Aktienmarkt Verdrehte Logik

Der Ölpreis steigt erstmals über die Marke von 90 Dollar. Auch Euro und Gold gewinnen stetig an Wert. Und die Aktienkurse? Steigen auch. Die Börse folgt derzeit einer verdrehten Logik: Demnach sind nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten.

Hamburg - Ausnahmen bestätigen die Regel? Die Börse liefert derzeit den Beweis, dass alte Börsenregeln, so sinnvoll sie auch klingen, manchmal schlicht ignoriert werden.

Eine dieser Regeln besagt, dass ein rasch steigender Ölpreis  die Konjunktur und damit auch den Aktienmarkt abwürgt. Am Freitag stieg der Preis für US-Leichtöl über die Marke von 90 Dollar pro Barrel - ein Plus von 13 Prozent innerhalb von zwei Wochen. Zur Erinnerung: Als der Ölpreis im Sommer 1990 in Folge der irakischen Invasion in Kuweit auf 30 Dollar pro Barrel stieg, sackten die Märkte deutlich ab.

Die nächste Regel lautet, dass ein steigender Euro  der exportabhängigen deutschen Wirtschaft schadet - und andererseits ein fallender Dollar Signal von Schwäche der USA ist. Die deutsche Außenhandelsbilanz dürfte 2008 keinen Beitrag mehr zum deutschen Wirtschaftswachstum beitragen.

Eine weitere Regel heißt, dass ein Boom im Goldpreis  Ausdruck tief empfundener Angst der Anleger ist. Wer Aktien oder dem Dollar misstraut, flüchtet in Gold.

Dieser Tage treten alle diese Regeln zum Beweis an.

Ölpreis: 100 Dollar im Blick

Besonders dramatisch ist der Anstieg des Ölpreises. Auch die Nordseesorte Brent stieg über 85 Dollar, ebenso ein Rekord wie die immerhin 81 Dollar, die in den Erzeugerländern der OPEC verbucht wurden. Selbst inflationsbereinigt sind beinahe die Rekordhöhen von 1979/80 erreicht. "Die Frage ist nicht mehr, ob die 100 Dollar erreicht werden, sondern nur noch, wann", heißt es in einem Bericht von Barclays Capital.

Auch der Euro erreicht im Wochentakt neue Höhen. Für einen Euro bekam man am Donnerstag erstmals mehr als 1,43 Dollar. Noch vor wenigen Monaten hatten die meisten Experten 1,35 Dollar, dann 1,40 Dollar als kritische Marken für die deutsche Wirtschaft genannt. Auch im Vergleich zu fünf weiteren wichtigen Weltwährungen notiert der Dollar so tief wie noch nie, seit das Währungssystem von Bretton Woods Anfang der 70er Jahre aufgelöst wurde. Der Goldpreis bricht täglich 28-Jahresrekorde, zuletzt lag er bei 765 Dollar je Feinunze.

Am schwersten aber dürften für den Aktienmarkt die unbewältigten Folgen der US-Immobilienkrise wiegen. Hunderte Milliarden von Euro an mutmaßlich faulen Krediten türmen sich in den Depots der Banken und deren Zweckgesellschaften. Der Internationale Währungsfonds, der US-Finanzminister und andere berufene Experten warnen davor, dass die Folgen der Kreditkrise noch längst nicht ausgestanden seien.

Aktienmärkte noch unbeeindruckt

Die Aktienmärkte scheinen von alldem völlig unbeeindruckt zu sein. Dax  und MSCI Welt sind nur rund 2 Prozent von ihren bisherigen Rekordniveaus entfernt, die wichtigsten US-Indizes wie der Dow Jones  haben diese Marken vor kurzem geschlagen.

Nach gängiger Definition verdient die Korrektur an den Börsen seit Mitte Juli nicht einmal diesen Namen - die meisten Kurse gingen keine 10 Prozent nach unten.

Die Börse scheint nicht nur gegen schlechte Nachrichten immun zu sein, mehr noch: Sie sucht sie geradezu.

Paradoxe Reaktionen gab es zuletzt besonders nach Hinweisen, dass die US-Wirtschaft schwächer läuft als gedacht: Das Verbrauchervertrauen bricht ein, die Neubauten von Häusern sinken auf den tiefsten Stand seit 14 Jahren, Banken offenbaren Milliardenrisiken? Die Kurse steigen.

Druck aus dem Kessel

Druck aus dem Kessel

Es mag gute Gründe geben, die den vordergründigen Zusammenhang von Öl- und Devisenmarkt mit Aktien außer Kraft setzen. Beispielsweise gibt der starke Euro den Deutschen mehr Kaufkraft und stärkt die Inlandsnachfrage als zweites Bein der Konjunktur neben dem Export. Vor allem aber lässt er Druck aus dem Kessel der enormen US-Auslandsverschuldung.

