Untreuevorwurf Sengera muss vor Gericht

Der ehemalige WestLB-Chef Jürgen Sengera wird unter dem Verdacht der schweren Untreue in Düsseldorf vor Gericht gestellt. Das Landgericht hat die Anklage der Staatsanwaltschaft in vollem Umfang zugelassen, sagte eine Sprecherin des Gerichts.

Düsseldorf - Die Ankläger werfen dem früheren Spitzenmanager vor, für einen Schaden von 427 Millionen Euro im Zusammenhang mit einem geplatzten Kredit an den britischen Fernseherverleiher Boxclever verantwortlich zu sein. Sengera führte die damals fünftgrößte deutsche Bank von 2001 bis Mitte 2003.

Er soll 1999 als Vorstandsmitglied für Spezialfinanzierungen die Bewilligung des 1,35 Milliarden Euro schweren Boxclever-Kredits ohne ausreichende Risikoprüfung zu verantworten haben. Boxclever war mit der Geschäftsidee gescheitert, Elektrogeräte wie Fernseher an die Kunden zu vermieten.

Das Boxclever-Engagement geht auf die Londoner Investmentbankerin Robin Saunders zurück. Gegen sie wurde wegen Beihilfe zur Untreue ermittelt. Saunders erklärte sich zur Zahlung von einer Million Euro bereit, im Gegenzug wurde das Verfahren eingestellt. Zwei weitere damalige Mitarbeiter der WestLB-Niederlassung in London müssen 270.000 Euro und 90.000 Euro zahlen.

Die WestLB hatte in den Jahren 2002 und 2003 insgesamt rund 3,6 Milliarden Euro Verlust verbuchen müssen. Boxclever gilt dabei als das verheerendste Kreditgeschäft der ehemaligen Landesbank. Nachdem die Bankenaufsicht BaFin nach einer Prüfung des Geschäfts "Zweifel an der fachlichen Eignung und Zuverlässigkeit der zuständigen Vorstandsmitglieder" geäußert hatte, trat Sengera am 23. Juni 2003 zurück.

Die Finanzaufsicht hatte dem Management 2003 gravierende Mängel attestiert und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Risikokontrolle sei unzureichend gewesen und habe wegen organisatorischer Defizite nicht gegriffen. Zudem sei der Kreditausschuss vom Vorstand in wesentlichen Teilen über das Boxclever-Geschäft unzutreffend informiert worden.

Der frühere Handball-Nationaltorhüter Sengera hatte den Vorsitz im Vorstand 2001 von Friedel Neuber übernommen. Sengeras Verteidiger Christian Richter und Eberhard Kempf warfen dem Gericht am Montag vor, das rechtliche Gehör der Verteidiger verletzt zu haben. So habe die Verteidigung im Zwischenverfahren Auskünfte der Staatsanwaltschaft erbeten. Als diese eintrafen, habe das Gericht drei Tage später das Hauptverfahren eröffnet, ohne die Stellungnahme der Verteidigung zu den neuen Auskünften abzuwarten.

Verteidiger sehen Prozess "gelassen" entgegen

Der WestLB-Vorstand habe dem Kredit einstimmig zugestimmt – bei gleichem Wissensstand. Deswegen sei es willkürlich, nur Sengera strafrechtlich zu verfolgen. Sengera habe es deshalb abgelehnt, einen Strafbefehl zu akzeptieren. Dem Strafprozess sähen er und seine Verteidiger "gelassen und zuversichtlich entgegen".

Den Prozess wird Richterin Brigitte Koppenhöfer führen, die schon den Mannesmann-Prozess in erster Instanz geleitet hatte. Rechtsanwalt Eberhard Kempf hatte damals Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verteidigt. Ein Termin für den Beginn der Hauptverhandlung steht noch nicht fest.

manager-magazin.de mit Material von dpa