Kommentar Ferdinand Piëch - unkalkulierbar und unerreicht

Der Fall des VW-Gesetzes ist nur ein kleiner Baustein im genialen Masterplan des Ferdinand Piëch: Volkswagen gehört bald der Familie Porsche/Piëch. Dann kann der Österreicher mit Deutschlands größtem Autobauer machen, was er will.
Von Andreas Nölting

Womöglich sitzt Ferdinand Piëch gerade entspannt auf der Terrasse seines Hauses am Wörthersee. Das Handy vibriert. Sein Büro berichtet vom Brüsseler Richterspruch. Piëch legt auf und grinst – ganz kurz.

Kein Anlass für Gefühlsausbrüche. Was dem ausgebufften Konzernschmied da gerade mitgeteilt wird, hat er längst einkalkuliert. Der 70-Jährige denkt strategisch und langfristig. Er analysiert die Welt in Dekaden. Ihn nervt das kurzfristige Quartalsdenken der Börsen, die modischen Fragen der schnöseligen Analysten, das Getue auf den Hauptversammlungen.

Der Asket bleibt bei Wasser, kein Anlass für Champagner. Der Fall des VW-Gesetzes ist nur ein kleiner Baustein im genialen Masterplan des Ferdinand Piëch: Längst bastelt er an einem neuen Firmenkonstrukt, das Volkswagen , Porsche , MAN  und Scania  vereint. Vom schlichten VW Fox, über den 1001-PS-Bugatti bis zum schweren Lastwagen – so sieht Piëchs Autowelt in den Skizzen aus.

Knapp 31 Prozent der VW-Aktien hat Piëch bereits. Nun wird er das Paket weiter aufstocken. So nimmt der Stratege Volkswagen zu mehr als der Hälfte von der Börse und privatisiert einen der weltweit größten Autobauer unter dem Dach einer kleinen Familienholding, die für ihre Verschwiegenheit und Intransparenz bekannt ist.

Die Gewerkschaften haben Piëch dafür einst gefeiert. Er entziehe Volkswagen den Klauen des Kapitalmarkts, bevor Heuschrecken aus New York oder Shanghai zugreifen, hofften sie. Doch Volkswagen gehört bald einer Familie – wie BMW den Quandts oder Metro den Haniels. Das Ergebnis: Der Österreicher Piech kann mit Deutschlands größtem Autobauer machen was er will, Piëch selber wird zu einer monströsen Heuschrecke.

Wie ausgebufft Piëch dabei zum Ziel kommt, ist im Vergleich zu den Leistungen anderer deutscher Konzernlenker – etwa eines Jürgen Schrempp – schon erstaunlich. Piëch spielt offenbar in einer anderen Liga, er ist in der Riege der Topmanager ein Außenseiter geblieben und kein verdientes Mitglied der etablierten Deutschland AG . Ein Piëch spricht mit dem schwedischen Wallenberg-Clan und eben nicht mit Herrn Müller von der Commerzbank. Er ist, so scheint es, der ausgebuffteste und coolste Manager dieses Landes.

Das andere Gesicht des Patriarchen

Wenn da nicht das andere Gesicht des Ferdinand Piëch wäre. Er ist unkalkulierbar, unberechenbar und widersprüchlich. Piëch meidet die Öffentlichkeit und streitet sich dann juristisch mit der "Wirtschaftswoche" über die Art der Elefanten auf seinem Schlips und die Zahl seiner Kinder.

Piëch spielt sie alle aus. Erst lässt er die Gewerkschafter und Betriebsräte bei Volkswagen umgarnen und gibt sich als Freund der Arbeitnehmerinteressen. Dann beschränkt er die betriebliche Mitbestimmung und die Zahl der Arbeitnehmervertreter, indem er für die Porsche-Holding elegant eine neue Rechtsform wählt: die "Europa AG".

Und selbst die Proteste führender Kapitalmarktexperten und die Regeln guter Corporate Governance scheinen ihm egal zu sein. Piëch hat einen deutlichen Interessenkonflikt. Er zieht in den Aufsichtsgremien bei VW und Porsche die Fäden. Er schützt Volkswagen nicht vor einer Übernahme, sondern bereitet diese vor – durch sich und seine Familie und zwar zu Bedingungen, die Porsche diktiert.

Ob der heutige Tag ein guter für Volkswagen ist, wird sich erst zeigen. Ein Verlierer, das ist jetzt schon gewiss, ist das Land Niedersachen. Der Einfluss der Politik auf den Erhalt der niedersächsischen Standorte sinkt dramatisch. Piëch wird die Produktion einfach verlagern, wenn die Arbeitskosten zu teuer werden, da kann Ministerpräsident Christian Wulff aufjaulen, wie er will.

Und auch die Konzernbeschäftigten können sich nur für eine überschaubare Zeit sicher fühlen. VW wird künftig unter der Porsche-Holding eingesperrt, und es stellt sich die Frage, ob die Porsches auch in rauen Zeiten an ihrer Wolfsburger Tochter festhalten. Kann die Familienfirma den 15-mal größeren Weltkonzern tatsächlich stemmen?

Schon gibt es Stimmen, die hinter der Hand das schlimmste Szenario diskutieren: Die Weltkonjunktur bricht ein, der Autoabsatz sackt zusammen, der überdimensionierte Volkswagen-Konzern rutscht wieder tief in die roten Zahlen.

Würden die Porsches dann ihrer Not leidenden Tochter mit Milliarden unter die Arme greifen?

Wohl kaum. Dann käme der letzte Auftritt des Ferdinand Piëch: Er würde sein Privateigentum sezieren, Teile wieder an die Börse bringen oder an Finanzinvestoren verkaufen und – natürlich – wieder einmal ein Milliardengeschäft machen.

Es ist zu hoffen, dass es anders kommt.

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