Kommentar Keine Journalisten, bitte

Dem EADS-Konzern ist es auf der Hauptversammlung nicht gelungen, das Vertrauen der Kleinaktionäre zurück zu gewinnen. Die Insideraffäre erhitzt die Gemüter der Anteilseigner - doch kritische Fragen sind unerwünscht. Durch die Heimlichtuerei werden die jüngsten Erfolge des Managements überschattet.

"100 Prozent Transparenz, das ist eine große Errungenschaft", feierte EADS-Chef Louis Gallois den heute beschlossenen Umbau der Konzernspitze. Und in der Tat: Der Luft- und Raumfahrtkonzern macht mit der Abschaffung der überflüssigen Doppelspitzen in Vorstand und Verwaltungsrat einen großen Schritt in die richtige Richtung. Das erkennen auch Aktionärsschützer an.

Der Konzern soll künftig nach marktwirtschaftlichen Kriterien geführt werden, weniger nach nationalen Interessen und Egoismen. "Die Führung war bislang geteilt in zwei Lager - ein deutsches und ein französisches", sagt EADS-Primus Gallois. Das soll sich jetzt ändern. Doch bis zur vollständigen Transparenz ist es noch ein weiter Weg.

Dass Journalisten von der Hauptversammlung ausgesperrt werden und die gesamte Veranstaltung nur über Leinwand verfolgen können, ist zumindest ungewöhnlich. Dadurch war es für Pressevertreter nicht möglich, die Stimmungslage hautnah mitzuerleben. Doch gerade das ist bei Hauptversammlungen - die seltene Chance der Aktionäre, ihrem Ärger Luft zu machen - essentiell.

Als Grund für den Ausschluss wurden "organisatorische Gründe" genannt. Das lässt zwei mögliche Schlüsse zu. Erstens: Der EADS-Konzern sieht sich tatsächlich außerstande, die Anwesenheit von knapp zwei Dutzend Pressevertretern organisatorisch zu meistern. Das wäre erstaunlich. Zweitens: Das EADS-Management bemüht sich, dass die Journaille nicht allzu viel von der Wut der Aktionäre mitbekommt. Das wäre töricht - der Unmut war selbst auf den flimmerigen Videoleinwänden noch zu spüren.

In einem Punkt muss man dem Topmanagement zustimmen: Jeder Beschuldigte hat das Recht auf ein angemessenes Verfahren. Offizielle Ermittlungsergebnisse sind also erst einmal abzuwarten. Einzelne Manager vorzeitig zu geißeln wäre problematisch - zumal die Zwischenresultate der Börsenaufsicht offenbar nur aufgrund gezielter Indiskretionen an die Öffentlichkeit gelangt sind.

Fragen müssen erlaubt sein

Doch mit seiner Heimlichtuerei trägt das EADS-Management nicht gerade zur Vertrauensbildung bei - und überschattet die Erfolge, die der Konzern in den vergangenen Monaten erzielt hat. Beispiel A380: Das Großraumflugzeug sei "ein bahnbrechendes Projekt", schwärmt Chairman Rüdiger Grube, "sowohl für das Unternehmen als auch den weltweiten Flugverkehr." Doch diese Botschaft droht aufgefressen zu werden vom Misstrauen der Aktionäre.

Wieso werden sie aufgefordert, keine Fragen zur Insideraffäre zu stellen? Der Verweis auf die strikte Einhaltung der Tagesordnung erscheint unbefriedigend. Gerade angesichts der Massivität der Anschuldigungen. "Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das einer der größten Insiderskandale in Europa", sagte Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) unlängst im Gespräch mit manager-magazin.de. "Man kann sich nicht vorstellen, dass die Resultate der französischen Börsenaufsicht völlig aus der Luft gegriffen sind."

Natürlich ist es genau dieser Bericht, der die Gemüter der Anteilseigner derzeit am meisten erhitzt. Fragen müssen erlaubt sein - Unschuldsvermutung hin oder her. Warum sonst sollten Kleinaktionäre aus Frankreich oder Deutschland Hunderte von Kilometern nach Amsterdam reisen? Nur um die Zusammensetzung des neuen Verwaltungsrats abzunicken? Dies müssten die Anteilseigner als Farce empfinden. Zumal sich die meisten Kandidaten für den Verwaltungsrat nicht einmal die Mühe der Anreise gemacht haben.

Nächste Frage: Wie ernst nehmen solche Vertreter ihr Aufsichtsmandat? Möglicherweise hatten abwesende Manager wie der Stahlmagnat Lakshmi Mittal wirklich plausible Gründe für ihr Fernbleiben. Aber: EADS braucht mehr denn je starke Aufsichtsräte. Ob die Insidervorwürfe nun haltbar sind oder nicht. Künftige Verwaltungsräte erscheinen nicht einmal zu ihrer eigenen Wahl - das Signal ist irritierend.

In Zeiten der Siemens-Affäre wird die Forderung nach Transparenz und Aufklärung in weltweit agierenden Industriekonzernen immer lauter. Da verwundert es auch, dass selbst EADS-Kenner nicht wissen, wer im Konzern eigentlich für Compliance zuständig ist - also für Korruptionsbekämpfung und gute Unternehmensführung. Antwort: Es ist Hans Peter Ring, EADS-Finanzchef, Airbus-Finanzchef und Chief Compliance Officer in Personalunion. Noch Fragen? 100 Prozent Transparenz sieht jedenfalls anders aus.