EADS-HV Insider-Versammlung

Bei der außerordentlichen Hauptversammlung zum Konzernumbau schien EADS um größtmögliche Intransparenz bemüht. Journalisten mussten draußen bleiben. Aktionäre durften keine Fragen zur Insideraffäre beim Luft- und Raumfahrtkonzern stellen. Trotz der Einschränkungen: Mehrere Anteilseigner rechneten mit dem Topmanagement ab.

Amsterdam - Um 10.31 Uhr erklimmen zwei schattenhafte Personen die Bühne im Großen Ballsaal des Okura-Hotels in Amsterdam. Ein Großer mit Glatze, und ein Grauhaariger mit dunkelblauer Krawatte. Mutmaßlich handelt es sich dabei um EADS-Chef Louis Gallois und Verwaltungsratschef Rüdiger Grube. Mit letzter Gewissheit lässt sich das aber nicht sagen, dazu ist die Videoübertragung zur außerordentlichen Hauptversammlung zu schlecht. Journalisten dürfen das Ereignis nur über Leinwand verfolgen. Aus organisatorischen Gründen, so heißt es.

Um 10.39 die nächste große Überraschung. Eine Sekretärin verkündet, es würden ausschließlich Fragen zur Tagesordnung zugelassen. Sprich: Aktionäre dürfen im Prinzip nur Antworten zur Neuwahl des Verwaltungsrats (Board of Directors) einfordern. Zu den Vorwürfen um angebliche Insidergeschäfte mehrerer EADS-Manager will die Konzernspitze am liebsten gar keine Stellung beziehen. Doch von dieser erstaunlichen Einschränkung lassen sich die Aktionäre nicht beirren - kaum jemand, der keine Frage zu diesem Thema stellt.

Erst beim Mittagsbuffet, am Ende der Veranstaltung, dürfen Journalisten noch kurz mit den Aktionären plaudern. Notizblöcke sind allerdings unerwünscht. Mit etwas Glück trifft man sogar Louis Gallois - und merkt sich einfach dessen Aussage: "Wir warten jetzt den Bericht der Börsenaufsicht AMF ab", sagt Gallois gegenüber manager-magazin.de. Den vielzitierten Zwischenbericht, der mehrere EADS-Topmanager offenbar schwer belastet, habe er bislang nicht zu Gesicht bekommen. Auszüge habe er nur aus der Presse entnommen.

Derzeit prüft die französischen Börsenaufsicht, ob EADS- und Airbus-Manager schon von den massiven Verspätungen des Großraumjets A380 wussten, als sie Aktienoptionen ausübten - und ob der Konzern die Öffentlichkeit im Juni 2006 rechtzeitig über die Lieferprobleme informierte. Auf der Hauptversammlung berufen sich die anwesenden Manager auf laufende Verfahren. Bis zu deren Abschluss gelte die Unschuldsvermutung.

"Kann der Verwaltungsrat überhaupt funktionieren?"

"Es geht heute darum, ob wir den Menschen, die dieses Unternehmen führen, überhaupt noch vertrauen können", sagt ein Vertreter des holländischen Aktionärsverbandes VEB. "Kann der Verwaltungsrat nach diesen Anschuldigungen überhaupt funktionieren?" Der Anlegervertreter erhält für diese Frage Applaus - und legt nach: Wäre es nicht denkbar, dass die Beschuldigten schon bald ihren Hut nehmen müssen - und möglicherweise auch noch satte Abfindungen mitnehmen? Unvergessen ist die millionenschwere Abschiedszahlung an den ehemaligen EADS-Co-Chef Noël Forgeard, gegen den ebenfalls Ermittlungen laufen.

"Ich möchte betonen, dass die Börsenaufsichtsbehörde noch nicht zu einem abschließenden Urteil gelangt ist", sagt EADS-Chairman Rüdiger Grube in seiner Eingangsrede. "EADS ist davon überzeugt, dass alle finanziellen Mitteilungen den strengen Kapitalmarktregeln entsprochen haben." Es werde aber "noch eine gewisse Zeit dauern", bis die Angelegenheit aufgeklärt sei. Offenbar geht Grube von weiteren Negativmeldungen für EADS aus: "Es kann weiterhin zu entsprechenden Berichten in der Presse kommen", so der Verwaltungsratschef, "das bedauere ich schon jetzt."