Teures Öl belastet zwar Industrie und Verbraucher gleichermaßen, belohnt aber alle, die sich auf sparsamen Umgang mit Energie eingestellt haben und kehrt über Petrodollars wieder in den westlichen Wirtschaftskreislauf zurück.

Diese Gründe reichen aber nicht aus, um die ungewöhnlich positive Reaktion der Börse auf negative Impulse zu erklären. Eine Alternative liegt darin, die Phänomene für unwichtig zu erklären. Zuletzt äußerten viele Marktbeobachter Zweifel daran, wie dauerhaft der Anstieg des Ölpreises ist.

Spekulanten treiben Ölpreis: "Im Federkleid des Ikarus"

Spekulanten wie Hedgefonds oder auch große Investmentbanken wie Goldman Sachs  oder Morgan Stanley  machen inzwischen einen großen Teil des Markts aus und wetten auf weiter steigende Preise. "Da wackelt der Schwanz mit dem Hund", meint Energieberater Stephen Schork, Autor des in der Branche beachteten Schork Reports.

"Alles in allem erinnert der Höhenflug des Ölpreises derzeit an den übermütigen Flug von Ikarus", schreibt auch Dora Borbély, Ökonomin der Dekabank, in einer Analyse.

Wie der griechische Sagenheld würden auch die Öl-Bullen "ohne das Federkleid des geopolitischen Risikos und des derzeit herrschenden Bullensentiments" abstürzen. "Offenbar wird in der Risikoprämie bereits die Gefahr eines Flächenbrandes im Nahen Osten einkalkuliert", meint Borbély.

Etwas weniger fein ausgedrückt: Die Anleger wetten auf Krieg. Das ist allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn US-Präsident George Bush schon unverblümt vom "Dritten Weltkrieg" spricht.

Öl wird knapp

Öl wird knapp

Auch ohne kurzfristige Engpässe wird das Öl in fünf Jahren knapp, glaubt man der Internationalen Energieagentur (IEA). Das Angebot wachse langsamer, die Nachfrage aber schneller als gedacht, hieß es jüngst in ihrem Monatsbericht. "Der Anstieg ist ein vollständig fundamental begründetes Phänomen", befinden denn auch die Analysten von Barclays Capital.

"Er ist das Ergebnis einer Dynamik von Angebot und Nachfrage, die sich in einer langsamen Bewegung schon durch das ganze Jahr zog." In neun Monaten ist der WTI-Preis von gut 50 auf knapp 90 Dollar gestiegen, ein Plus von 76 Prozent. In Euro ausgedrückt fiel der Anstieg mit 60 Prozent nur etwas milder aus.

Es sieht also danach aus, als behielten die Öl-Bullen recht. Zudem ist der hässliche Dreiklang von Euro-, Öl- und Gold-Hoch zu deutlich, um für Aktien optimistisch zu bleiben.

Weshalb also bleibt die Börse bei allen Schreckensmeldungen so unglaublich gelassen?

"Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten"

Derek Halpenny, Ökonom der japanischen Bank of Tokyo Mitsubishi-UFJ, liefert eine Erklärung: "Der Markt konzentriert sich auf die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung in den USA am Monatsende." Dafür nämlich sind schlechte Nachrichten gute Nachrichten. Zuletzt beschrieb die US-Notenbank Federal Reserve in ihrem Beige Book Anzeichen, dass sich das Wirtschaftswachstum in den USA deutlich verlangsamt.

Die Fed legt sich also bereits Argumente zurecht, um den Markt am 31. Oktober erneut mit leichterem Geld zu versorgen. Auch in Europa wird der Geldhahn nicht zugedreht.

In ihrem Herbstgutachten gehen die deutschen Konjunkturforschungsinstitute davon aus, dass die Europäische Zentralbank ihren Leitzins noch bis weit ins kommende Jahr bei 4,0 Prozent belässt - obwohl die Sorge vor der Inflation zunimmt und die EZB nach ihren eigenen Regeln bei einer Preissteigerung von über 2 Prozent intervenieren müsste.

Für die Aktienmärkte würde die laxe Geldvergabe einen gewaltigen Schub an zusätzlicher Liquidität bedeuten. Kurzfristig also durchaus ein Segen. Ob die US-Notenbank durch Zinssenkungen den Anlegern aber langfristig alle Sorgen abnehmen kann, bleibt zweifelhaft.

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