ABN Amro Die Zerschlagung einer Großbank

70 Milliarden Euro zahlt ein aus drei Finanzinstituten bestehendes Konsortium für die feindliche Übernahme von ABN Amro. Das Ende des niederländischen Geldhauses ist damit besiegelt. Nun beginnt ein bislang einmaliger Vorgang - die Zerschlagung einer Großbank mit 100.000 Mitarbeitern.

Hamburg – Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Den Wahrheitsgehalt dieses Sprichworts musste Rijkman Groenink schmerzvoll erfahren. Anfang 2005 erstmals aufkommende Gerüchte einer Übernahme der von ihm geführten niederländischen Großbank ABN Amro  durch die Royal Bank of Scotland (RBS)  wiegelte er damals noch mit einem Witz ab: "Der einzige Schotte, den ich sehe, steht im Barregal, und das ist ein Whisky."

Nicht einmal drei Jahre später ist das Ende der 1824 gegründeten Traditionsbank unabwendbar. Die zuvor noch unsichtbaren Schotten gewannen ein im Frühjahr 2007 begonnenes Wettbieten um ABN Amro gegen den britischen Konkurrenten Barclays . Zusammen in einem Konsortium mit der spanischen Bank Santander  und dem belgisch-niederländischen Finanzinstitut Fortis  zahlen sie mehr als 70 Milliarden Euro.

Nach dieser feindlichen Übernahme, die von dem Hedgefonds TCI mit der Forderung nach einer Zerschlagung der holländischen Bank in Gang gesetzt wurde, soll ABN Amro nun unter den drei erfolgreichen Bietern aufgeteilt werden. Ein schwieriges Unterfangen bei einem Unternehmen, das in mehr als 50 Ländern aktiv ist, 4500 Filialen besitzt und rund 100.000 Mitarbeiter beschäftigt.

"Der Stellenabbau dürfte die offiziell gehandelte Zahl von 6400 Arbeitsplätzen in der Zentrale in Amsterdam nicht wesentlich überschreiten", sagt Ralf Breuer, Analyst bei der WestLB, gegenüber manager-magazin.de, "alles, was darüber hinaus von Gewerkschaften genannt wird, sind eher unrealistische Worst-Case-Szenarien." Die Arbeitnehmervertreter sehen bis zu 19.000 Arbeitsplätze gefährdet.

Die Zerschlagungspläne sind klar abgesteckt: Die RBS übernimmt das weltweite Großkundengeschäft und zusätzlich die Aktivitäten in Asien. Fraglich ist, ob der Preis nicht zu hoch ist, den die RBS für ihr Stück vom ABN-Amro-Kuchen zahlt – 26 Milliarden Euro. Das Wort von einem "Eitelkeitskauf" des RBS-Konzernchefs Fred Goodwin macht bereits die Runde. Die Aktie der schottischen Bank hat seit Beginn des Bieterverfahrens deutlich an Wert verloren.

Drei Jahre bis zum Vollzug

Drei Jahre bis zum Vollzug

Die ABN-Amro-Tochterbanken in Italien und Südamerika gehen im Zuge der Zerschlagung an Santander. In Brasilien ist die spanische Bank bereits mit Banespa aktiv. Santander plant angeblich, zur Unterstützung des Finanzierungsanteils von 20 Milliarden Euro nahezu alle eigenen Immobilien und Grundstücke in Spanien zu veräußern. Diese sollen dann zurückgeleast werden.

Fortis bleiben für 24 Milliarden Euro, zum Teil durch eine Kapitalerhöhung finanziert, neben der Vermögensverwaltung und dem Private Banking die ABN-Amro-Filialen in den Niederlanden. Damit peilt die Gruppe die Marktführerschaft im Benelux-Raum an.

"Fortis besitzt viel Erfahrung mit Zusammenschlüssen von Finanzinstituten und weiß, was es bedeutet, nationale Gegensätze zu überwinden und unterschiedliche Unternehmenskulturen zu überbrücken", sagt Bankenanalyst Breuer. Allerdings verlangen die Aufsichtsbehörden von Fortis, einen Teil – etwa 10 Prozent - des eigenen Geschäfts zu verkaufen.

Experten vermuten, dass die Zerschlagung der ABN-Amro-Bank lange dauern könnte. Auch Breuer geht davon aus: "Ich sehe einen Zeithorizont von drei Jahren, bis auch bei den schweren Operationen Vollzug gemeldet werden kann. Kleinere Fusionen wie das Brasilien-Geschäft von ABN Amro mit den dortigen Santander-Aktivitäten lassen sich natürlich schneller durchführen", so der Branchenkenner.

Die drei Gewinner im Bieterstreit um ABN Amro können sich immerhin noch über 15 Milliarden Euro in der Kasse des übernommenen Instituts freuen - Geld, das durch den kurzfristigen Verkauf der US-Tochter LaSalle an die Bank of America  eingenommen wurde. Diesen Schritt hatte Groenink noch eingefädelt, um sein Haus für eine Übernahme unattraktiver zu machen.

Kein Malt Whisky zum Abschied

Kein Malt Whisky zum Abschied

Genützt hat es nichts. Groenink steht nun als Verlierer da – genauso wie die von ihm im Bieterkampf favorisierte Barclays Bank: "Barclays muss zusammen mit ihren asiatischen Co-Investoren überlegen, welche Schritte nun zu tun sind. Es ist davon auszugehen, dass die Verantwortlichen im Vorfeld nicht nur eine einzige strategische Option geprüft haben", so Analyst Breuer.

Das Übernahmekarussell auf dem Bankenmarkt könnte sich also trotz der Kreditkrise schnell weiterdrehen. Viele Insitute fürchten, das nächste Opfer einer Übernahme zu werden und wollen deshalb lieber selbst aktiv agieren. "Die Kreditkrise liefert bezüglich einer weiteren Konsolidierung auf dem Bankenmarkt Argumente in beide Richtungen", sagt Breuer, "ein gewisses Misstrauen innerhalb der Branche ist zwar gewachsen, doch oft fördern solche Krisen eine Entwicklung eher, als sie zu stoppen".

Für den ehemaligen ABN-Amro-Chef Groenink ist das Spiel jedoch vorbei, die Kritik in den Niederlanden ist groß, er muss seinen Posten räumen. Die Abberufung wird am 1. November auf einer außerordentlichen Hauptversammlung erfolgen. Sein Nachfolger steht auch schon fest: der RBS-Mann Mark Fisher.

Die drei Vorstandschefs des Übernahmekonsortiums, Fred Goodwin (RBS), Jean-Paul Votron (Fortis) und Alfredo Saenz (Santander), werden zumindest für die Übergangsphase in den Aufsichtsrat einziehen.

Groeninks Abschied wird ihm natürlich finanziell versüßt - nach Schätzungen von Analysten erhält er aus seinen realisierten Aktienoptionen etwa 30 Millionen Euro. Ob sich der Banker nach 33 Jahren Tätigkeit für ABN Amro davon auch einen guten schottischen Malt Whisky gönnen wird, ist allerdings mehr als fraglich.

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