Bahnstreik Hälfte der Züge fällt aus

In der Nacht zu Donnerstag legen die Lokführer die Arbeit nieder, 30 Stunden lang. Vor allem im Osten, in München und Berlin müssen die Reisenden mit Verspätungen rechnen. Die Bahn will mit Notfallplänen das Chaos verhindern - darf nach einer Gerichtsentscheidung aber keine streikwilligen Lokführer mehr einteilen.

Berlin - Trotz des Streiks der Lokführergewerkschaft GDL will die Bahn morgen und am Freitag mindestens die Hälfte der Nahverkehrszüge fahren lassen - die andere Hälfte fällt demnach aus. Entsprechende Notfall-Fahrpläne legte der Konzern am Donnerstag vor. Ein Sprecher sagte allerdings, dass es trotzdem zu spürbaren Verspätungen kommen werde.

Die Bahn erwartet nach eigenen Angaben, dass von den Arbeitsniederlegungen vor allem die ostdeutschen Bundesländer sowie der S-Bahn-Verkehr in München und Berlin betroffen sind. Im Osten werden wohl nur 20 Prozent aller Regional- und Nahverkehrszüge verkehren, weil dort besonders viele Lokführer in der GDL organisiert sind, sagte Bahn-Personenverkehrsvorstand Karl-Friedrich Rausch. Auch in München sollen aus diesem Grund nur etwa 30 Prozent aller S-Bahnen fahren. Im Westen dagegen will die Bahn zwischen 70 und 80 Prozent der Leistungen nach einem reduzierten Fahrplan erbringen. Die S-Bahnen in Hamburg und Berlin sollen möglichst zumindest im 20-Minuten-Takt fahren.

Ab Freitagmorgen sollen Regionalzüge und S-Bahnen nach und nach wieder im normalen Fahrplan verkehren - um 8 Uhr endet der Streik der GDL. Zu Verspätungen wird es laut Bahn aber noch bis zum Abend kommen. Am Wochenende solle der Verkehr wieder normal laufen, sagte ein Unternehmenssprecher.

Die Ersatzfahrpläne für die einzelnen Bundesländer wurden von der Bahn im Internet unter www.bahn.de/aktuell  veröffentlicht. Reisende können sich außerdem über die kostenlose Telefonnummer 08000-996633 erkundigen, welche Züge fahren. Wer an einem Streiktag wegen Zugausfällen oder Verspätungen seine Reise gar nicht erst antritt, kann den Fahrschein laut Bahn bis Ende Oktober umtauschen oder sich den Fahrpreis erstatten lassen. Auch Zeitkarten der Deutschen Bahn sollen anteilig erstattet werden, sofern der Geltungsbereich von Streiks betroffen ist. Gebühren werden nach Auskunft eines Sprechers nicht erhoben.

Schell greift Suckale an

Eine rasche Einigung der Tarifparteien wird indes immer unwahrscheinlicher - zumindest wenn man nach dem Tonfall der Protagonisten geht. Diese melden sich inzwischen in der Öffentlichkeit eher mit persönlichen Angriffen gegen den jeweils anderen zu Wort als mit konstruktiven Vorschlägen. So forderte GDL-Chef Manfred Schell Bahn-Personalvorstand Margret Suckale heute zum Rücktritt auf, weil sie die Bevölkerung für dumm verkaufe.

Die GDL werde sich durch einen Tarifvertrag, der das Wort eigenständig nicht verdiene, nicht tarifpolitisch kastrieren lassen, sagte der Gewerkschaftsführer. Die Bahn müsse endlich ein substanzielles Angebot vorlegen, das einen eigenständigen Tarifvertrag über Entgelt und Arbeitszeit umfasse. "Sollte Frau Suckale jedoch von der Richtigkeit ihres bisherigen Angebots überzeugt sein, sollte sie ihr Amt unverzüglich zur Verfügung stellen", verlangte Schell.

Bahn darf Streikwillige nicht einteilen

Gericht entscheidet gegen Bahn

Suckale hatte zuvor verärgert verlangt, Schell solle seine Kur abbrechen und an den Verhandlungstisch zurückkehren. Die Bahn-Managerin berief sich auf ein Angebot von Schell, wonach man generell zu Gesprächen über Lohnsteigerungen über mehrere Jahre hinweg bereit sei und er für ernsthafte Verhandlungen seine Kur abbrechen würde. "Jetzt lassen Sie Ihren Worten auch Taten folgen, kommen Sie an den Verhandlungstisch, Herr Schell, wir warten", sagte Suckale.

Bei einem anderen Thema errang die GDL heute einen ersten Sieg über die Bahn. Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg erließ am Abend eine Einstweilige Verfügung, der zufolge die Bahn streikwillige Arbeitnehmer nicht kurzfristig in Dienste für Ersatzfahrpläne einteilen darf. Ausnahmen seien nur möglich, wenn es um eine Störung des Bahnverkehrs gehe oder um die Beförderung mobilitätsbehinderter Personen, hieß es. Die Eilentscheidung gilt nur bis zum Ende des bevorstehenden Streiks am Freitag.

Zustimmung in der Bevölkerung schwindet

In der Auseinandersetzung geht es darum, ob und unter welchen Bedingungen Bahnmitarbeiter während eines Streiks zu Notdiensten herangezogen werden können. Der Konzern vertritt den Standpunkt, dies dann tun zu können, wenn anders eine Grundversorgung nicht sicherzustellen sei. Die Gewerkschaft zog dagegen vor Gericht, weil sie dieses Vorgehen der Bahn für rechtswidrig hält. Das Arbeitsgericht Berlin hatte am 12. Oktober in erster Instanz den Unterlassungsantrag der GDL zurückgewiesen. Vor dem Landesarbeitsgericht wurde am Mittwoch die Berufung verhandelt.

Nach drei Streiks binnen zwei Wochen schwindet die Zustimmung in der Bevölkerung für den Arbeitskampf der Lokführer. In einer vorab veröffentlichten Umfrage für das Magazin "Stern" sagten 45 Prozent der Befragten, sie fänden die Aktionen der Lokführergewerkschaft GDL richtig. 50 Prozent halten die Streiks demnach für falsch. Anfang Oktober, nach dem ersten, nur dreistündigen Streik der GDL, hatte die Unterstützung für die Lokführer noch bei 55 Prozent gelegen. Die GDL kämpft für einen eigenständigen Tarifvertrag und höhere Löhne für die Lokführer. Die Bahn lehnt den separaten Tarifvertrag strikt ab.

manager-magazin.de mit Material von Nachrichtenagenturen

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.