Mit solchen Aussagen geben sich die Aktionäre nicht zufrieden. Ein Aktionärsvertreter spricht den Chairman direkt an: "Herr Grube, können Sie für alle Ihre Kollegen im Verwaltungsrat die Hand ins Feuer legen? Bitte antworten Sie mir direkt. Ja oder Nein genügt." Grube lächelt, sichtlich verunsichert - und schweigt. Die Antwort reicht er eine gute halbe Stunde später nach: "Ich habe keinerlei Anlass, die Integrität der Mitglieder anzuzweifeln."

EADS-Vertreter reagieren dünnhäutig

Verwaltungsrat Lagardère weist Verdacht zurück

Einige Aktionäre haben EADS wegen der Insidervorwürfe bereits verklagt. Einer der beteiligten Aktionäre ist sich sicher: "Die Informationen der Börsenaufsicht AMF sind keine Erfindung, sie sind Realität." Auf solche Aussagen reagieren manche EADS-Vertreter sehr dünnhäutig.

"Damit gehen Sie zu weit", blafft Arnaud Lagardère, Chef des gleichnamigen Medienkonzerns und Mitglied des Verwaltungsrats. "Sie können nicht Zivilkläger sein und gleichzeitig wie ein Staatsanwalt auftreten."

Die Bitte eines Aktionärs, Lagardère solle sich bis zur Aufklärung der Vorwürfe aus dem Verwaltungsrat zurückziehen, beantwortet der Angesprochene knapp: "So lange das Unternehmen Lagardère Hauptaktionär von EADS  ist, werde ich bleiben." Das klingt wie eine Drohung.

Jegliche Gesetzesverstöße weist der Franzose weit von sich und seinem Unternehmen. Die Anteilsverkäufe des Lagardère-Konzerns im April 2006 seien bereits im Juni 2005 angekündigt worden. "Damals machte die EADS-Beteiligung 40 Prozent des gesamten Lagardère-Wertes aus. Das war einfach nicht mehr tragbar."

Erneute Personalrochade für 2012 geplant

Der umstrittene Unternehmenschef agiert mehrfach patzig und ungeschickt. Fragen französischer Aktionäre beantwortet er auf Französisch - obwohl die Veranstaltung eigentlich auf Englisch abgehalten wird. "Aus Höflichkeit", betont Lagardère, "ich kann nicht anders." Zum vorerst letzten Mal tritt der Franzose heute als Co-Chef des Verwaltungsrats auf - künftig wird Grube dieses Amt alleine ausüben. Für 2012 ist allerdings die nächste Personalrochade geplant. Dann soll Lagardère wieder an die Spitze des Aufsichtsgremiums rücken.

Die fünfjährige Amtszeit erscheint mehreren Aktionären als zu lang. Außerdem kritisieren sie, dass die meisten der künftigen Mitglieder des Verwaltungsrats nicht zur HV erschienen sind. Auch der schillernde indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal nicht. Das liege an der kurzfristigen Planung der Hauptversammlung, lautet die offizielle Entschuldigung.

"Wir sollen Mitglieder ins Board wählen, die nicht anwesend sind und sich nicht vorgestellt haben", wundert sich ein Aktionär. Ein anderer schimpft: "Wie sollen die Verwaltungsräte ihrer Aufgabe ernsthaft nachkommen, wenn sie nicht einmal genügend Zeit für eine Eingangsrede haben."

Die Veranstaltung endet, wie Hauptversammlungen eben enden. Kleinaktionäre haben ihrem Ärger Luft gemacht - doch am Abstimmungsergebnis ändert ihre Wut rein gar nichts. Zu viel Macht genießen die beiden Aktionärsblöcke Daimler und Sogeade (Lagardère und der französische Staat), als dass Einzelne irgendetwas ausrichten könnten. Alle Board-Mitglieder werden mit deutlich mehr als 90 Prozent gewählt.

Immerhin: Der künftige Alleinherrscher im Verwaltungsrat, Rüdiger Grube, bleibt bis zum Schluss konsequent. Auch die Fragen deutscher Aktionäre beantwortet er auf Englisch. Vermutlich aus Höflichkeit.

Kommentar: Keine Journalisten, bitte

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