird; und 4. zu einem sehr attraktiven Preis erworben werden kann." Unter einem "attraktiven Preis" versteht Buffett einen Preis "unterhalb des inneren Wertes": Das Unternehmen soll künftig also einen deutlich höheren Überschuss erwirtschaften, als die aktuelle Bewertung anzeigt.

Von "sehr attraktiven Preisen" konnte während der Börsenhausse der vergangenen Jahre keine Rede sein. Private-Equity-Unternehmen und Hedgefonds, versorgt mit billigem Geld der Banken, haben während des jüngsten Übernahmebooms die Preise für Unternehmen immer höher getrieben. Geld spielte keine Rolle, denn Kredite ließen sich rasch weiterreichen oder Beteiligungen nach kurzer Zeit per "Secondary Buyout" mit Profit weiterverkaufen. Schnelles, billiges Geld, und den Letzten beißen die Hunde: Das ist kein Umfeld, in dem ein Warren Buffett gerne kauft.

Die vergangenen Jahre waren keine Einstiegsjahre für einen Investor wie Buffett, der antizyklisch in unterbewertete Aktien investiert und Schwächephasen zum günstigen Einstieg nutzt. Doch jetzt, inmitten der weltweiten Kreditkrise, könnte sich eine Gelegenheit für den "letzten aufrechten Käufer" (WSJ) ergeben.

Ritterschlag in punkto Erholungsfähigkeit

Die Kreditkrise hat die Bewertungen zahlreicher Finanzunternehmen gedrückt. Vielen Hedgefonds und "Structured Investment Vehicles" drohen Notverkäufe, weil einige ihrer Kreditpakete derzeit nicht refinanzierbar sind. Die Nervosität am Kreditmarkt ist so groß, dass sich auch für Hypothekendarlehen mit guten Sicherheiten derzeit kaum Käufer finden. Ein Rettungsfonds dreier Investmentbanken soll "fire sales" verhindern und vermeiden, dass die Preise auf Grund der aktuellen Unsicherheit noch tiefer in den Keller rutschen. Das ist ein Umfeld, in dem sich Investor wie Buffett gerne umschaut.

Buffett spricht nicht über konkrete mögliche Käufe - doch zahlreiche Finanzhäuser und Unternehmen, die im Gegensatz zu Berkshire derzeit ein Cash-Problem haben, dürften bei ihm Schlange stehen. Die Holding nimmt nicht an öffentlichen Auktionen teil - mögliche Deals werden diskret verhandelt, und die Bewerber dürften zu Zugeständnissen bereit sein. Was kann einem Unternehmen besseres passieren, als in Zeiten der Bedrängnis den Einstieg von Buffett zu melden? Doch einen solchen Ritterschlag in punkto Erholungsfähigkeit gibt es nicht umsonst: Buffett kalkuliert knallhart, und er steigt nur ein, wenn es sich lohnt.

"Echte Anlagegelegenheiten"

"Echte Anlagegelegenheiten"

Die aktuelle Schwäche im Anleihe- und Häusermarkt könnte "echte Anlagegelegenheiten" bieten, so Buffett im August gegenüber dem Sender CNBC. Der Herr über knapp 50 Milliarden Dollar Cash hat damit bestätigt, dass er, so ganz allgemein, wieder unterwegs ist.

Prompt machten Gerüchte die Runde, Buffett könnte in Kürze bei der US-Investmentbank Bear Stearns  sowie bei dem US-Hypothekenanbieter Countrywide Financial  einsteigen: Beide Unternehmen sind auf Grund der Subprime-Krise besonders stark unter Druck geraten, und bei beiden erholte sich der Aktienkurs auf Grund der Berkshire-Gerüchte deutlich.

Fest steht: Buffett hat keine Scheu vor Finanztiteln. Er schaut sich gern in dieser Branche um, wenn sie in Turbulenzen gerät.

Anfang August gab Berkshire eine Beteiligung an der Bank of America  bekannt, einem der größten Hypothekenanbieter des Landes. Schon seit Jahren ist Berkshire Hathaway an Wells Fargo, dem zweitgrößten Hypothekenanbieter der USA, beteiligt. Mit der M&T Bank zählt ein weiterer Anbieter zum Berkshire-Portfolio. Anteile an Countrywide könnten dazu passen - wenn Buffett zu der Einsicht gelangt, dass sich der größte Anbieter in diesem Segment erholen kann.

Nervosität zieht Buffett an

Hohe Nervosität in einem Markt schlägt Buffett nicht in die Flucht - sie zieht ihn an. Im zweiten Quartal dieses Jahres hat die Versicherungssparte von Berkshire Hathaway ihre Investitionen im Bereich der "Mortgage Backed Securities" auf 3,7 Milliarden Dollar verdoppelt: Während viele Investoren diesen Bereich der mit Hypotheken besicherten Anleihen derzeit weiträumig umfahren, sucht sich Buffett Anleihen heraus, die mit mindestens "AA" besichert sind und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zurückgezahlt werden. Wer jetzt die richtigen Papiere findet, kauft günstig ein.

Ein ähnlicher Coup mit Hochzinsanleihen war Buffett bereits 2002 gelungen. Inmitten des vom Energiehändler Enron und Telekomunternehmen Worldcom ausgelösten Bilanzskandals, der die Wall Street erschütterte, kaufte Berkshire so genannte "Junk Bonds" ausgesuchter Unternehmen aus der Energie- und Telekombranche. Bis Ende 2003 bescherten diese Papiere der Holding einen Gewinn von 13 Prozent oder rund 1,1 Milliarden Dollar. Im Jahr 1991, als ein Skandal die US-Investmentbank Salomon Brothers erschütterte, stieg Buffett sogar kurzzeitig als CEO ein - und brachte Salomon wieder zurück in ruhigere Gewässer.

Eine der profitabelsten Sparten der Investmentholding ist Berkshires Versicherungssparte, zu der unter anderem die Versicherer Geico und General Re gehören. Diese Sparte gehört zum Kerngeschäft des Meisters - nicht weil er gerne Risiken eingeht, sondern weil er den Preis eines Risikos akribisch kalkuliert, sagt einer seiner möglichen Nachfolger, Richard Santulli.

Doch auch abseits des gebeutelten Finanzsektors könnte Buffett in Kürze lohnende Ziele aufspüren. Ein Spielfeld für Investoren mit viel Cash ist der derzeit stockende M&A-Markt: Die Übernahme des Versorgungsunternehmens Texas Power Company (TXU) durch den Private-Equity-Konzern KKR zum Beispiel ist ins Stocken geraten, weil die beteiligten Investmentbanken ihre Milliardenkredite nicht wie geplant weiterreichen konnten. Buffett, der bereits vor Jahren Anteile des Versorgers Midamerican Energy Holdings gekauft hat, könnte bei einem "sehr attraktiven Preis" einsteigen: Wer jahrelang Cash angehäuft hat, kann jetzt von der Vollbremsung des M&A-Marktes profitieren.

Wenn das Risiko schwindet

Wenn das Risiko schwindet

"Wenn Sie verstehen, was eine Firma macht, und zu einem vernünftigen Kurs einsteigen, gibt es kein Risiko", lautet einer von Buffetts gern zitierten Lehrsätzen.

Im Spätsommer hat der Investmentstratege außerdem seine Beteiligung an der Eisenbahnlinie Burlington Northern Santa Fe von 11 auf 15 Prozent aufgestockt, da sich die Bewertung seit seinem Einstieg im April nochmals verbilligt hat.

"Wir sind überzeugt, dass sich die Wettbewerbsposition der Eisenbahn inzwischen verbessert hat", schrieb Buffett in diesem Jahr im Aktionärsbrief. Der steigende Ölpreis dürfte mit dafür sorgen, dass auch in den USA künftig mehr Güter von der Straße auf die Schiene verlagert werden.

"Ich bin derzeit beliebter als vor einigen Monaten", sagt Buffett. Die Berkshire-Holding, zu der rund 70 Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen im Wert von geschätzten 80 Milliarden Dollar, Anleihen im Wert von rund 25 Milliarden Dollar sowie knapp 50 Milliarden Dollar Barreserven gehören, könnte schon bald wieder Zukäufe melden.

"Beliebter als vor Monaten"

Möglich, dass Buffett bei dieser Gelegenheit auch die Fähigkeiten eines seiner potenziellen Nachfolger testet, die nach seinem Jobprofil "weit mehr als Intelligenz" aufbringen müssen. Sie brauchen Geduld, wie sie Buffett in den vergangenen Jahren bewiesen hat, und Mut zum Investieren, wenn der rechte Moment gekommen ist.

Weitsicht gehört auch dazu. Bereits vor 3 Jahren hatte Buffett die damals hoch gepriesenen Kreditderivate als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" gebrandmarkt. Im Sommer 2007 haben die "Collateralized Debt Obligations" und ähnliche Kreditverteiligungspakete schon mal angedeutet, welchen Schaden sie anrichten können.

In welche Unternehmen Berkshire bald konkret einsteigen wird, gehört derzeit zu den Lieblingsspielen der Spekulanten. Die Mehrzahl der Anleger bleibt da lieber auf der sicheren Seite und investiert gleich direkt in Buffetts Investmentholding: Seit August, als die Auswirkungen der Kreditkrise die Börse weltweit gehörig durchrüttelten, ist das Papier von Berkshire Hathaway  um mehr als 10 Prozent gestiegen.

Derzeit kostet eine Berkshire-Aktie rund 128.000 Dollar - eine Wette darauf, dass Buffett weiß, wohin mit all dem Cash.

Nachfolge: Buffett bietet mehr als Geld

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